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Kampf gegen Terror Al Qaida - stark geschwächt

09.09.2006 ·  Nach den New Yorker Anschlägen mußten die westlichen Sicherheitsdienste erst einmal lernen, mit der Flut von Hinweisen umzugehen. Inzwischen zeichnen sich im Kampf gegen Al Qaida aber Erfolge ab: Die Führer des Terrornetzes sind auf der Flucht.

Von Nikolas Busse
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Aus den ersten Wochen nach dem 11. September ist eine Anekdote überliefert, die zeigt, welche Aufregung die neue Bedrohung anfangs in der amerikanischen Regierung hervorrief. Da wurde eine Meldung eines FBI-Auslandsbüros ungeprüft ins Weiße Haus gegeben, daß Terroristen einen Atomsprengkopf an Bord eines Zuges zwischen Pittsburgh und Philadelphia gebracht hätten.

Der Bericht gelangte bis auf den Schreibtisch des Präsidenten. Erst einen Tag später stellte sich heraus, daß die Information auf die Unterhaltung zweier Männer in einer öffentlichen Toilette in der Ukraine zurückging, die jemand zufällig mitgehört hatte. „Ist das wieder so ein Ukraine-Pissoir-Vorfall?“ soll Bush später einmal gefragt haben, als ihm wieder alarmierende Berichte mit dünner Beweislage vorgelegt wurden.

Sogar von Syrien wertvolle Hinweise

Heute haben die meisten westlichen Regierungen gelernt, besser mit Geheimdiensterkenntnissen über Al Qaida und andere gewaltbereite Gruppen umzugehen. Manches, was 2001 noch unmöglich erschien, ist heute Alltag: Informanten in der Islamisten-Szene unterzubringen etwa oder die internationale Zusammenarbeit von Behörden aus ganz unterschiedlichen, teilweise sogar verfeindeten Ländern.

So soll selbst der syrische Geheimdienst die Amerikaner schon mit wertvollen Hinweisen versorgt haben. Neue Anschläge hat das nicht in jedem Fall verhindern können. Aber immer wieder konnten Attentate vereitelt werden, zuletzt auf mehrere Linienflüge von Großbritannien nach Amerika. In den Vereinigten Staaten, dem Hauptfeind und -ziel des Islamismus, gelang seit dem 11. September 2001 überhaupt kein Anschlag mehr.

Ständig auf der Flucht

Fünf Jahre nach ihrem größten Schlag ist Al Qaida („Die Basis“) eine stark geschwächte Terrorbande. Vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon hatte sie vor allem ein ganzes Land für sich: Im von den (einheimischen) Taliban beherrschten Afghanistan konnte die (arabische) Al Qaida ungestört ihre Trainingslager betreiben, in denen eine ganze Generation von Glaubenskämpfern ausgebildet wurde.

Heute ist es den Amerikanern mit der Militäroperation „Enduring Freedom“ gelungen, die verbliebenen Kämpfer in die Stammesgebiete des benachbarten Pakistan zu vertreiben, ein unwegsames Hochland ohne staatliche Kontrolle. Nach Erkenntnissen westlicher Dienste umfaßt Al Qaida heute auch nicht mehr Tausende, sondern nur noch Hunderte von Männern. Ihre höchste Führung, Bin Ladin und sein Stellvertreter Aiman Al Zawahiri, sind ständig auf der Flucht. Viele Anführer der nächsten Ebene wurden getötet oder verhaftet (etwa Chalid Scheich Mohammed oder Ramzi Binalshib). Die afghanischen Terrorcamps sind geschlossen.

„Franchise-Unternehmen“

Nicht zuletzt für die Stellung des inzwischen 49 Jahre alten Bin Ladin hat das Folgen gehabt. Nach Auffassung westlicher Behörden steht der Gründer des Terrornetzes zwar immer noch an der Spitze seiner Organisation, muß die logistische und operative Arbeit aber seinen Untergebenen überlassen. Bin Ladin widmet sich vornehmlich der Propaganda-Arbeit (vor allem in Form von Videobotschaften) und erteilt vielleicht noch allgemeine Weisungen.

Insgesamt scheint Al Qaida aber mehr zu einer Art „Franchise-Unternehmen“ des globalen Dschihad geworden zu sein, wie die Ermittler sagen. Bin Ladin und seine Organisation dienen als Sinnstifter, Vorbild und Inspiration für autonome lokale Zellen, die oft keinerlei direkten Kontakt mit der eigentlichen Al Qaida haben.

