07.09.2007 · Einen Tag lang blickte die Welt nach dem Zugriff auf drei mutmaßliche Terroristen auf Oberschledorn im Sauerland. Der Spuk ist vorbei. Nun kehrt die Normalität zurück - doch die wichtigste Frage bleibt weiterhin ohne Antwort. Von Peter Schilder.
Von Peter Schilder, OberschledornAm Morgen suchen Männer in weißen Overalls immer noch nach den Spuren des Schusses. Des einzigen Schusses, der beim Zugriff auf die drei mutmaßlichen Terroristen in Medebach-Oberschledorn gefallen ist. Dann graben die weißen Männer einen Grenzstein aus und nehmen ihn mit. Mittags ist die Polizei verschwunden. Am Abend zieht schon wieder der Knappenverein durch die Straßen der Nachbarschaft.
Dort soll am Samstag Hochzeit sein. Die jungen Leute des Dorfes kommen, um das „Knappe-Geld“ vom Bräutigam zu kassieren. Es muss reichen, sie einen Abend lang freizuhalten, sonst darf er seine Braut nicht heiraten. Es soll eine große Hochzeit werden. Die Normalität kehrt zurück in den Ort im Sauerland, auf den einen guten Tag lang die Welt blickte.
Oberschledorn trägt wieder sein Alltagsgewand
Selbst in der „Washington Post“ tauchte Oberschledorn auf, zwischen den üblichen Schauplätzen der Weltpolitik, und auch noch richtig geschrieben, wie ein junger Mann stolz feststellt. Bürgermeister Nolte gab dem amerikanischen Fernsehsender ABC per Telefon ein Interview auf Englisch. Die Homepage von Oberschledorn, auf die sich sonst vielleicht 25 Besucher am Tag verirren, wurde überrannt.
Doch der Spuk ist vorbei. Der kleine Ort trägt wieder sein Alltagsgewand. Die Menschen, die noch am Mittwoch auf der Straße standen und bereitwillig in jedes Mikrophon sprachen, üben sich wieder in westfälischer Zurückhaltung. Nur Ortsvorsteher Dessel, der sich schon am Mittwoch „den Mund fusselig geredet hat“, gibt noch bereitwillig Auskunft.
Die meisten Bewohner merkten nichts vom Zugriff
Und doch gibt es kein anderes Thema auf dem Knappenabend im Lindenhof und der Dorfschänke, den beiden Gasthäusern. Das wird auch am Samstag auf der Hochzeit nicht anders sein. Die Oberschledorner können es immer noch nicht fassen, was sich da zwischen ihren Häusern abgespielt hat. Den Zugriff am Dienstagnachmittag haben die meisten Dorfbewohner ohnehin nicht mitbekommen. Das ging blitzschnell und fast lautlos. Auf einmal waren die vielen Autos da, vermummte Gestalten. Erst danach rückte die uniformierte Polizei an.
Aus dem Gedächtnis fischen die Einwohner nun die Indizien eines verdächtigen Treibens aus den Tagen zuvor, die sie zwar bemerkt, aber nicht in einen Zusammenhang gebracht hatten. Zum Beispiel stand da jener Lieferwagen vor der Sparkasse, der zwar ein einheimisches Kennzeichen hatte, aber dennoch auffiel. Jeder will etwas anderes beobachtet oder wenigstens gehört haben. Die wichtigste Frage, die alle bewegt, lautet: „Warum gerade Oberschledorn?“ Es gibt keine Antwort darauf.
Viele ungünstige und vor allem lange Verkehrswege
Es ist keine amerikanische Kaserne in der Nähe und kein Flughafen. Die Verkehrswege sind eher ungünstig und lang. Es fehlen die Massen von Touristen, in denen die Terroristen hätten untertauchen können. In Oberschledorn gibt es gerade einige kleine Pensionen und vereinzelte Ferienwohnungen. Von „Individualtourismus“ ist die Rede. Oberschledorn lebt von einem Sägewerk, einer Maschinenfabrik und einigen anderen Betrieben mit insgesamt 250 Arbeitsplätzen.
Wahrscheinlich hat diese Unscheinbarkeit die Terroristen angelockt. Wo nichts Besonderes sei, werde auch nichts Besonderes vermutet, mutmaßt einer. Ein anderer will gehört haben, dass einer der drei Verhafteten schon früher in Medebach gewohnt und somit die Verhältnisse gekannt haben soll. Bürgermeister Nolte hat das anhand des Melderegisters überprüfen lassen. Fehlanzeige. Gemeldet war keiner der drei Verhafteten. Jetzt, da in den Zeitungen Fotos von ihnen gezeigt wurden, glauben einige, sie im Dorf gesehen zu haben.
Das Mieten des Hauses bleibt ein Rätsel
Das Haus im Eichenweg, das zur Bombenwerkstatt werden sollte, wird seit Jahren an Gäste vermietet. Die Eigentümer leben in Dortmund, so dass die Mieter weitgehend ungestört bleiben. Die Garage ist so angelegt, dass man über eine Treppe direkt ins Haus gelangt. Das erleichterte den Materialtransport. Unmittelbar vor dem Haus, auf der anderen Straßenseite, liegt ein großer Kinderspielplatz. Auch zum Zeitpunkt des Zugriffes sollen dort Kinder gespielt haben. Nun wird darüber gerätselt, wie die drei Männer das Haus gemietet haben. Über das örtliche Touristenbüro wurde es nicht gebucht, so viel hat man wohl gehört. Fast alle vermuten, dass es die Polizei weiß. Der Eigentümer des Hauses, der am Donnerstag in Oberschledorn „einiges zu regeln hatte“, verweigert freundlich die Auskunft.
