20.08.2006 · Die Anschläge vom 11. September und die Kofferbomben in deutschen Regionalzügen haben eines gemeinsam: Die Täter sind höflich, jung und fromm. Wirklich unauffällig ist ihre Radikalisierung indes nicht.
Von Reinhard MüllerSchon wieder ein Student. Noch ist kaum etwas über das Umfeld des libanesischen Verdächtigen bekannt, der am frühen Samstag morgen in Kiel gefaßt worden war und gegen den die Bundesanwaltschaft in Zusammenhang mit dem zweifachen Bombenfund ermittelt. Es ist von einem eher unauffälligen, höflichen, frommen jungen Mann die Rede.
Das erinnert an die Mitglieder der Hamburger Zelle, die den Anschlag vom 11. September 2001 gegen Amerika teils plante und ausführte und die noch immer die deutsche Justiz beschäftigt. Womöglich passen auch die Täter des geplanten Terroranschlags auf zwei Regionalzüge in das Bild der Ermittlungsbehörden von den sich gegenseitig immer mehr radikalisierenden ordentlich ausgebildeten jungen muslimischen Männern, die mitten in Deutschland leben.
„Die waren alle nett.“ Diesen Satz über die Hamburger Gruppe junger Muslime um den späteren Todespiloten Atta sprach der Vorsitzende Richter im August 2004 im zweiten Prozeß gegen Mounir al Motassadeq. Für befangen hielt man den Richter deshalb. Denn er hatte nur die Aussage eines Zeugen über die einzelnen Mitglieder der Gruppe zusammengefaßt. Jener war noch als Schüler zu jenem Kreis von jungen muslimischen Männern gestoßen, die sich nach Auffassung der Bundesanwaltschaft zunehmend radikalisierten und sich spätestens im Oktober 1999 entschlossen hatten, Terroranschläge gegen Amerika zu verüben.
Zunehmende Radikalisierung
Der Zeuge hatte Ramzi Binalshibh, den in Amerika inhaftierten mutmaßlichen Mitattentäter, im März 1997 in der Hamburger Al-Quds-Moschee kennengelernt. Er interessierte sich für den Islam, die Religion seiner Mutter und wurde von Binalshibh zum Essen eingeladen, auch zum Übernachten. Er ging in die Moschee, begann Arabisch zu lernen. Es gab noch andere, die mehr über ihre muslimische Herkunft erfahren wollten. Eine feste Hierarchie gab es nicht. Doch war Atta, der später eines der als Waffen eingesetzten Flugzeuge steuerte, offenbar die Autorität.
Auch er war demnach zwar distanziert, wurde aber auch als höflich und nett bezeichnet. Zugleich hatte er eine „sehr westliche Argumentationsart“. Fleißig und strikt sei er gewesen, direkt und zielstrebig. Seine politische Einstellung wurde im Prozeß als „extrem antijüdisch“ beschrieben. Einmal sagte er: „Die Vereinigten Staaten sind auch keine Allmacht.“ Auch Motassadeq sei sympathisch gewesen, „ein netter junger Mann“, wie der Vorsitzende folgerte. Binalshibh sei der Organisator der Gruppe gewesen, er habe Feste und Fahrten geplant und - mit vier bis fünf Mobiltelefonen - Kontakte mit Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland gehalten.
Wie könnte aus dieser Gruppe junger Männer die Keimzelle des größten Terroranschlags aller Zeiten werden? Das konnte jener Zeuge nicht sagen, da seine Bekannten Ende 1999 aus seinem Blickfeld verschwanden. Schleichende Veränderungen nahm er gleichwohl wahr. So etwa an Motassadeq: Anfangs sei er nicht besonders radikal gewesen. Doch mit der Zeit nahm er islamische Rituale immer wichtiger. Das habe sich etwa im Umgang mit seiner Ehefrau gezeigt, wie ihm damals auch Bekannte berichtet hätten. Während die Gespräche demnach zuerst bisweilen auch um das Studium kreisten, radikalisierte sich die Gruppe zunehmend.
