02.09.2008 · Zum Jahrestag der Festnahme der „Sauerland-Gruppe“ hat die Generalbundesanwältin Anklage gegen die drei mutmaßlichen Haupttäter erheben. Der hessische Verfassungsschutzpräsident warnt, es gebe vergleichbare Netzwerke.
Von Uta RascheEs war ein spektakulärer Fahndungserfolg, den Verfassungsschutz und Polizei am 4. September 2007 erzielten: Im sauerländischen Medebach-Oberschlehdorn verhafteten Polizeibeamte drei mutmaßliche Terroristen und stellten zwölf Fässer Wasserstoffperoxid, Elektronikbauteile und Zünder sicher. Die Menge der Chemikalien hätte ausgereicht, um mehr als 500 Kilogramm Sprengstoff herzustellen. Die Sprengkraft wäre höher gewesen als die bei den Anschlägen in London und Madrid. Es wäre der größte Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik geworden – mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten Toten und Verletzten.
Obwohl die technischen Planungen weit vorangeschritten waren, hatte die Gruppe sich offenbar noch für kein konkretes Ziel entschieden: Sie hatte eine amerikanische Kaserne in Hanau-Lamboy ausgespäht, aber auch den amerikanischen Militärflughafen Ramstein ins Auge gefasst. Als „weiches Ziel“ mit vielen zivilen Opfern wäre der Frankfurter Flughafen für sie in Frage gekommen, aber offenbar auch amerikanische Fast-Food-Restaurants und Diskotheken.
Anklage gegen drei mutmaßliche Haupttäter
Neben dem Bundeskriminalamt, dem Bundesamt für Verfassungsschutz und einigen Landesbehörden war auch das Hessische Landesamt für Verfassungsschutz intensiv mit der „Sauerland-Gruppe“ befasst. Deren Mitglieder tarnten sich nach Kräften: Sie schafften es, Telefonüberwachungen ins Leere laufenzulassen; sie kommunizierten zwar über E-Mails, jedoch in verschlüsselter Form und aus weit voneinander entfernt liegenden Internet-Cafés. Sie versahen gemietete Fahrzeuge mit anderen Kennzeichen, kauften Materialien unter falschem Namen. Auch beim Erwerb des Wasserstoffperoxids achteten sie darauf, keine Spuren zu hinterlassen: Für eine fünfzigprozentige Lösung hätten sie Ausweise vorlegen müssen, daher kauften sie nur eine fünfunddreißigprozentige Lösung.
Die Generalbundesanwältin hat zum Jahrestag der Festnahme Anklage gegen die drei mutmaßlichen Haupttäter erhoben: den damals 28 Jahre alten deutschen Konvertiten Fritz Gelowicz aus Neu-Ulm, den 28 Jahre alten Türken Adem Yilmaz aus dem hessischen Langen sowie den 21 Jahre alten deutschen Konvertiten Daniel Schneider aus dem Saarland.
Vierzig weitere Verdächtige
Den drei Beschuldigten wird Mitgliedschaft in einer in- sowie ausländischen terroristischen Vereinigung und die Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens vorgeworfen. Im Umfeld der Gruppe wird gegen mehr als 40 weitere Verdächtige und mögliche Helfer ermittelt, darunter auch gegen den in der Türkei in Auslieferungshaft sitzenden Deutschen türkischer Herkunft Attila S., der die Zünder für die Bomben besorgt haben soll. Andere Verdächtige wurden aber bisher nicht festgenommen.
Das Hessische Landesamt für Verfassungsschutz war auf Adem Yilmaz und die islamistische Szene in Langen bereits aufmerksam geworden, bevor ein alarmierender Anruf der Amerikaner die Fahndungsaktion in Gang setzte, die sich über neun Monate hinzog und immer größere Kreise zog. „Wir waren auf der richtigen Spur“, sagt Alexander Eisvogel, seit zwei Jahren Präsident des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz und zuvor Leiter der Abteilung Islamismus des Verfassungsschutz-Bundesamtes. Zu Spitzenzeiten waren mehr als 600 Beamte mehrerer Sicherheitsbehörden im Einsatz, mehr als vierzig Gebäude standen rund um die Uhr unter Beobachtung.
Mehrere Gruppen auf demselben Weg?
