06.09.2007 · In einer Garage in der sauerländischen Provinz ist eine noch nie dagewesene Anschlagsserie geplant worden. Mehr als 600 Sicherheitskräfte observierten die Täter, auch standen sie unter Beobachtung der Geheimdienste. Die unmittelbare Bedrohung sei mit ihrer Verhaftung abgewendet, hieß es. Aber die Gefahr ist noch lange nicht vorbei. Von Peter Carstens.
Von Peter CarstensEs begann im Herbst 2006 mit einem Anruf. Amerikanische Geheimdienstler meldeten sich bei ihren deutschen Kollegen, um Auffälliges zu berichten: Rund um eine amerikanische Kaserne in Hanau-Lamboy trieben sich Leute herum, die offenbar die Liegenschaften ausspähten. Man hatte sie auch an anderen Objekten schon beobachtet. Jetzt, so die Bitte, sei es an der Zeit, ein größeres Netz auszuwerfen.
Das geschah. Zunächst begannen Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst, ihre Fühler auszustrecken: Observation, Telefonüberwachung, Computerbeobachtung wurden in Gang gesetzt. Bald wurde klar, die Beobachteten waren nicht zufällig unterwegs. Zwei Deutsche, die zum Islam konvertiert und dann zunehmend radikaler geworden waren - Fritz G. und Daniel S. - sowie ein Mann mit türkischem Pass aus Hessen, Adem Y., waren schon früher aufgefallen, unter anderem, weil sie Ausbildungslager in Pakistan besucht hatten. In Pakistan konnte ermittelt werden, dass sie dabei im Bombenbau unterwiesen worden waren. Sie wurden als Mitglieder einer neu gegründeten Zelle der Organisation „Islamistische Dschihad Union“ geortet, die in Nordpakistan ihr operatives Zentrum unterhält.
Alarmierende Ermittlungsergebnisse
Anfang Januar 2007 informierten die Dienste über das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) erstmals auch einen Vertreter der Bundesanwaltschaft. Während allmählich immer weitere Polizeikreise in die Beobachtungen und präventiven Maßnahmen einbezogen wurden, wuchs unentwegt die Zahl der Verdächtigen und der Objekte, die es zu überwachen galt. Zur Spitzenzeit der Fahndungsmaßnahmen waren mehr als vierzig Objekte unter täglicher und nächtlicher Beobachtung, das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter und der Verfassungsschutz waren mit mehr als sechshundert Beamten im Einsatz.
Was sie sahen und hörten, war äußerst alarmierend: Die drei unterhielten Kontakte in alle Himmelsrichtungen und begannen bald damit, sich systematisch das Nötige für eine in Europa noch nicht dagewesene Anschlagsserie zu beschaffen. Zwischen Februar und August kauften sie immer neue Fässer mit Wasserstoffperoxid zusammen, einer höchst prekären Flüssigkeit, der man mit wenigen Zusätzen zu gewaltiger Sprengkraft verhelfen kann. Ein blaues 60-Liter-Fass nach dem anderen wurde in eine eigens dafür angemietete Garage nach Freudenstadt im Schwarzwald gebracht. Die Amerikaner, inzwischen ziemlich aufgeregt wegen der Entwicklung, entschlossen sich Ende April, ihre Bürger über die Botschaft vor Anschlägen in Deutschland zu warnen.
Abschiedsvideos nach Art der Selbstmordattentäter
Das Rätselraten darüber, was es damit auf sich hatte, löste sich teilweise in einem alarmierenden Bericht der Zeitschrift „Focus“. Darin wurde die Gruppe ziemlich detailliert beschrieben, von den Beziehungen nach Pakistan und Usbekistan berichtet und davon, dass die Männer schon Abschiedsvideos nach Art der Selbstmordattentäter gedreht hätten. Für die Sicherheitsbehörden war dieser „Focus“-Bericht eine kleine Katastrophe. Sie erwarteten das unmittelbare Abtauchen der Gruppe, die sich unterdessen einerseits von deutschem Arbeitslosengeld und andererseits von bislang nicht identifizierten Geldgebern finanzierte.