Viele Überlegungen werden angestellt, um die tatsächliche Gefahr abzuschätzen, der der Ort ausgesetzt war. Den einen ist sie erst nachträglich bewusst geworden, den anderen wird sie immer größer. Keiner weiß, was man wirklich mit Wasserstoffperoxid anstellen kann. Im Fernsehen haben sie gehört, dass die Sprengkraft zweihundertmal so stark hätte sein können wie die der Bomben von London. Nun malen sie sich das aus und rechnen hoch, was dann in der Siedlung passiert wäre.
„Gott sei Dank hat die Polizei das Zeug verdünnt“
Das kann sich keiner vorstellen, und doch erschreckt es alle, die da zusammenstehen. „Gott sei Dank aber hat ja die Polizei das Zeug verdünnt.“ Dafür bekommt die Staatsmacht uneingeschränktes Lob. „Das war ein genialer Streich.“ Anderes hingegen schätzen sie als gefährlicher ein, als ihnen es die Polizei weismachen will, zum Beispiel die Flucht des dritten Verdächtigen. Der sei ja nicht nur ein paar Meter weit gekommen, wie es im Fernsehen ausgesehen habe, sagen sie. Der Platz, an dem er schließlich überwältigt wurde, liegt etwa fünfhundert Meter von dem gemieteten Haus entfernt.
Er sei quer durch etliche Gärten gerannt, hinter ihm zwei vermummte Polizeibeamte mit Maschinenpistolen, vorbei an drei Frauen und anderen Zeugen. „Was wäre passiert, wenn die geschossen hätten?“, fragt einer. Oder was wäre geschehen, wenn sich die drei Männer bei der Festnahme gewehrt hätten? Angeblich habe man ja keine Waffen in dem Haus gefunden, weiß wieder einer. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass in der Nacht zum Mittwoch gegen halb zwölf ein weiterer Zugriff und eine Festnahme erfolgt sein soll.
Das ganze Dorf redete über die Überwachung
Viele Menschen schwanken zwischen Bewunderung und Kritik an dem Vorgehen der Polizei. Die einen loben die hohe Professionalität, die anderen zweifeln sie an. Wie sei das denn mit dem Wohnwagen gewesen, der vor einem Rinderstall für eine Herde des roten Sauerländer Höhenviehs abgestellt worden sei. Das ist eine alte genügsame und unempfindliche Rasse, die wiederentdeckt wurde.
Von dem Wohnwagen aus, so sagen sie, sei das Haus überwacht und abgehört worden. Dem Bauern hatte man die Mär erzählt, dass man wegen der Einführung des digitalen Polizeifunks die Handy-Netze abhören müsse. Das ganze Dorf habe darüber gesprochen, dass von dort aus etwas überwacht würde. Das hätten auch die Verhafteten beim Brötchenkaufen mitbekommen können, heißt es jetzt. Jugendliche, die an die Fenster des Wohnwagens geklopft hätten, seien von drinnen abgewiesen worden.
Der Phantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt
Die ganze Beobachtungsaktion hätte am vergangenen Samstag auffliegen können, als einige Bauern in den Stall zu den Rindern wollten, die auf dem Hüstener Markt, der ältesten Kirmes im Sauerland, an diesem Wochenende ausgestellt werden sollten. Die Bauern wären wegen des Wohnwagens fast nicht in den Stall gekommen.
Jetzt erinnert man sich auch, dass der Wohnwagen schon seit Mittwoch voriger Woche dort stand, die drei Terrorverdächtigen aber erst am Freitag in das Haus eingezogen sein sollen. Nun wird vermutet, dass das ganze Haus schon vorher „verwanzt“ war. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
In Oberschledorn im Sommer passierte schon genug
Nur ganz wenige waren wirklich informiert. Landrat Schneider etwa, der auch Chef der Polizei im Kreis ist, und der Polizeidirektor. Alle anderen aber wussten wohl gar nichts, auch die „grüne“ Polizei nicht. Jedenfalls gaben sich die Beamten ahnungslos. Sonst hätten sie wohl kaum die Verdächtigen wegen der aufgeblendeten Scheinwerfer ihres Autos angehalten. Das Bild des Geschehens ist noch lange nicht komplett. Aber es wird noch lange Gesprächsstoff sein.
Dabei ist in Oberschledorn in diesem Sommer schon genug passiert, worüber noch lange geredet werden wird: Im Juli stürzte der Schützenhauptmann vom Gerüst des Schützenhauses, das man ein ganzes Jahr lang in Eigenleistung renoviert hatte; er starb an dem Tag, an dem Schützenfest hätte sein sollen. In derselben Woche verunglückte ein weiterer Mann aus dem Dorf tödlich. Die Todesfälle sind den Leuten mächtig unter die Haut gefahren. „Es reicht nun eigentlich“, sagt der Ortsvorsteher.