23.08.2006 · Die Fahndung nach Hintermännern der versuchten Bahnattentate läuft auf Hochtouren. Der zweite Bombenleger ist identifiziert, soll sich aber ins Ausland abgesetzt haben. BKA-Präsident Ziercke: „Solange wir ihn nicht gefaßt haben, bleibt hier eine Gefahr.“
Der Komplize des mutmaßlichen Bombenlegers Youssef Mohamad E.H. ist inzwischen identifiziert worden. Das bestätigte am Dienstag nachmittag die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Der Verdächtige habe in Köln gewohnt und werde noch gesucht, hieß es. Seine Wohnung wurde durchsucht.
Bei dem Mann soll es sich ebenfalls um einen Libanesen handeln, sein Name wird in Medienberichten mit Jihad H. angegeben. Er soll 20 Jahre alt sein und sich derzeit im Ausland aufhalten. Beide Verdächtige sollen sich nur Stunden nach den fehlgeschlagenen Anschlägen mit einem Flugzeug nach Istanbul abgesetzt haben, ihre Namen finden sich angeblich auf der Passagierliste eines Fluges in die türkische Hauptstadt am Abend des 31. Juli. Wo genau sich Jihad H. derzeit aufhält, ist ebenso unklar wie der Grund, warum Youssef Mohamed E.H. nach Deutschland zurückkehrte.
Generalbundesanwältin Monika Harms betonte, es habe bei dem zweiten Verdächtigen bisher keinen Festnahmeversuch gegeben. Sie widersprach damit anderslautenden Pressemeldungen. Gegen den Flüchtigen solle ein Haftbefehl wegen Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, des vielfachen versuchten Mordes und der versuchten Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion beantragt werden.
Festnahmen im Ruhrgebiet
Die mehrstündige Durchsuchung fand in einem größeren Mehrfamilienhaus mit etwa 60 Wohnungen im Kölner Stadtteil Neuehrenfeld statt. Beamte des Bundeskriminalamts sollen sich dabei auf die Wohnung eines jungen Mannes konzentriert haben, der dort nach Angaben von Bewohnern seit etwa 18 Monaten gelebt hat. Das Haus war bereits in der Nacht zum Dienstag ins Visier der Ermittler geraten. Anwohner berichteten von einer nächtlichen Polizeiaktion. Auch in Oberhausen und Essen gab es Hausdurchsuchungen, zwei weitere Männer wurden vorübergehend festgenommen und befragt. Es soll sich um Kontaktpersonen der Verdächtigen handeln. Es soll Hinweise geben, daß die beiden Verdächtigen Verbindungen zur in Deutschland verbotenen islamistischen Organisation Hisb ut-Tahrir al Islami haben.
Der erste mutmaßliche Täter, der 21 Jahre alte Libanese Youssef Mohamad E.H., war am Samstag in Kiel festgenommen worden. Dort wurde am Dienstag im Stadtteil Wik ein weiteres Gebäude durchsucht, wie der schleswig-holsteinische Innenminister Stegner bestätigte. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft, bestreitet aber weiterhin mit den versuchten Anschlägen in Regionalzügen etwas zu tun zu haben. Er habe lediglich ausgesagt, daß sein Bruder während des Libanon-Kriegs bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sei. Die beiden mutmaßlichen Bombenleger sollen Ende Juli in zwei Regionalzügen „Kofferbomben“ deponiert haben, die zwar zündeten, wegen technischer Mängel jedoch nicht detonierten.
Schäuble will „Kontrolle des Internets verstärken“
Nach der ersten Verhaftung am Samstag sei eine „Fülle von Spuren“ ins In- und Ausland entstanden, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke. (Siehe auch: Bahn-Bomber: „Eine Fülle von Spuren“) Er warnte: „Solange wir ihn nicht gefaßt haben, bleibt hier eine Gefahr. Das heißt, die Gefahr dauert an. Wir können nicht absehen, ob er nicht möglicherweise im Sinne seiner Anschlagsplanung weiter denkt.“
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sprach sich unterdessen abermals für schärfere Sicherheitsmaßnahmen aus. Der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagt er: „Wir müssen die Kontrolle des Internets verstärken. Dafür brauchen wir mehr Experten mit entsprechenden Sprachkenntnissen. Wir müssen auch die Kontrollen bei der Bahn und die Luftsicherheitskontrollen intensivieren. Insofern müssen wir auch in Haushaltsberatungen darüber nachdenken, was man zusätzlich tun kann.“