Irakische Al Qaida völlig eigenständig

Selbst der berüchtigte Al-Qaida-Ableger im Irak fällt in diese Kategorie. Die Gruppe, die vor allem durch die Enthauptung von (westlichen) Geiseln bekannt wurde, war ursprünglich nach dem Fall der Taliban von einigen Afghanistan-Veteranen um den Jordanier Abu Mussab al Zarqawi im Nordirak gegründet worden. Erst 2004 unterstellte sie sich offiziell Bin Ladin und nannte sich fortan „Al Qaida im Zweistromland“.

Ihr Anführer Zarqawi, der Anfang Juni bei einem amerikanischen Luftangriff im Irak getötet wurde, wollte damit anscheinend vom Renommee und der Popularität Bin Ladins in der muslimischen Welt profitieren. Westliche Dienste sagen aber, daß die Gruppe in Wirklichkeit völlig eigenständig im Irak agiert.

Einheimischer Terrorismus

Dieses Muster ist auch bei kleinen, amateurhaften Zellen zu beobachten, die in Europa entstanden sind. „Homegrown terrorism“ (einheimischen Terrorismus) nennen die Sicherheitsbehörden diese neuartigen, oft spontanen Zusammenschlüsse von jungen muslimischen Männern, die hier aufgewachsen sind und bis zu ihrer Tat meist ein unauffälliges bürgerliches Leben geführt haben.

Jüngste Beispiele waren die Anschläge auf die Londoner U-Bahn im Juli vergangenen Jahres und jene kürzlich vereitelten Attentatsversuche auf die Transatlantikflüge. In letzterem Fall war sogar ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma des Londoner Flughafens Heathrow unter den Verdächtigen. Er hatte Zugang zu allen Teilen des Terminals - ein Albtraum für jeden Polizisten.

Neue Generation von Terroristen

Die westliche Öffentlichkeit war entsetzt über die Entdeckung, daß ein Nachbar von nebenan zum Terroristen werden kann. Die Ermittlungsbehörden können dieser Entwicklung aber auch Gutes abgewinnen. Die Attentäter des 11. September hatten sich professionell und sorgfältig auf ihre Tat vorbereiten können. Al Qaida stellte ihnen dazu Geld und Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung.

Die neue Generation von Terroristen verfügt dagegen meist weder über Geld noch über Fachkenntnisse, etwa im Umgang mit Sprengstoffen. Große und logistisch aufwendige Aktionen, gar der Einsatz von Massenvernichtungswaffen dürfte ihre Fähigkeiten übersteigen.

Das zeigte sich auch bei den beiden „Kofferbombern“ in Deutschland. Die Täter wollten die Bomben zünden, hatten aber das Sprengstoffgemisch falsch angesetzt, weshalb die Gasflaschen nicht explodierten. Hätten sie eine Unterweisung im Bombenbau erhalten, wie sie früher in Ausbildungslagern von Al Qaida in Afghanistan üblich war, dann wäre ihnen so ein Fehler vermutlich nicht unterlaufen.

Persönliche Erfahrungen oder Veranlagungen

Andererseits sind diese „Autodidakten“ für die Ermittler schwer zu fassen. Da sie kaum Verbindungen zu bekannten Terroristen unterhalten, hinterlassen sie keine Spuren, auf die man aufmerksam werden kann. „Einzeltaten kann man nicht verhindern, das ist wie mit Banküberfällen“, sagt ein Mitarbeiter einer westlichen Sicherheitsbehörde.

Ein Rätsel bleibt, warum junge muslimische Männer zu Terroristen werden. Ähnlichkeiten lassen sich allenfalls beim Führungspersonal von Al Qaida feststellen. Es besteht so gut wie ausschließlich aus Arabern oder Personen arabischer Herkunft, oft mit abgeschlossenem Studium. Kämpfer sind meist zwischen 17 und 35 Jahre alt, Anführer älter. Ansonsten scheinen eher persönliche Erfahrungen oder Veranlagungen für die Hinwendung zum Terrorismus ausschlaggebend zu sein: das Gefühl, daß Muslime unterdrückt werden; religiöse Neigungen; eine einfache Weltsicht nach Freund-Feind-Schemata; Glaube an die eigene Auserwähltheit.

Interessanterweise scheinen die fortdauernden Kämpfe in Afghanistan und im Irak Al Qaida bisher nur propagandistisch zu nützen. Sie tauchen immer wieder in der Rechtfertigung für den Dschihad auf. Westliche Geheimdienste haben aber keine Hinweise darauf, daß der Irak-Krieg zu einem spürbaren Rekrutierungsschub unter europäischen Muslimen geführt hat. Und bei den derzeitigen Kämpfen, die Aufständische in Afghanistan gegen die Nato führen, gilt Al Qaida nicht als tonangebend.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.

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