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Merkel in Afghanistan Plausch mit Mohammad Atta

06.04.2009 ·  So überraschend sie zu ihrem Afghanistan-Besuch aufbrach, so schnell war er auch schon wieder vorbei. Trotzdem genügte er Angela Merkel, um interessante Eindrücke zu gewinnen. So trank sie Tee mit einem watteweichen Provinz-Gouverneur und informierte sich über die „Frauen-Peace-Karawane“.

Von Stephan Löwenstein, Kundus/Mazar-i-Scharif
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Wie wonneweiche Wattebäuschchen sind die Worte des Governeurs an die Kanzlerin. Der Afghane dankt den Deutschen für all die Hilfe; der Grundstein des Wiederaufbaus sei in Deutschland gesetzt worden, auf dem Petersberg; wie sehr die Bevölkerung das schätze und wie hervorragend die Soldaten und Generäle seien, die den weiten Weg auf sich genommen hätten, führt Mohammad Atta aus, der Gouverneur der nordafghanischen Provinz Balkh. Angela Merkel beginnt ihre Entgegnung zwar mehrdeutig, mit Blick auf den neben ihr sitzenden Franz Josef Jung: „Ich habe schon viel über Sie gehört von unserem Verteidigungsminister; auch viel Gutes.“ Dann aber geht sie ohne jeden weiteren Vorbehalt auf alle Selbstpreisungen des Gouverneurs der Provinz Balkh ein, bei dem sie und ihre Entourage zum Teetrinken eingeladen ist.

Vor einer afghanischen und einer deutschen Fahne plaziert, tauschen die beiden also Artigkeiten aus, die Entourage des Gouverneurs lauscht zur rechten, die der Kanzlerin zur linken, auf Fauteuils die Wand des Staatssaales entlang plaziert. Auch der Präsident von Afghanistan, Hamid Karzai, ist anwesend, allerdings nur im Konterfei an der Stirnwand, gemeinsam mit dem legendären Mudschahed Achmed Schah Massud. Voll Verständnis habe der Präsident reagiert, heißt es bei der Kanzlerin, als sie ihm ihre Reise angekündigt hatte, die sie aber leider nicht in die Hauptstadt Kabul führt. Karzai steht im Wahlkampf, wie angesichts der vielen großflächigen Plakate mit seinem Bild unübersehbar ist. Der Präsident, der sich um die Wiederwahl bemüht, ist im Westen nicht mehr so gut angeschrieben wie einst, auch wenn man sich so recht keinen Besseren weiß.

Plötzlich macht es draußen Bumm

Also verkündet Frau Merkel zum Wohlgefallen des immer breiter strahlenden Gouverneurs Atta, dass man immer mehr dazu übergehe, in den Regionen direkt Entwicklungsprojekte zu vereinbaren, statt über Kabul zu gehen, wo alles so lange dauere. Zu den Projekten in Balkh gehört ein Krankenhaus in der Provinzstadt und eine Schule, die beide ebenfalls Kanzlerinnenbesuch erhielten, sowie eine Erweiterung des Flugplatzes zu einem internationalen Flughafen. Zu letzterem hat Atta erst vor wenigen Wochen gemeinsam mit dem deutschen Verteidigungsminister, als Jung auf eigene Faust schon einmal hier war, den ersten Spatenstich getätigt. Nicht nur in diesem Handgriff besteht Attas Beitrag zu der Branche: Er ist, wie sich das nebenbei fügt, auch an einer Fluglinie beteiligt. Überhaupt ist er ein interessanter Mann mit großer Verwandtschaft. Zur Kämpferzeit war er ein Mann des charismatischen Kriegsherren Massud. Derzeit verzeichnet seine Vita auch noch ein Jurastudium im vierten Semester im benachbarten Tadschikistan.

Als das angenehme Gespräch den Punkt bereits gestreift hat, dass die Provinz Balkh frei von Drogenherstellung sei, und die Sicherheitslage so gut, da macht es draußen Bumm. Unverzüglich erhebt sich der Polizeichef und verlässt den Raum, es folgt ein deutscher Offizier. Ein Sprengstoffattentat in der Stadt just während des auswärtigen Besuchs? Ein Selbstmordattentäter gar, wie für einen kurzen Moment verbreitet ist? Nun, ganz so heftig schien der Knall auch nicht gewesen zu sein. Die Erklärung, die dann verbreitet wird, klingt aber auch komisch: Ein Autoreifen soll geplatzt sein.

Außenminister Steinmeier „zufällig“ erst spät informiert

Dass allerdings die Sicherheitslage auch im Norden Afghanistans nicht komisch ist, zeigen die Ereignisse in Kundus, der ersten Station Frau Merkels. Ihr Besuch war zur Vorsicht bis zu ihrer Ankunft geheimgehalten worden, nur ein sehr kleiner Kreis im Kanzleramt und im Verteidigungsministerium war informiert. Viele aus dem kleinen Kreis der Mitreisenden erfuhren erst am Vorabend von ihrem Glück. Und Frau Merkels Vizekanzler (und gegnerischer Kanzlerkandidat) , Außenminister Frank-Walter Steinmeier, wurde gar erst am Abflugtag ins Bild gesetzt, wenn auch nicht „zufällig“, wie sein Sprecher am Montag in Berlin spitz mitteilte.

