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London Die Täter waren Landsleute

20.07.2005 ·  Die Londoner Anschläge vom 7. Juli haben eine verworrene Diskussion über den Multikulturalismus entfacht. Man fragt sich, wie es dazu kommen konnte, daß vier fehlgeleitete britische Muslime sich an dem Land rächen, das sie an seiner Brust genährt hat.

Von Gina Thomas, London
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Wenn Kinder auf die schiefe Bahn geraten, fragen sich die Eltern: Was haben wir falsch gemacht? Diese Frage stellen sich auch die Briten nach den Bombenanschlägen in London. Von den Bildern, die seither veröffentlicht wurden, hat sich eines besonders eingeprägt: die Geburtsurkunden der Attentäter, die in allen Zeitungen abgebildet waren. Dort steht schwarz auf weiß geschrieben, daß sie in England geboren wurden. Sie wurden entbunden vom staatlichen Gesundheitsdienst, ausgebildet in englischen Schulen und sprechen Englisch mit einem Yorkshire-Akzent. Was hat diese jungen Muslime zu Attentätern gemacht?

Auf dem Papier mochte die Biographie Shehzad Tanweers, der am 7. Juli kurz vor neun Uhr morgens die Bombe nahe dem Bahnhof Aldgate zündete und sieben Menschen tötete, sogar als Exempel für die Verwurzelung der Einwanderer in ihrer neuen Heimat gelten. Der Vater kam ohne einen Penny vor dreißig Jahren aus Pakistan. Inzwischen hat er sich als kleiner mittelständischer Unternehmer etabliert mit dem englischsten aller Betriebe, einem „Fish and Chips“-Geschäft. Der Sohn liebte Kricket, hatte Sportwissenschaften studiert und fuhr mit dem Mercedes des Vaters durch die Gegend, als habe er demonstrieren wollen: Wir sind arriviert.

Identität im radikalen Islam

Und dennoch gehörte er offenbar zu jenen Asiaten der zweiten und dritten Generation, die den Konflikt zwischen ihrer Herkunft und der Kultur, in der sie groß geworden sind, ohne sich ihr zugehörig zu fühlen, nicht lösen können. Besser ausgebildet als ihre Eltern, haben viele von ihnen sich das Anspruchsdenken ihrer westlichen Altersgenossen zu eigen gemacht. Ihre Identität aber finden sie weder als Briten noch als Angehörige ihrer Herkunftsländer, sondern im radikalen Islam. Unter dem Einfluß von Hetzern entwickeln sie Abscheu für die Zuchtlosigkeit und Modernität ihrer westlichen Umwelt.

Die Erkenntnis, daß eigene Landsleute die Täter waren, hat die Briten in ihrem Selbstverständnis erschüttert und auch bei gemäßigten Muslimen tiefes Entsetzen hervorgerufen. Sie verdächtigten zuallererst eine ausländische Gruppe von Extremisten, berichtete Anila Baig, die kopftuchtragende Kolumnistin des „Sun“, die in ihren Beiträgen versucht, dort die Kluft zwischen den Kulturen durch Humor zu überbrücken, wo andere Wehleidigkeit vorziehen. Doch allmählich sei klargeworden, „daß es wahrscheinlich Jungens waren wie meine Brüder, wahrscheinlich jung, wahrscheinlich fromm, wahrscheinlich eine Mischung aus Ost und West“.

Salwar-Hemd und Cowboystiefel

Die Eltern dachten womöglich wie der halbassimilierte Vermieter aus Bangladesh, den Tarquin Hall in der soeben als Buch erschienenen Reportage seiner Erfahrungen im Londoner East End, „Salaam Brick Lane“, beschreibt: Mr. Ali, der das in islamischen Ländern übliche Salwar-Hemd über Jeans und Cowboystiefeln trägt, der eine Gebetskappe auf dem Kopf hat, aber nach Alkohol riecht, der ein Kauderwelsch aus Cockney und asiatischem Englisch spricht und der verwundert darüber ist, daß die britische Polizei nichts gegen seine schwulen Mieter unternehmen will, obwohl der Koran doch die Homosexualität verbiete.

Oder wie Mr. Singh, der in seinem Zorn über die jüngste Welle der Asylsuchenden versucht ist, der rechtsextremen British National Party beizutreten. Als man ihn darauf hinweist, daß die BNP die Einwanderer aus Großbritannien zu vertreiben gedenke, Menschen wie ihn eingeschlossen, entgegnet er, er sei kein Einwanderer: „Dreiunddreißig Jahre lebe ich in Großbritannien, zahle Einkommensteuer, wähle Labour, höre mir am ersten Weihnachtsfeiertag die Rede der Königin an. Ich bin ein britischer Bürger und Patriot... warum sollten wir mit diesen Faulenzern verglichen werden?“ Mr. Singh ist zwar Sikh, aber solche Äußerungen hört man in diesen Tagen ebenso von Schiiten aus dem Irak, die vor Saddam Hussein geflüchtet sind, wie von muslimischen Einwanderern vom indischen Subkontinent, die sich als Briten empfinden.

