23.01.2009 · Der Weltmeister ist bei der Handball-WM in Kroatien auf einem überraschend guten Weg. Zwei Starke Torhüter und ein geschlossenes Team stimmen Bundestrainer Heiner Brand vor dem Spiel gegen Serbien am Samstag um 17.30 Uhr zuversichtlich.
Von Rainer Seele, ZadarNicht, dass Heiner Brand wirklich aufgekratzt gewesen wäre, aber er befand sich in ausgesprochen guter Stimmung. So gelöst war der Bundestrainer, dass er sich mit kritischen Bemerkungen deutlich zurückhielt. Brand, der akribische Arbeiter, rang sich dazu durch, vor allem die „positiven Dinge“ zu sehen. Jene, die ihm missfallen haben, behandelte er nur am Rande, bevor er mit seiner Mannschaft am Freitag nach Zadar aufbrach.
Dort absolvieren die Deutschen den zweiten Teil der Handball-Weltmeisterschaft in Kroatien, sie treffen an diesem Samstag zunächst auf Serbien (siehe: Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen), am Sonntag auf Norwegen und schließlich am Dienstag auf Europameister Dänemark (jeweils 17.30 Uhr). Deutschland geht die Hauptrunde beflügelt an, der Weltmeister von 2007 spekuliert bereits mit dem Halbfinale, er wähnt sich in einer aussichtsreichen Lage. Das hat in erster Linie mit der „Formel vier“ zu tun: Mit dem souveränen 30:23-Sieg über Polen erhöhten die Deutschen ihr Hab und Gut vor dem Intermezzo in Zadar auf vier Punkte, was ihnen als ein komfortables Polster erscheint. „Vor einer Woche“, sagte Brand zufrieden, „hätte ich das nicht für möglich gehalten.“ Zumal nach einer Vorbereitung, die, wie der Bundestrainer es formulierte, „holprig“ verlaufen ist. (siehe auch: Handball-WM: Deutsches Team mit Maximalpunktzahl)
Zwei starke Keeper
Sein Team, das er vor dem Championat in Kroatien einem gewissen Revirement unterzogen hatte, wuchs offensichtlich mit seinen Aufgaben. Immer wieder offenbarte es zwar Unzulänglichkeiten, und doch trauten sich die Deutschen immer mehr zu, und ihre Verunsicherung nahm ab. Sie hoffen nun, weiter zulegen zu können. Das wird von den Spielern auch als notwendig erachtet. Carsten Lichtlein beispielsweise sagte, man müsse noch „eine Schippe drauflegen“. Nicht zuletzt an Lichtlein hatten sich die Deutschen gegen Polen aufgerichtet, der Torhüter, der den zuvor meist überzeugenden Hamburger Johannes Bitter ersetzt hatte, bot eine exzellente Leistung.
Zumindest auf dieser Position also verfügt Brand über zwei zuverlässige Kräfte, das dürfte seine Zuversicht vor den nächsten Herausforderungen stärken. Der Bundestrainer hat nicht immer diese Wahl, vorläufig jedoch machte sich das nicht allzu negativ bemerkbar. Brand muss etwa darauf setzen, dass Pascal Hens im linken Rückraum seinen Mann stehen kann, der von Lemgo nach Göppingen wechselnde Lars Kaufmann kann Hens in der Regel nicht adäquat vertreten. Immerhin stellte Brand mit Genugtuung fest, dass Spieler, die als feste Größen vorgesehen sind, sich während der WM mehr und mehr stabilisieren.
Das gilt für den Nordhorner Holger Glandorf, der zunächst einige Schwächen offenbart hatte, inzwischen aber seine Rolle fast wieder wie gewünscht ausfüllt. Auch bei Spielmacher Michael Kraus ist eine Weiterentwicklung zu erkennen; der Lemgoer, von einem Muskelfaserriss in der Wade genesen, fiel gegen die Polen durch sein dynamisches Auftreten, seinen Drang zum Tor auf.
Brand: „Jeder ist mit dem Herzen dabei“
Über die Einstellung seines Teams mag Brand ohnehin nicht klagen. „Jeder“, behauptet der Gummersbacher, „ist mit dem Herzen dabei.“ Mittlerweile registriert er auch mit Wohlgefallen, dass seine teilweise verjüngte Handball-Gemeinschaft einen Reifeprozess durchläuft, den er ihr nicht zugetraut hatte – jedenfalls nicht in dieser Geschwindigkeit. Er sprach von schnellen Fortschritten, von einem stetigen Wachstum, und er betonte, dass die Spieler zuletzt eine „ganz wichtige“ Erfahrung gemacht hätten: Sie gewannen seiner Meinung nach die Erkenntnis, mit den Topteams im Handball „auf einer Höhe“ zu sein, jedenfalls an ihren besseren Tagen.
Ob der Bundestrainer mit dieser Einschätzung tatsächlich richtig liegt, wird sich vom Wochenende an erweisen. Brand spürt angeblich auch, dass die Darbietungen seines Teams in Kroatien in der Heimat frisches Interesse am Handball weckten. „Man hört“, sagte er, „dass die Begeisterung in Deutschland wieder da ist.“ Er betrachtet das als Indiz dafür, dass mit diesem Sport, dessen Image durch die finanziellen Probleme bei manchen Bundesligavereinen ein wenig gelitten hatte, doch einiges zu bewegen sei.
Fest entschlossen, den Weg fortzusetzen
Brand glaubt auf alle Fälle, die passenden personellen Maßnahmen nach der Enttäuschung bei den Olympischen Spielen ergriffen zu haben. Er zeigt sich in Kroatien fest entschlossen, diesen Weg fortzusetzen. Um die Balance im deutschen Gefüge zu erhalten, um die neu entstehende Hierarchie nicht zu beeinträchtigen, hatte er sich bei der Nachnominierung eines Rechtsaußen für den Göppinger Christian Schöne entschieden – und gegen den Lemgoer Recken Florian Kehrmann, der einst einer der Platzhirsche im deutschen Team war. „Für ihn ist eine Pause mal gut“, sagte Brand. Und er fügte hinzu, dass es sinnvoll sei, diese Gruppe zusammenzulassen, ihr Vertrauen zu geben.
Von Varazdin nach Zadar – und gleich weiter in den Kreis der vier besten Teams? Mancher gab sich sehr forsch, der Lemgoer Sebastian Preiß zum Beispiel zählte dazu. Der Kreisläufer machte klar, was die Deutschen bei ihrer kroatischen Reise jetzt anstreben: „Wir wollen in das Halbfinale.“ Nicht jeder aber mochte sich – offiziell – so angriffslustig äußern. Abwehrchef Oliver Roggisch etwa gerierte sich ganz als Brand-Jünger: nur nicht über mehr als zwei Tage hinausblicken bei einem Turnier. „Wir haben einen Trainer“, sagte Roggisch mit einem Schmunzeln, „der uns verbietet, so zu denken.“
Brand, für gewöhnlich zur Vorsicht neigend, blieb dann auch eher in der Defensive, er redete über die Belastungen in den vergangenen Tagen, über einen möglichen Substanzverlust. Über die künftigen Chancen seines Teams sagte er nur so viel: „Man versucht alles.“ Immerhin gab es am Freitag weiteres Erhellendes: Die Deutschen haben Nässe und Nebel erst mal hinter sich gelassen. In Zadar schien ihnen die Sonne. FAZ.NET-Sonderseite: Handball-WM 2009
Deutschland steuert bei der Handball-WM das Halbfinale an. Die Maßnahmen von Trainer Brand entfalten immer besser ihre Wirkung.
Von Rainer Seele