Home
http://www.faz.net/-g9m-11oy0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Handball-Kommentar Verschnaufpause? Pustekuchen!

25.01.2009 ·  Ausgepumpt, angeschlagen, erholungsbedürftig. Die Spieler bieten bei der Handball-WM Bilder des Jammers, Szenen, die dem Renommee des Sports kaum förderlich sind. Der Termin-Kalender müsste dringend durchforstet werden.

Von Rainer Seele
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ausgepumpt, angeschlagen, erholungsbedürftig: Der Handball fordert seine Protagonisten immer wieder bis auf das Äußerste, und manchen scheint er bisweilen sogar zu überfordern. Spieler, die am Boden liegen, die sich behandeln lassen müssen, die humpelnd zurückkehren – und dann doch erkennen müssen, dass sie den Dienst nicht mehr aufnehmen können. Bilder des Jammers, Szenen, die dem Renommee des Handballs kaum förderlich sind.

Wer – wie die Mannschaften bei der WM – sieben Spiele innerhalb von etwas mehr als einer Woche bestritten hat, sehnt sich nach Ruhe, nach Regeneration. Pustekuchen. Noch ist das kroatische Intermezzo nicht beendet, doch auch danach geht die Hatz gleich weiter, da die nationalen Ligen ihren Betrieb sofort wiederaufnehmen. Keine Zeit zum Entspannen, und mancher Klub wird fürchten, mit lädierten Rückkehrern nur schwer wieder in Schwung zu kommen.

„Die Härte des Programms ist fast unmenschlich geworden“

Der Handball-Kalender müsste dringend durchforstet werden, seit längerem wird darüber auch schon diskutiert. Die Stars klagen über eine Inflation von Wettbewerben, sie fühlen sich als Spielball der Funktionäre – und müssen vorerst selbst nach Wegen suchen, um den permanenten Stress zu bewältigen. Nicht wenigen hilft nur noch der Griff zu Schmerzmitteln. „Die Härte des Programms ist fast unmenschlich geworden“, klagt beispielsweise der norwegische Torhüter Steinar Ege.

Nikola Karabatic, französische Rückraum-Größe, hatte sogar überlegt, auf die Teilnahme an der WM zu verzichten, er müsste eigentlich am Ellbogen operiert werden. Nun ist der Mann vom THW Kiel doch wieder im Einsatz, er sieht sich angeblich in der Pflicht, für den Handball in Frankreich auch jetzt etwas leisten zu müssen. Allerdings kritisiert auch er die Terminfülle. Weil bisher keine Lösung in Sicht ist, weil die internationalen Verbände zwar Debatten führen, aber nicht handeln, spricht Karabatic von der Gründung einer Spielervereinigung – ob ein solches Gremium sich wirklich bemerkbar machen könnte, ist gleichwohl nicht automatisch gewährleistet.

Eine ordnende Hand täte dem Handball gut

Die Europameisterschaft alle zwei Jahre, die WM alle zwei Jahre, dazu noch Olympische Spiele, Qualifikationsturniere und eine wachsende Champions League: Der europäische und der internationale Verband, die EHF und die IHF, können mit dieser immer dichter werdenden Terminstruktur zwar Reibach machen, sie wähnen ihren Sport dadurch auch stark verankert in der öffentlichen Wahrnehmung. Für jene hingegen, die sich fast ohne Unterlass ins Getümmel stürzen müssen, ist dies Raubbau am Körper.

Die Klubs glauben zwar, von der EHF inzwischen ein größeres Mitspracherecht eingeräumt zu bekommen, es geht dabei nicht zuletzt um Wettkampfplanungen. Doch vermutlich wird, hauptsächlich wegen der wirtschaftlichen Interessen von EHF und IHF, die Gestaltung der internationalen Termine so schnell nicht modifiziert werden, obwohl dies doch zum Wohl der Hauptdarsteller wäre.

Eine ordnende Hand täte dem Handball gut. Ohne sie könnte manches von der Faszination, die von diesem Sport ausgeht, verlorengehen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge