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Handball-WM Angriff auf den „Pharao“

21.01.2009 ·  Durch die „Handball-Familie“ geht ein Riss. Generalsekretär Mühlematter kritisiert den Führungsstil von Präsident Moustafa und fordert dessen Rücktritt. „Für den Handball ist eine solche Leitung gar nicht gut.“

Von Rainer Seele, Varazdin
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Der Präsident pflegt seine öffentlichen Auftritte auf besondere Art zu inszenieren. Er gibt sich stets freundlich, das ständige Lächeln gehört zu seinen Markenzeichen, allerdings wirkt es häufig aufgesetzt. Hassan Moustafa scheint sehr von sich überzeugt zu sein, und er versucht seinen Gesprächspartnern bei jeder Gelegenheit klarzumachen, worum es sich bei der internationalen Handball-Gemeinschaft handelt – nämlich um eine große Familie. In diesem Gefüge gibt es inzwischen aber beträchtliche Risse, und Moustafa selbst, seit 2000 Chef des Internationalen Handball-Verbandes (IHF), ist keinesfalls unumstritten.

Innerhalb der IHF regt sich zwar bislang kaum Widerstand – ein Mann aber scheut sich mittlerweile nicht mehr, Kritik an dem Ägypter Moustafa zu üben. Und mehr noch: Er fordert eine personelle Erneuerung an der Spitze der IHF, weil er findet, dass Moustafa nicht mehr tragbar ist. Der Angriff auf den „Pharao“, so der Spitzname Moustafas, kommt aus der Schweiz, von einem Mann in gehobener Position, von dem Berner Peter Mühlematter, dem Generalsekretär der IHF. Er sagt über Moustafa: „Für den Handball ist eine solche Leitung gar nicht gut.“

„Jeder Männerchor in der Schweiz macht das besser“

Mühlematter hält sich derzeit in Varaždin auf, in der Stadt also, in der die deutsche Nationalmannschaft ihre Vorrundenspiele bei der Weltmeisterschaft bestreitet. (Siehe: FAZ.NET-Sonderseite: Handball-WM 2009). Der Schweizer nimmt repräsentative Aufgaben wahr, er ist in Varaždin auch schon Moustafa begegnet. Die beiden Männer haben sich jedoch nicht mehr viel zu sagen, das Verhalten des Ägypters ihm gegenüber beschreibt Mühlematter so: „Er schaut vorbei.“ Moustafa unterhielt sich dagegen in Varaždin angeregt mit Ulrich Strombach, dem ersten Mann im Deutschen Handball-Bund.

Mühlematter beklagt nicht zuletzt den Führungsstil von Moustafa, der sich wie ein Alleinherrscher geriert. Mit Widerspruch, sagt der Generalsekretär, könne Moustafa nicht umgehen. Es geht in der Causa Moustafa um Machtansprüche, in die Schusslinie soll er aber auch wegen fragwürdiger finanzieller Transaktionen geraten sein. Dabei spielen angeblich auch Spesenabrechnungen von Moustafa eine Rolle, die manchem IHF-Mitglied nicht nachvollziehbar zu sein scheinen. Auch aus diesem Grund sagt Mühlematter: „Er müsste sein Amt niederlegen.“

Immer wieder neue Merkwürdigkeiten in der Welt des Handballs

Moustafa, erzählt Mühlematter weiter, hätte dies eigentlich schon im September 2007 tun müssen. Da nämlich sei er, wie es heißt, wegen des Verdachts der finanziellen Unregelmäßigkeiten ultimativ zum Rücktritt aufgefordert worden – von dem Spanier Miguel Roca, dem Schatzmeister der IHF. Es sei um Dinge gegangen, sagt Mühlematter, „die bei der IHF nicht geschehen dürfen“. Und er fügt hinzu, dass man die Angelegenheit damals sehr diskret behandelt habe. Moustafa aber überstand den kleinen Sturm, er wies die Vorwürfe zurück und behauptete, nichts falsch gemacht zu haben. Roca, kuriose Fügung, zählt heute zu den stärksten Befürwortern von Moustafa, er wurde sogar bei der WM in Kroatien als Wettkampfleiter eingesetzt.

Für Mühlematter gibt es eine Reihe weiterer Unzulänglichkeiten, etwa bei der Gestaltung oder Auslegung von Statuten: „Jeder Männerchor in der Schweiz macht das besser.“ Er äußert auch Unmut über den Ausschluss Ozeaniens als Kontinentalverband aus der IHF. Das war im vergangenen Oktober bei einer Ratssitzung erfolgt; doch nur der IHF-Kongress hätte dies laut Mühlematter entscheiden können.

Zweifelhafte Pfiffe, Mängel im Anti-Doping-Kampf

So tauchen immer wieder neue Merkwürdigkeiten in der Welt des Handballs auf, dessen Image just in jüngerer Vergangenheit arg gelitten hat. Durch zweifelhafte Pfiffe von Schiedsrichtern, durch Mängel im Anti-Doping-Kampf (siehe: Streit im Handball-Verband: „Nur die ganz Dummen dopen im Wettkampf“). Als eine weitere schwache Stelle nennt Mühlematter den Umgang der IHF mit ihrer Athletenkommission, die sich um das Wohl der extrem belasteten Spieler kümmern soll. Dieses Gremium kann seinen Auftrag aber angeblich nicht erfüllen, es werde, so Mühlematter, bewusst blockiert. Moustafa, der in diesem Jahr wieder für seinen Posten kandidieren will, und auch sein Kompagnon Roca würden diese Gruppe als bösartige Gewerkschafter betrachten, „als Feinde“.

Mühlematter selbst hat den Zorn von Moustafa schon deutlich zu spüren bekommen. Ende letzten Jahres hatte er dem ägyptischen Funktionär in einem Brief mitgeteilt, dass er ihn doch ungestört sein Amt ausüben lassen möge. Ein IHF-Mitarbeiter antwortete Mühlematter daraufhin, dass er seinen Schlüssel zum IHF-Sitz in Basel zurückgeben solle. Ohnehin müsse, so wird kolportiert, neuerdings jeder, der in Basel vorstellig werden möchte, zunächst ein schriftliches Gesuch an das Büro von Moustafa richten.

„Er bestimmt“, sagt Mühlematter, „wer das Haus betreten darf.“ Der Schweizer fühlt sich in der IHF isoliert, und ihm schwant, dass sich seine Lage durch die Offensive gegen Moustafa wohl weiter verschlechtern wird. Er mag trotzdem nicht mehr schweigen, Mühlematter will das jedoch nicht als Rachefeldzug verstanden wissen. Er betont: „Man kann nicht einfach davonlaufen, wenn es schwierig wird.“ Er bescheinigt sich hehre Motive, möchte dem Handball helfen – und angeblich wachrütteln: Mühlematter hofft, dass sein Vorgehen „Menschen mit Einfluss“ nachdenklich macht. Moustafa dürfte er damit wohl kein Lächeln entlocken.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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