So hatten der Bombenanschlag und die Schießerei bei Kundus am Sonntag gewiss nichts mit der Reise der Bundeskanzlerin zu tun. Der Bau einer Brücke, die von der Bevölkerung seit langem ersehnt wird, wurde feierlich begonnen. Es war die Abordnung des Regionalen Wiederaufbauteams (PRT) Kundus, die auf dem Weg zur Feier mit einer improvisierten Bombe angegriffen wurde. Dass kein Soldat zu Schaden kam, war dem Glück und äußeren Umständen, aber auch der Konstruktion des geschützten „Dingo“-Fahrzeugs zu verdanken, der dabei schwer beschädigt wurde. Der Rest fuhr dennoch, oder erst recht, zu der Einweihung. Doch als die Menge sich verlaufen hatte, wurden die verbliebenen Bundeswehrsoldaten plötzlich mit Schüssen aus Panzerfäusten und Handwaffen angegriffen und in eine Schießerei verwickelt, die sich bis in die folgende Nacht erstreckte.

Im Wahljahr wieder einen Truppenbesuch gewagt

Dessen ungeachtet wurde an dem Reiseplan festgehalten. Die verschiedenen Einsatzstandorte der Bundeswehr wollte die Bundeskanzlerin besuchen. Einmal schon war sie nach Afghanistan gereist, im November 2007. Lange hatte sie zuvor den Eindruck genährt, sie halte sich bewusst fern von dem Einsatz, der in Deutschland immer unpopulärer wird. Die britischen Premierminister, nur als Beispiel für den nächstgrößeren Truppensteller der Nato-geführten Isaf-Schutztruppe, haben es sich zur Gewohnheit gemacht, jährlich an den Hindukusch zu reisen. Jetzt also auch wieder die Bundeskanzlerin, und diesmal nicht nach Kabul, sondern bewusst zur Truppe, ob das nun im Wahljahr nützt, was möglich ist, oder schadet, was auch möglich ist. Und auch nach Kundus. Neben dem Gespräch mit Soldaten und einem stillen Gedenken für die dort schon Gefallenen war auch ein Gespräch mit zivilen deutschen Akteuren in Kundus angesetzt. Denn der sogenannte vernetzte Ansatz ist es, den die Kanzlerin propagiert und gar als deutsche Erfindung verkauft, den jetzt auch die Amerikaner und die Nato endlich übernommen hätten.

Zwar kommen die Zivilvertreter nur kurz zu Wort, die sich unter einem vor dem Regen schützenden Baldachin auf Plastikstühlen mit Frau Merkel in einen Kreis gesetzt haben. Dennoch lassen schon die kurzen Wortwechsel erahnen, wie schwierig der vernetzte Ansatz in der Praxis mitunter sogar den Deutschen fällt. Immerhin ist inzwischen eine Vertreterin des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit in Kundus dabei, die über Bemühungen berichtet, die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen. Immerhin 20 Prozent seien schon angeschlossen. Darauf fragt die Kanzlerin, was denn mit den anderen 80 Prozent sei? Nun, die müssten sich noch über - wenig saubere - Flachbrunnen versorgen.

„Arbeiten Sie schön zusammen, das ist das Wichtigste“

Zwei Polizisten stellen die Bemühungen um die Ausbildung der afghanischen zivilen Sicherheitskräfte dar, einer für die bilaterale Ausbildungszusammenarbeit und einer für die europäische Mission Eupol. Immerhin ist die inzwischen auf vier Mann in Kundus angewachsen, während sie lange nur auf die Hauptstadt verteilt war. Schließlich spricht ein ergrauter Herr vom friedensliebenden Entwicklungsdienst, der sein Engagement zur zivilen Krisenbewältigung darstellte. So gelte es, „lokale Lösungsstrukturen“ zu schaffen und vor allem die Frauen einzubinden. „Frieden ist viel zu wichtig, um die Frauen auszuschließen.“ Eines dieser Projekte trägt einen schönen, an das grüne Biotop in Deutschland erinnernden Namen - geplant ist eine „Frauen-Peace-Karawane“.

Angela Merkel nickt fast unmerklich, als von der Bedeutung des Friedens und der notwendigen Rolle der Frauen die Rede ist, und fragt dann, wie man sich denn so fühle, hier, im Kreise der Bundeswehr. Na, es sei in Ordnung, kommt es nach einigem Zögern. Mit einem „Arbeiten Sie schön zusammen, das ist das Wichtigste“ entlässt die Kanzlerin die Runde. Das ist dann schon fast wieder ein Verweis auf die eigene Arbeit, zu Hause in der Koalition in Berlin.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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