20.08.2005 · Der britische Innenminister Clarke nimmt den Londoner Polizeichef vor Rücktrittsforderungen in Schutz. Der Streit mit den Angehörigen des irrtümlich erschossenen Brasilianers hatte sich nach Berichten über ein angebliches „Schweigegeld“ verschärft.
Der britische Innenminister Charles Clarke hat den unter Druck geratenen Chef von Scotland Yard, Sir Ian Blair, verteidigt. Nachdem in den vergangenen Tagen der Rücktritt von Blair gefordert worden war, sagte Clarke am Samstag: „Ich bin nicht nur mit dem Verhalten von Sir Ian Blair in Bezug auf diese Untersuchung sehr zufrieden, sondern mit der gesamten Londoner Polizei.“
Clarke meinte damit die Untersuchung zu der Erschießung des Brasilianers Jean Charles de Menezes. Der 27 Jahre alte Elektriker war von der Polizei irrtümlich für einen Selbstmordattentäter gehalten und erschossen worden.
„Wir lassen uns nicht kaufen“
Unterdessen verschärfte sich der Streit zwischen der Londoner Polizei und der Familie des irrtümlich erschossenen Brasilianers nach Medienberichten über ein angebliches Schweigegeld.
Die Eltern Matozinho und Maria de Menezes sagten der britischen Zeitung „Daily Mail“, die Polizei habe ihnen eine Million Dollar Schmerzensgeld angeboten, was sie aber abgelehnt hätten: „Wir lassen uns nicht kaufen.“
Scotland Yard bestreitet nachdrücklich
Ein Scotland-Yard-Sprecher bestritt diese Darstellung: „Das Einzige, was wir mit der Familie bisher besprochen haben, waren erste Unkosten“, sagte er. „Wir bestreiten mit Nachdruck, irgend etwas in der Größenordnung von einer Million Dollar als Schadenersatz angeboten zu haben.“
Der Brasilianer De Menezes war am 22. Juli von der Londoner Polizei fälschlicherweise für einen Selbstmordattentäter gehalten und in der U-Bahn erschossen worden.
„Aber er ist doch nur einer von 57 Toten“
Eine unabhängige Behörde zur Überprüfung der Londoner Polizei kritisierte am Samstag, Scotland Yard hätte schneller klarstellen müssen, daß sich De Menezes in keiner Weise verdächtig verhalten habe. „Das haben sie nicht getan, und damit müssen sie sich jetzt auseinandersetzen“, sagte Jenny Jones, ein Mitglied der Aufsichtsbehörde.
Scotland-Yard-Chef Sir Ian Blair kritisierte dagegen in einem Radiointerview, die öffentliche Debatte drehe sich mittlerweile nur noch um De Menezes. „Der Tod von Herrn Menezes ist tragisch, und wir haben uns dafür entschuldigt und übernehmen die Verantwortung“, sagte Blair. „Aber er ist doch nur einer von 57 Toten.“ Bei den Terroranschlägen seien außer den vier Selbstmordattentätern 52 Menschen ums Leben gekommen und doppelt so viele schwer verletzt worden. „Wir können nicht zulassen, daß ein tragischer Todesfall alle anderen überschattet“, sagte Blair.
Wird der Schießbefehl aufgehoben?
Nach Informationen der britischen Zeitung „Guardian“ (Samstagsausgabe) überprüft die Scotland-Yard-Spitze derzeit, ob die Anweisung, mögliche Selbstmordattentäter sofort zu erschießen, rückgängig gemacht werden sollte. Untersucht werde unter anderem, wie viele gesicherte Informationen vorliegen müssen, ehe ein Schießbefehl erteilt werden könne. Auch der Kommunikationsweg zwischen Einsatzleiter und bewaffneten Polizisten solle verbessert werden.
Die Zeitung „Independent“ berichtete über neue Vorwürfe gegen Scotland Yard. Die Untersuchung des Todes von De Menezes durch die Unabhängige Polizei-Beschwerdestelle habe den Verdacht aufkommen lassen, daß Scotland Yard den zuständigen Pathologen belogen habe. Die Polizisten hätten ihm gegenüber den Eindruck erweckt, daß De Menezes vor ihnen weggelaufen sei, was aber nicht stimme.