Obwohl Verfassungsschutz und Polizei in diesem Fall erfolgreich waren, ist nicht ausgeschlossen, dass sich ähnliche Anschlagsplanungen wiederholen könnten. Derzeit gibt es keine konkreten Hinweise dafür, doch sind nach Aussage Eisvogels auch in Hessen islamistische Gruppen auf dem Weg zur Radikalisierung: „Es gibt ein paar Netzwerke, die ich so einschätze wie die ,Sauerland-Gruppe‘ vor zwei oder zweieinhalb Jahren.“
Auch ein Jahr nach der Aushebung der Gruppe geht die Arbeit in deren Umfeld also weiter. Eisvogel beschreibt die Vorgehensweise seiner Behörde so: „Wir versuchen, die Netze nachzuzeichnen, die die Islamisten untereinander knüpfen.“ Um die Szene zu durchdringen, gehen die Verfassungsschützer von ihnen schon bekannten Personen aus und erforschen: Wer geht in dieselben Teestuben, in dieselben Moscheen, in dieselben Call-Center, wer ruft wen an?
Moscheen haben als Treffpunkte ausgedient
Seine Leute interessieren sich für Menschen, die heute in einer Phase sind, in der Yilmaz etwa vor drei Jahren gesteckt haben muss – in einem Stadium, in dem sie jemanden bewundern, der von einem Aufenthalt in einem Ausbildungslager im Ausland berichtet und andere dafür zu begeistern zu sucht. Moscheen als Orte für terrorismusnahe Verabredungen oder die Vorbereitung von Straftaten spielen dabei mittlerweile kaum noch eine Rolle.
Vorbei ist offenbar auch die Zeit, in der islamistische Prediger offen zum Djihad aufriefen – sie wissen, dass immer ein V-Mann unter den Zuhörern sein könnte. In Moscheen können aber erste Kontakte geknüpft und möglicherweise islamistische Wertvorstellungen vermittelt werden. Es gilt also, persönliche Zugänge ins Umfeld der Radikalisierer zu finden – wie das auch bei der „Sauerland“-Gruppe gelungen ist.
Mehr als 33.000 Islamisten in Deutschland
Der Ballungsraum Rhein-Main mit seinem hohen Anteil muslimischer Bevölkerung, zugleich mit vielen Einrichtungen, die die Leistungsfähigkeit und die Werte des Westens repräsentieren, ist für islamistische Terroristen nach wie vor interessant. Bankentürme, Verkehrsknotenpunkte, das israelische Konsulat, jüdische Gemeinden sowie militärische Einrichtungen der Amerikaner sind symbolträchtige Ziele.
Nach neuen Zahlen des Bundesamtes für Verfassungsschutz muss man von etwa 33.170 Islamisten in Deutschland ausgehen, in Hessen etwa von 5150. Ein kleiner Bruchteil von ihnen ist gewaltbereit. Doch die Zahl ist zweitrangig. „Worauf es ankommt, ist, wie entschlossen die Menschen sind und wie weit sie auf ihrem Radikalisierungsweg schon vorangeschritten sind“, sagt Eisvogel.
Am Anfang steht die Abschottung
Am Anfang einer solchen Radikalisierung kann Desintegration stehen: Jemand lebt in einer muslimischen Enklave, hat kein dauerhaftes Einkommen und verübt eventuell kleinere Delikte. Solche Leute findet man zu Hunderten, im Rhein-Main-Gebiet wie anderswo. Manche streben hartnäckig danach, sich dennoch zu etablieren. Gefährlich können diejenigen werden, denen das misslingt – wenn sie zugleich unter den Einfluss eines Radikalen geraten, der die angeblich gottlose westliche Gesellschaft für das Scheitern der Glaubensbrüder verantwortlich macht.
Die Mitglieder der „Sauerland“-Gruppe schotteten sich zudem von allen anderen Einflüssen ab. Sie wollten sich gegenseitig etwas beweisen, dachten nur noch an die bevorstehende große Tat – bis bewaffnete Spezialkräfte das unscheinbare Ferienhaus in Oberschlehdorn erstürmten und ihrem Treiben ein Ende setzten. Aus der abstrakten Bedrohung, in deren trügerischer Sicherheit man sich in Deutschland bis dahin wähnen durfte, war mit einem Schlag eine konkrete geworden.
Wieso ist eigentlich der in der Mitte immer unverhüllt ?
Robert Schrey (etiterum)
- 31.08.2008, 21:31 Uhr
In Anbetracht der ziemlichen grossen Anzahl
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 31.08.2008, 21:40 Uhr
Sie tarnten sich
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 31.08.2008, 23:42 Uhr
aber zwei sind doch...
YIN YANG (YANGI)
- 01.09.2008, 14:23 Uhr
Ein Artikel, der zu 75% aus Vermutung und Spekulation besteht
A. Lucas (AKLucas)
- 02.09.2008, 19:39 Uhr