17.01.2009 · Die Pappkronen liegen in der Ecke, die Brandschen Klebeschnauzer haben die meisten Haare verloren, doch der Werbeeffekt der WM im eigenen Land ist noch gegenwärtig. Mit dem Boom indes könnte es schneller vorbei sein als manchem lieb ist.
Von Katharina BlumDer Alltag ist längst zurück: Die goldenen Pappkronen liegen zerknickt in der Ecke, die Brandschen Klebeschnauzer haben die Haare verloren, der Glanz der Weltmeisterschaft 2007 im eigenen Land ist verblasst. Bevor die deutsche Handball-Nationalmannschaft das Projekt „Titelverteidigung“ an diesem Samstag mit dem Spiel gegen Russland (17.30 Uhr / Live bei RTL und bei Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen) und vagen Aussichten auf Erfolg in Kroatien angeht, gab es für Heiner Brands Männer schon eine mittelgute Europameisterschaft - Platz vier - und ein enttäuschendes Olympiaturnier - Aus in der Vorrunde - zu verdauen.
Es war zu erwarten, dass die WM in Deutschland etwas sein würde, was es in dieser Sportart so noch nie gegeben hatte. Doch mit einem solchen Erfolg hätten damals selbst die größten Optimisten nicht gerechnet. Für 17 Tage war Deutschland Handballland. Vom eigentlichen Spiel musste man gar nicht allzu viel verstehen - es ging nur darum, dabei zu sein. Wie beim großen Bruder Fußball hatten sich die Menschen in schwarz-rot-gold verkleidet, Tausende sind zum Public Viewing gekommen. Das „Sommermärchen“ fand seine Fortsetzung im „Wintermärchen“ - mit neuen Protagonisten, neuen Helden.
Der Werbeeffekt ist noch nicht verpufft
Doch was ist beim Deutschen Handball-Bund (DHB) übrig geblieben von dem Fest? Zuschauerrekorde, höhere Etats, mehr Fernsehbilder - der Werbeeffekt ist auch zwei Jahre später noch nicht ganz verpufft. „Die WM 2007 in Deutschland hat im Handball für einen ungeheuren Aufschwung gesorgt. Neben dem Imagegewinn schlägt sich das nun auch in den gestiegenen Mitgliederzahlen nieder“, sagt DHB-Präsident Ulrich Strombach.
Dem Verband gehören inzwischen 842.070 Mitglieder an, so viel wie noch nie in seiner 59-jährigen Geschichte. Zu diesem Ergebnis kam der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in seiner jüngsten Erhebung. Dabei sollen die Kinder noch nicht mal berücksichtigt sein, die nach der WM in Scharen in die Vereine eingetreten seien. Beim DHB hatte man sich dem erhofften Boom gestellt, sogar ein Buch herausgebracht für den potentiellen Nachwuchs: „Kinder für Handball begeistern“, so der Titel. „Am Anfang war man etwas überfordert mit dem großen Ansturm. Zu wenig Hallenkapazitäten, zu wenig qualifizierte Trainer im Kinder- und Jugendbereich“, sagt Renate Schubert, die Autorin.
Mehr Kinder in Hallen - mehr Umsatz bei Vereinen
Die Anfangsschwierigkeiten seien dank Fortbildungen und Kooperationen mit Schulen und Ministerien mittlerweile überwunden, man sei nun bestens aufgestellt für die neue Generation. Die Erstauflage des Buches mit 4000 Exemplaren war innerhalb von drei Monaten vergriffen.
Auch die großen Vereine haben profitiert. Nach einer Statistik der Beratungsgesellschaft Deloitte hat die Deutsche Handballliga mit 36 Prozent im Jahr 2008 - der Umsatz stieg von 54,8 auf 74,6 Millionen Euro - das stärkste Wachstum aller Spielsportarten hingelegt, während die entsprechenden Zahlen etwa für Eishockey und Basketball im einstelligen Bereich liegen.
Wetteifern der Klubs um Titel und Anerkennung
Mehr Zuschauer, mehr Sponsoren, mehr Fernsehbilder - da muss auch mehr geboten werden. Um mithalten zu können, müssen die Vereine immer tiefer in die Tasche greifen. Stars wie Nikola Karabatic beim THW Kiel sollen Brutto-Einkommen von fast 40.000 Euro im Monat bekommen - das muss man sich leisten können. Mancher Klub muss mit dieser Summe vier oder fünf Spieler bezahlen. Und andere können nicht mehr mithalten, schlittern wie Tusem Essen in die Insolvenz.
Beim Wetteifern der Klubs um Titel und Anerkennung bleibt auch der deutsche Nachwuchs schnell auf der Strecke. Wenn in den Vereinen zu viel Platz für ausländische Profis ist, wird der Kreis, aus dem Brand seine Spieler rekrutieren kann, immer kleiner. Neue Männer für die deutsche Nationalmannschaft sind schwieriger zu finden.
Der Einstieg von RTL zeigt den gehobenen Stellenwert
In diesem Jahr will der Privatsender RTL die Handball-WM getreu dem Motto „Der ganz große Wurf“ zum schicken Fernseh-Ereignis machen. Doch nur mit dem entsprechenden sportlichen Erfolg des Titelverteidigers dürften wieder solche Traumquoten erreicht werden wie beim WM-Finale vor zwei Jahren, als in der Spitze 20,1 Millionen Zuschauer das Finale zwischen Deutschland und Polen (29:24) an den Fernsehschirmen verfolgten. Einen Marktanteil von 58,3 Prozent durfte damals noch die ARD bejubeln.
Doch eine Prognose für das Abschneiden der umformierten deutschen Mannschaft ist mehr als ungewiss. Einige Helden von einst sind nicht mehr dabei: Der langjährige Kapitän Markus Baur hat sich in den Trainerstand verabschiedet. Christian Zeitz will sich künftig ganz auf seinen Klub, den THW Kiel, konzentrieren. Florian Kehrmann gönnt sich eine Auszeit; auch Henning Fritz und Christian Schwarzer stehen nicht mehr auf Brands Liste. Ein Aus in der Zwischenrunde ist durchaus möglich. Und dann könnte es mit dem Boom schneller wieder vorbei sein, als manch einem lieb ist.