Verworrene Diskussion

Die Londoner Anschläge haben eine verworrene Diskussion über den Multikulturalismus entfacht. Die Vorstellung des harmonischen Zusammenlebens ethnischer Gruppen in einem Vielvölkerstaat hat sich spätestens mit der Verbrennung von Salman Rushdies „Satanischen Versen“ Ende der achtziger Jahre als brüchig erwiesen. Selbst der aus der Karibik stammende Trevor Phillips, Vorsitzender der Kommission für die Gleichheit der Rassen, gestand vor einem Jahr, daß die Multikulturalität der Integration im Wege gestanden habe und bloß die Trennung zwischen den Gemeinschaften vertiefe. Das Konzept sei veraltet, es gelte vielmehr, eine integrierte Gesellschaft mit gemeinsamen Werten herbeizuführen.

Aber eine offene Aussprache über diese Themen wird nicht erst jetzt durch den voreiligen Vorwurf des Rassismus behindert. Als Ray Honeyford, Leiter einer Schule in Bradford, in der asiatische Kinder die große Mehrheit bildeten, vor zwanzig Jahren auf Englisch als der vorherrschenden Sprache im Unterricht bestand, wurde er von linken Politikern und einer Handvoll extremer Asiaten als Rassist verunglimpft und aus dem Amt geschaßt. Mit 51 Jahren mußte er vorzeitig in den Ruhestand gehen. Als David Goodhart, Herausgeber der liberalen Monatszeitschrift „Prospect“, kürzlich in einem Essay die Spannungen im Wohlfahrtsstaat zur Sprache brachte, welche die ethnische Vielfalt erzeugt, und für eine Definition gemeinsamer Werte plädierte, die „breit genug ist, um Menschen aus vielen unterschiedlichen Milieus einzuschließen, ohne derart breit zu sein, daß sie bedeutungslos wird“, wollte man auch ihn in die rechte Ecke abschieben.

Bemühen um Harmonie

Die Einstellung von Goodharts Kritikern drückt sich auch in der Weigerung der BBC aus, die Londoner Selbstmordattentäter als „Terroristen“ zu bezeichnen, weil der Begriff das Verständnis eher behindere als fördere und es die Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Senders sei, objektiv zu berichten. Auch der Londoner Polizeichef Sir Ian Blair geht in seinem Bemühen um Harmonie so weit, daß er behauptet, der islamische Fundamentalismus sei nicht anstößig. Man müsse lediglich fragen, „wie wir den anfälligen Jugendlichen helfen können, die sich von der Gewalt angezogen fühlen“. Und aus vielen Ecken erklingt der Refrain, die Anschläge hätten nichts mit dem Islam zu tun, der doch ein friedliebender Glaube sei. Das klingt genauso hohl, wie wenn Katholiken in Nordirland versucht hätten, sich von der IRA zu distanzieren mit der Aussage, es gebe keine Verbindung zwischen Fanatismus und Religionszugehörigkeit.

Tony Blair hat nach den Londoner Anschlägen bekundet, „unsere Werte und unseren Lebenswandel“ zu verteidigen. Die Botschaft lautet: Wir werden uns nicht beugen. In Wahrheit aber werden immer neue Konzessionen an die 1,6 Millionen britischen Muslime gemacht, von denen bekanntlich dreizehn Prozent die Terrorangriffe vom 11. September guthießen. Man versucht, sie zu beschwichtigen, sei es durch kleine Gesten wie das Verbot der österlichen „hot cross buns“, weil die symbolische Anspielung auf die Kreuzigung Christi die Anhänger des Islams verletzen könnte, oder durch große Schritte wie das geplante Gesetz gegen die Aufhetzung zum Religionshaß, das jahrhundertalte britische Bürgerrechte einschränkt.

Es ist immer wieder von der Islamophobie der Briten die Rede. Aber auf den Straßen Londons werden Traktate des ägyptischen Fanatikers Sayyid Qutb verteilt, die in islamischen Ländern verboten sind; der „Guardian“, der einen Mitarbeiter durch die Anschläge verloren hat, beschäftigt ein Mitglied der radikalen islamischen Gruppe Hizb ut Tahir, die sonst nirgends geduldet wird; der Londoner Bürgermeister, der die Terrorangriffe mit tränenerstickter Stimme verurteilt hat, empfängt den radikalen Geistlichen Yusuf al-Qaradawi, der die Selbstmordattentate von Palästinensern in Israel als Zeichen der Gerechtigkeit Allahs des Allmächtigen sieht. Und dann fragt man sich, wie es dazu kommen konnte, daß vier fehlgeleitete britische Muslime sich an dem Land rächen, das sie an seiner Brust genährt hat.

Quelle: F.A.Z., 20.07.2005, Nr. 166 / Seite 35
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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