07.09.2007 · Die Männer, die im Sauerland an der tödlichen Bombe bastelten, brauchten keine Ikone Usama Bin Ladins mehr. Al Qaida hat sich verändert. Stattdessen werden die Taliban zum politischen Motor des Dschihad. Doch das macht den Kampf gegen Terror nicht einfacher.
Von Rainer Hermann, IstanbulFritz G., der mutmaßliche Rädelsführer der Gruppe, deren geplante Anschläge von deutschen Sicherheitsbehörden verhindert werden konnten, ist womöglich Teil einer neuen Generation militanter Islamisten. Die Kontakte des Konvertiten aus Ulm reichten nach den Angaben der Sicherheitsbehörden bis nach Pakistan und zur Terroristengruppe „Islamische Dschihad-Union“. Zwar soll die Gruppe mit der Führung des Terroristennetzes Al Qaida in Verbindung stehen.
Doch längst ist Al Qaida von heute nicht mit der Organisation zu vergleichen, die die Anschläge vom 11. September 2001 geplant und durchgeführt hatte. Geblieben sind lediglich das Losungswort „Dschihad“ und das Ziel, mit Gewalt einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Kurze Zeit hatte nur das Duo Bin Ladin und Zawahiri die Dschihadisten geeint. Der islamistische Extremismus zerfällt aber immer mehr in eine breite, unüberschaubare Bewegung von Fanatikern, wie etwa Fritz G. und seine Komplizen welche waren. Sie verfügten indes offenbar nicht über die Ausrüstung und die Kenntnisse, um ihre Pläne zu verwirklichen.
Taliban als politischer Motor, Zawahiri als Ideologe
Kontakte hatten sie zur Kriegsakademie im Irak, in der viele Dschihadisten praktische Erfahrungen sammeln. Dort wurden viele Techniken der Dschihadisten weiterentwickelt - Selbstmordanschläge, Enthauptungen, Straßenbomben. Immer weniger eignet sich der Irak aber als Ausbildungsplatz für angehende Dschihadisten. Selbst die sunnitischen Aufständischen gehen inzwischen gegen sie vor, und vor allem stellen die sunnitischen Muslime im Irak nur eine Minderheit.
Unter Druck geraten die Dschihadisten auch in Pakistan. Mutmaßlich hält sich Zawahiri im kaum zugänglichen Grenzgebiet im Nordwesten Pakistans an der Grenze zu Afghanistan auf, das die Zentralregierung nicht kontrolliert. Die amerikanische Zeitschrift „Newsweek“ berichtete im Juli von zunehmenden Konflikten zwischen den Anhängern des erstarkten Zawahiri und seinen Gegnern. Letztere werfen ihm demnach vor, er gefährde mit seinem Ziel, Staatspräsident Musharraf zu stürzen, die Sicherheit ihrer Enklave. Was ihm hilft, ist der Umstand, dass in Pakistan die Allianz zwischen Mullahs und Militär zerbrochen ist. Unterdessen gewinnt Afghanistan mit der Rückkehr der Taliban seine frühere Rolle als Ausbildungsstätte für den globalen Dschihad zurück. Mit der Abwesenheit Bin Ladins werden dabei die Taliban zum politischen Motor des Dschihad, Zawahiri bleibt sein Ideologe.
Saudi-Arabien kämpfte effizient und erfolgreich
Zu Wort meldet sich Zawahiri über Videos, die über das Internet verbreitet werden; mutmaßlich steht er über Boten auch mit lokalen Dschihadisten-Gruppen in Verbindung. Da die Kommunikation schwierig geworden ist, handeln die lokalen Gruppen immer mehr auf eigene Faust - ob im Irak und Algerien, in Indonesien und Tschetschenien, in England und auch in Deutschland. Die Ziele, die sie auswählen, mögen zwar oft nur von lokaler Bedeutung sein und nicht mehr recht in Zawahiris weltumspannendes Dschihad-Konzept passen. Der Anspruch Al Qaidas, die „Frontorganisation“ des Dschihad zu sein, bleibt aber erhalten.