Doch nichts dergleichen geschah. Die Gruppe intensivierte noch einmal die Konspiration, versuchte besser abzuschotten. Doch ahnten die zwanzig bis dreißig Jahre alten Männer wohl nicht, dass sie im Mittelpunkt der wohl größten Überwachungsoperation des Anti-Terrorkampfes der vergangenen Jahre waren. Ihre Einkäufe, Reisewege, Handy-Telefonate und ihre E-Mails, alles wurde observiert. Im Landeskriminalamt Baden-Württemberg, das personell dabei einen großen Teil der Last trug, legte man zeitweise ganze Ermittlungszweige anderer Kriminalitätsfelder still, um den Aufwand zu bewältigen. Mehr als fünfhunderttausend Euro wurden alleine dort binnen Kurzem in zusätzliche Technik investiert.
720 Liter Wasserstoffperoxid
Doch Unsicherheiten blieben und bleiben bis heute: Wie viele sind es tatsächlich? Haben sie noch mehr Sprengstofflager? Woher kommt das Geld? Wer sind die Auftraggeber? Was die genauen Ziele? Inzwischen hatten sich in der Freudenstädter Garage 720 Liter Wasserstoffperoxid angesammelt, das zwanzigfache des Terroranschlags von Madrid, bei dem 191 Menschen getötet worden waren. Offenbar, so die Vermutung der Fahnder, plante die Gruppe eine Serie simultaner Anschläge mit Autobomben auf amerikanische Einrichtungen, möglicherweise aber auch auf den Frankfurter Flughafen.
Im Juli entschloss man sich daher zunächst einmal zu einer Entschärfung der Lage. Mit richterlicher Genehmigung drangen Polizisten heimlich in die Lagergarage mit dem Wasserstoffperoxid ein und wechselten die hochkonzentrierte Flüssigkeit (35 Prozent) gegen eine ungefährliche Panscherei (3 Prozent) aus. Was immer die Zelle anfangen wollte, die zwölf Fässer waren nun wertlos.
„Es ist noch lange nicht vorbei“
Die Gruppe schritt unterdessen immer weiter auf die Tat zu. Am 17. August mieteten die drei ein Ferienhaus im Sauerland. Dort, in Medebach-Oberschledorn am Rothaargebirge, sollten die letzten Vorbereitungen für die Anschlagsserie getroffen werden: Militärische Zünder wurden eingelagert, am 2. September holte die Gruppe aus dem Schwarzwald eines der Fässer ins Sauerland. Am vergangenen Montag, dem 3. September, kauften sie elektronische Bauteile und weitere Kabel in Dortmund und fuhren wieder zurück ins Sauerland. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Weil sie am hellichten Tag mit voll aufgeblendeten Scheinwerfen umherfuhren, hielt eine Streife der ahnungslosen Verkehrspolizei einen oder mehrere Mitglieder der Bande an, kontrollierte die Papiere, unternahm aber nichts weiter.
Die Gruppe, extrem nervös geworden, fuhr ins Ferienhaus zurück und erwog zunächst den sofortigen Abbruch der Operation. Dann aber blieb sie doch und begann am Dienstagmittag um 13.42 Uhr, mit dem verwässerte Wasserstoffperoxid zu hantieren. Was immer den Meinungsumschwung brachte, jedenfalls entschloss sich die Gruppe dann plötzlich, das Haus zu verlassen.
Weil alle Beweismittel zusammen waren und zumindest der Kern der Terrozelle lokalisiert war, entschlossen sich die Strafverfolger zum Zugriff. Innerhalb von Sekunden wurden zwei der mutmaßlichen Täter von der GSG 9 überwältigt. Der dritte Mann floh zunächst durch ein Badezimmerfenster des Ferienhauses, konnte aber nach wenigen Metern von BKA-Beamten gestellt werden. Herbeieilende BKA-Polizisten überwältigten den Terrorverdächtigen, der wie die beiden anderen Festgenommenen später dem Haftrichter vorgeführt wurde. Die unmittelbare Bedrohung sei, so heißt es am Mittwoch, abgewendet. Aber auch: Es ist noch lange nicht vorbei.
Reine Spekulation....
Albert Huber (AlbertHuber)
- 05.09.2007, 22:44 Uhr
Verwässerte Chemikalien?
Frank Jansen (Jansen.F)
- 05.09.2007, 23:10 Uhr
@ F. Jansen
Heinz Mueller1 (HeinzMueller1)
- 05.09.2007, 23:44 Uhr
Stickstoffperoxid......
wolf haupricht (emilgilels)
- 06.09.2007, 00:03 Uhr
Also ehrlich gesagt
gisbert heimes (gisbert4)
- 06.09.2007, 00:09 Uhr