11.08.2006 · Mit primitiven Mitteln bauen manche Terroristen ihre Sprengsätze. Die Zutaten kommen aus dem Garten-Center. Ermittler warten mit immer ausgefeilteren Technologien auf, um den Bomben-Bastlern auf die Spur zu kommen. Neue Maschinen können sogar schnüffeln.
Von Hans-Christian RößlerNicht einmal Milch für Kleinkinder durften die Passagiere am Donnerstag zunächst mit an Bord nehmen. Diese Vorsichtsmaßnahmen waren ein Hinweis darauf, daß die Polizei befürchtete, Terroristen könnten mit flüssigen Substanzen versuchen, in der Luft eine Explosion auszulösen; auch Medizintropfen und Lösung für Kontaktlinsen waren von dem Verbot betroffen. Welche Substanzen die britischen Ermittler dabei genau befürchteten, verrieten sie am Donnerstag nicht.
„Das Material für eine Bombe können sie in einem Garten-Center bekommen“, sagte am Sonntag ein britischer Sprengstoffexperte. Aus Salz, Chlorreinigern, Frostschutzmitteln oder Aspirin läßt sich Sprengstoff herstellen, der so stark wie TNT wirkt. In Kunstdünger ist zum Beispiel meist Ammoniumnitrat enthalten. Timothy McVeigh mischte ihm 1995 noch Nitromethan bei und zerstörte mit der so gebauten Bombe ein Behördengebäude in Oklahoma City; mehr als 150 Menschen wurden getötet. Um Nitroglyzerin herzustellen, muß man nicht einmal Chemielaborant sein, es ist aber schwer zu handhaben. Auch Ethylenglykoldinitrat, Diethylenglykoldinitrat, Methylnitrat sind flüssige Explosivstoffe, die sich nach Angaben von Fachleuten im Heimlabor herstellen lassen. Auf einschlägigen Internetseiten sind die „Rezepte“ dafür zu finden.
Je weniger Informationen, desto besser
Schon seit Anfang der siebziger Jahre experimentieren Terroristen mit allen möglichen Arten von festem wie flüssigem Sprengstoff. Sie brachten sie in griechischen Weinflaschen oder ägyptischen Keramikreliefs in Flugzeuge. Immer ausgefeilter wurde über die Jahre aber auch die Technologie, die eingesetzt wird, um auf ihre Spur zu kommen. Was die Geräte wirklich entdecken können, die jeder Flugpassagier kennt, ist aber streng geheim. „Je weniger Information es darüber gibt, desto besser ist das für die Öffentlichkeit“, sagt Stefan Aust von „Smiths Heimann“, der wohl größten Firma, die weltweit diese Technik anbietet.
Alle denkbaren militärischen und konventionellen Sprengstoffe könnten die Heimann-Geräte entdecken, die größtenteils in Wiesbaden hergestellt werden. Wer Genaueres wissen will, muß sich mit der Bitte um eine Sondergenehmigung an das Bundesinnenministerium wenden - man will so verhindern, daß potentielle Attentäter Sicherheitslücken finden können. Die Prospekte des Unternehmens werben damit, die Geräte könnten mehr als 40 Sprengstoffe und Rauschmittel entdecken, darunter auch solche auf Nitratbasis sowie den Plastiksprengstoff Semtex.
Weiterhin kommen Metalldetektoren und große Röntgengeräte zum Einsatz. Die neuesten Maschinen können sogar schnüffeln: Sie sind mit den großen Metalldetektortüren verbunden und geben nicht nur ein Signal, wenn der durchgehende Fluggast Schlüssel oder ein Messer bei sich hat, sondern können auch Sprengstoff und Rauschgift erkennen. Dabei reichen die kleinsten Überbleibsel davon, die jemand schon vor längerer Zeit in den Händen gehabt haben kann. Mit einem kleinen Stück Stoff streifen die Beamten kurz über den Inhalt des Koffers, die Oberfläche des Reisepasses oder die Tastatur des Laptops. Manchmal verwenden sie auch einen Ministaubsauger. Der nimmt die Umgebungsluft auf, die das Gerät verdichtet und erwärmt. Dann wird in Sekundenschnelle die Mobilität der Ionen gemessen: Sprengstoff oder Drogen in Nanogramm-Mengen lassen sich so nachweisen - so wie durch Spürhunde, auf die man heute immer noch nicht ganz verzichten mag.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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