Versuche, den breiter werdenden Graben zwischen der Führung im Hindukusch und der Basis zu überbrücken, gibt es immer wieder. Zuletzt versuchte der radikale kuweitische Theologe Scheich Hamed bin Abdallah al Ali, Strategie und Ideologie zu bündeln. Immer seltener propagieren im Internet radikale saudische Theologen den Dschihad. Effizient und erfolgreich hat Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren im eigenen Land den islamistischen Terror bekämpft. Viele Denker des Dschihad wurden verhaftet oder getötet. In diese Lücke sprang Scheich Hamel al Ali. Er hatte sich einen Namen gemacht, als er die Regierung Kuweits des Abfalls vom Glauben anprangerte und Jugendliche zum Dschihad rekrutierte. Zu Jahresbeginn forderte er einen „Hohen Rat“, der den Dschihad koordinieren solle. Erstmals seit 1998, als Bin Ladin die „Front gegen die Kreuzritter und Juden“ ausgerufen hatte, sollte es wieder einen organisatorischen Rahmen geben.
Ideologie des Dschihad mit ständigen Änderungen
Der Vorschlag aus Kuweit war ein Eingeständnis, dass es eine Koordination des Dschihad nicht gibt - dass trotz der Videobotschaften Zawahiris vom Hindukusch die Dschihadisten nicht in der Lage sind, ihre Aktivitäten organisatorisch zusammenzuführen. Dennoch lernen die Dschihadisten auf der ganzen Welt voneinander. Was immer ein Dschihadist an einem Ort tut, verfolgen Dschihadisten an anderen Orten. Gelingt ein Anschlag, wird seine Technik kopiert. Schlägt er fehl, ziehen auch andere Dschihadisten daraus Schlüsse. Auch die Ideologie des Dschihad unterliegt ständigen Änderungen.
So hatte der Terroristenführer Zarqawi den Dschihad auf die Bekämpfung der Schiiten und gemäßigter Sunniten ausgeweitet. Das rief wiederum die Kritik weniger extremistischer Theologen wie Hamed al Ali und Abu Muhammad al Maqdisi, des ersten spirituellen Mentors Zarqawis, hervor. Lediglich in einem Teil des Iraks gelang es Anhängern von Al Qaida, einen „Islamischen Staat“ auszurufen. Das war im September 2006, drei Monate nach dem Tod Zarqawis. Der hatte sich offiziell der Führung von Bin Ladin und Zawahiri unterstellt, wiederholt aber gegen deren Vorgaben verstoßen, etwa mit seinem gnadenlosen Krieg gegen Schiiten. Auch andere Gruppen unterstellten sich der Führung des Duos vom Hindukusch, etwa jene aus Algerien, Indonesien und die islamischen Gerichtshöfe in Somalia.
Bin Ladin ist mehr oder weniger verschwunden
In vielen Ländern des Nahen Ostens stehen die Dschihadisten aber unter Druck. Vor allem in den zwei wichtigsten Rekrutierungsländern - Saudi-Arabien und dem Jemen - gehen die Sicherheitskräfte massiv gegen dschihadistische Zirkel und Zellen vor. Auch in Nordafrika scheinen sie nicht mehr in der Lage zu sein, große Anschläge durchzuführen. Die Kommunikation der „Basis“ mit der „Zentrale“ ist kaum mehr möglich, und von dieser Zentrale geht immer weniger ideologische Inspiration aus. Anziehungskraft hatte das Duo Bin Ladin-Zawahiri entfaltet, weil der eine als charismatischer Visionär auftrat und der andere als scharfsinniger Ideologe.
Bin Ladin ist mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, Zawahiri aber fehlt dessen Charisma. Je mehr das Duo in den Hintergrund rückt, desto wichtiger werden lokale Besonderheiten. Drahtzieher bei den Terroranschlägen in Istanbul vom November 2003 war der Syrer Sakka, der erst im deutschen Exil über den Kontakt zu deutschen Konvertiten zum radikalen Islamisten wurde, im Irak zum Vertrauten Zarqawis aufstieg und in dessen Auftrag in der Türkei die zwei Doppelanschläge organisierte. Konvertiten waren auch jene, die im Sauerland an der tödlichen Bombe bastelten. Dazu brauchten sie an der Wand keine Ikone Bin Ladins mehr.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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