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London nach den Anschlägen Die nervöse Stadt

21.07.2005 ·  An der Londoner U-Bahn-Station „Warren Street“ hat die Explosion am Donnerstag eine panikartige Flucht hervorgerufen. An den übrigen Explosionsorten herrschten dagegen Ruhe und klassisches britisches Understatement.

Von Gina Thomas, London
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Nichts am Verhalten der zwei U-Bahn-Angestellten, die in der Nachmittagssonne mit Mobiltelefonen am Ohr vor ihrer Station standen, deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. Sie wirkten wie die Ruhe selbst. Und auch die Tafel vor dem zugesperrten Eingang war ein Beispiel des klassischen britischen Understatement: Der Verkehr auf der Linie sei wegen einer Sicherheitswarnung vorerst aufgehoben worden. Drei Stationen weiter entfernt, in Shepherd's Bush, einem Knotenpunkt im Westen Londons, wo auf der Hammersmith and City Line ein „Vorfall“ gemeldet wurde, herrschte eher Verwirrung als Panik.

Ganz anders war die Stimmung in Warren Street, nicht weit vom Bahnhof King's Cross entfernt, wo vor zwei Wochen eine der vier Bomben gezündet wurde, die mehr als fünfzig Menschen töteten. Dort berichteten Augenzeugen von einer kleinen Explosion, die unter den Passagieren eine panikartige Flucht hervorgerufen habe. Manche behaupteten, Rauch gesehen zu haben, andere sagten, es habe nach verbranntem Reifen gerochen. In der Eile vergaßen die Menschen Taschen und warfen ihre Schuhe weg, während U-Bahn-Angestellte und die Polizei zur Ruhe mahnten. Das umliegende Gebiet wurde schnell abgesperrt.

Spekulationen über einen chemischen Angriff

Spekulationen mischten sich mit Beobachtungen, so daß immer neue Varianten dessen in Umlauf kamen, was geschehen war. Männer in Schutzanzügen, die gesichtet wurden, wie sie die U-Bahn-Station betraten, ließen auf einen möglichen chemischen Angriff schließen. Plötzlich hieß es, bewaffnete Polizisten hätten das nahestehende Universitätskrankenhaus gestürmt. Dann kam die Nachricht von einem Verdächtigen, der nahe der Downing Street, wo eilig eine Sitzung des für Notlagen zuständigen „Cobra“-Gremiums des Kabinetts einberufen worden war, in Handschellen von der Polizei weggeführt wurde.

Im Londoner East End, waren die Straßen um einen Bus, dessen Fenster von einer kleinen Explosion zerschlagen worden seien, wie ausgestorben. Und an allen um die Stadt verteilten vier Standorten mußten die Augenzeugen, die teils gefaßt, teils hörbar erregt den Medien Bericht erstatteten, plötzlich abbrechen, weil die Polizei befürchtete, die Signale der Mobiltelefone könnten weiteres Unheil anrichten. Zwischendurch wurden auch die Kameraleute der Fernsehstationen aufgefordert, ihre Geräte sicherheitshalber auszuschalten.

Für das Schlimmste vorbereitet

Als beruhigendes Signal wurde am Donnerstag allerorten das Fehlen der Rettungswagen gedeutet, deren Sirenen am 7. Juli die ganze Stadt mit ihrem Heulen erfüllt hatten. Obwohl sich bald abzuzeichnen schien, daß man es nicht mit Anschlägen vom Ausmaß der Ereignisse vierzehn Tage zuvor zu tun hatte, zeigten die vorbeugenden Maßnahmen der Sicherheitskräfte, daß sie für das Schlimmste vorbereitet waren. Wie vor zwei Wochen rief der Londoner Polizeichef Sir Ian Blair die Londoner auf zu bleiben, wo sie waren. Er sprach von ernsten Vorfällen, schien aber selber kein klares Bild zu haben, wie anfangs überhaupt große Verwirrung herrschte.

Nach und nach wurden immer mehr U-Bahn-Linien geschlossen und wieder geöffnet. Kurz vor vier Uhr trat dann der Premierminister in Erscheinung, eindeutig ruhiger als vor zwei Wochen in Gleneagles, als er unter dem Schock nach angemessenen Worten getastet hatte, und gab als Parole aus, daß soweit wie möglich alles wie gehabt weitergehen solle. Die BBC nahm das Schlagwort „business as usual“ zum Anlaß, das unterbrochene Nachmittagsprogramm fortzusetzen.

Diesmal schienen die Londoner glimpflich davongekommen zu sein. Doch hinter der Fassade der vielgerühmten Normalität, die sich auch nach den Anschlägen vom 7. Juli schnell wieder einstellte, bleibt Nervosität. In den vergangenen Tagen hatten die Passagiere der öffentlichen Verkehrsmittel beim geringsten verdächtigen Anzeichen Blicke gewechselt - sei es ein verdächtiger Rucksack oder eine leere Flasche, die auf dem Oberdeck eines fahrenden Busses von einer Seite zur anderen rollte.

Quelle: F.A.Z., 22.07.2005, Nr. 168 / Seite 2
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