Undercover Terroristen
Geredet wurde über den Dschihad, über Amerika und Israel. Manchmal scherzten sie, man müsse sich – etwa durch Fahrradfahren – fit machen für den „Heiligen Krieg“. Es fiel der Satz: „Es muß etwas gegen Amerika gemacht werden.“ Binalshibh begeisterte sich an Videos und an Kassetten, auf denen außer Pferdegetrappel, Schüssen und Gesängen nichts zu hören gewesen sei. Wenn Atta auf Amerika zu sprechen kam, dann sei „unendlicher Haß“ dabeigewesen.
Wo denn dieser Haß hergekommen sei, wollte der Vorsitzende Richter wissen. Da kann der Zeuge nur spekulieren: Atta habe Anerkennung gebraucht, er sei wohl aus irgend einem Grund tief verletzt gewesen. Irgendwann erzählte Atta dann, er wolle in den Vereinigten Staaten promovieren. Und als über die Anschläge gegen amerikanische Botschaften in Tansania und Kenia im August 1998 mit insgesamt 224 Toten gesprochen wurde, da hieß es, das müsse man in Kauf nehmen. Von Bosnien, dem Kosovo, Tschetschenien und Afghanistan war die Rede.
Die Gruppe habe sich „gegenseitig hochgeschaukelt“. Haydar Zammar, der in syrischer Haft vermutet wird, warb für den Dschihad. „Geht nach Afghanistan“, soll er gesagt haben. Die anderen taten das; jener Zeuge ging nicht. Das letzte Mal traf er Binalshib, seinen früheren Mentor, im August 2001 – kurz vor den Anschlägen. Er wirkte verändert, ohne Bart, mit Übergewicht. „Bis du undercover unterwegs?“, habe er ihn scherzhaft gefragt. Binalshibh habe etwas von einem Studium in Berlin erzählt. Ihm sei klargewesen, daß das eine Lüge war.
Grundsätzlich unauffällig leben sie nicht
Motassedeq war zunächst wegen Beihilfe zum Massenmord des 11. September zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden; diese Entscheidung wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben, dann verurteilte ihn das Hamburger Oberlandesgericht wegen Mitgliedschaft in der Terrorgruppe zu sieben Jahren Freiheitsstrafe; demnächst muß wiederum der Bundesgerichtshof entscheiden. Motassadeq befindet sich einstweilen auf freiem Fuß.
Jene schleichende Radikalisierung junger Muslime stellt nicht nur Gerichte und Strafverfolgungsbehörden vor Schwierigkeiten. Unauffällig lebte die Hamburger Zelle allerdings nicht. Der damalige Generalbundesanwalt Nehm hat stets hervorgehoben, daß es sich nicht um „Schläfer“ gehandelt habe, also nicht um Agenten, die völlig unauffällig lebten und auf einen Befehl zum Zuschlagen warten. Schläfer waren nach Nehms Ansicht eher in den Reihen deutscher Staatsdiener zu finden, welche die Hamburger Gruppe schon im Auge hatten und nichts bemerkten.
Denn gänzlich unauffällig lebten sie nicht. Es gab großzügige Überweisungen aus dem Ausland und aufällig viele Flugreisen. Mittlerweile sind die Sicherheitsbehörden sensibilisiert, doch es ist nicht einfach, dieses Milieu im Auge zu behalten. Der Verfassungsschutz beobachtet eine zunehmende Dezentralisierung der Terrorstrukturen. Zudem bereiten ihm die „legalistisch“ auftretenden islamistischen Gruppierungen mit ihrer umfangreichen Jugendarbeit Sorge.
Im Urteil des Oberlandesgerichts gegen Motassadeq heißt es, die Gruppe sei zu einer „Sekte“ geworden. Äußeres Zeichen dafür war, daß die jungen Männer sich Bärte wachsen ließen und sich von anderen Studenten abschotteten. Sie machten sich für den Dschihad bereit.
Sicherheit und Sozilastaat
jörg sutter (jsutter)
- 21.08.2006, 13:29 Uhr
Leider...
Peter Luther (HAHOHE)
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Vom Ibiza-Touristen zum Kofferbomber?
Markus Teuber (arathorn)
- 21.08.2006, 16:06 Uhr
netter kleiner Studi
Alexander Sobeslavsky (Sobeslavsky)
- 21.08.2006, 16:50 Uhr
Reinhard Müller Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik, zuständig für „Staat und Recht“.
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