Der noch flüchtige zweite mutmaßliche Bahn-Attentäter hat sich nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts wahrscheinlich in den Libanon abgesetzt. Die Fahndung nach ihm werde nun deutlich intensiviert, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke am Mittwoch der Deutschen Welle. Auch im Ausland werde die Suche nach dem flüchtigen Libanesen verstärkt.
„Wir wissen, daß der Festgenommene und der zweite Täter zusammengearbeitet haben, daß sie gemeinsam diese Tat geplant haben und sich nach dem 31. Juli abgesetzt haben müssen, mit hoher Wahrscheinlichkeit Richtung Libanon“, sagte Ziercke.
Einzeltäter oder Terror-Netz?
Die Zusammenhänge seien aber noch unklar. Man müsse analysieren, „ob es hier um ein Netzwerk geht, ob es Unterstützer gibt oder ob es sich hier tatsächlich um radikalisierte Einzeltäter handelt, die in ihrem fanatischen Wahn glaubten, solche Signale setzen zu müssen“, sagte Ziercke.
Die Kölner Polizei wollte Berichte der „Bild“-Zeitung nicht bestätigen, wonach in der Wohnung des zweiten Verdächtigen in Köln-Neuehrenfeld Drähte und Werkzeuge sichergestellt worden seien. Ein Kölner Taxifahrer soll demnach den Fahndern den entscheidenden Hinweis geliefert haben. Wie die Zeitung berichtet, soll er den Verdächtigen anhand von Überwachungsfotos identifiziert haben.
Angeblich Spuren nach Essen und Hamburg
Der Einsatz in Köln hatte Dienstag mittag begonnen und wurde am Mittwoch fortgesetzt. Bei dem Verdächtigen soll es sich laut unbestätigten Berichten um einen 20 Jahre alten Libanesen handeln, der zuletzt in Köln gelebt hatte. Sein Name wird in den Medien mit Jihad H. angegeben.
Laut weiteren Medienberichten führen Spuren auch nach Essen und Hamburg. In Essen hätten Fahnder bei einem Autohändler Gasflaschen sichergestellt, die im Zusammenhang mit den gescheiterten Attentaten stehen könnten, berichtet die „Neue Ruhr Zeitung“. Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) hätten drei Objekte in der Stadt durchsucht, darunter einen libanesischen Gebrauchtwagen- und einen Lebensmittelhändler.
Grund dafür sei, daß der zweite, noch flüchtige mutmaßliche Bombenleger über einen Kontakt in Essen sein Einreisevisum nach Deutschland vermittelt bekommen habe.
BKA prüft Verbindung zu Al Qaida
Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete zudem von einer Spur, die nach Hamburg führe. Im Fall des schon am Wochenende in Kiel festgenommenen mutmaßlichen ersten Bombenlegers Youssef Mohamad E.H. gibt es demnach auch Hinweise auf eine Verbindung zu der Terrororganisation Al Qaida. BKA-Ermittler versuchten, einen Zusammenhang zwischen dem Tatverdächtigen und dem Deutsch-Marokkaner und mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglied Redouane E.H. aus Kiel nachzuweisen, der am 6. Juli am Dammtor-Bahnhof in Hamburg festgenommen wurde, berichtete das „Hamburger Abendblatt“. Youssef Mohamad E.H. und Redouane E.H. sollen sich gekannt haben. Die Zeitung schreibt ferner, daß Geheimdienstler und BKA-Fahnder schon Anfang Juli erste Erkenntnisse über geplante Attentate in Zügen hatten.
Das bestreitet indes die Bundesanwaltschaft. Eine Sprecherin der Behörde wandte sich am Mittwoch gegen Darstellungen, nach denen bereits Anfang Juli Hinweise auf geplante Attentate in deutschen Zügen vorlagen. Zwei Kontaktpersonen des noch gesuchten, zweiten mutmaßlichen Kofferbombers seien zwar am Dienstag in Essen und Oberhausen vorläufig festgenommen, am selben Abend aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden, sagte sie.
„Wir ermitteln in alle Richtungen“
Darüber hinaus gebe es bisher keine Erkenntnisse, daß der bereits festgenommene, mutmaßliche Kofferbomber Youssef Mohamad E. H. Kontakte zu Redouane E.H. gehabt habe. „Allerdings wird selbstverständlich überprüft, ob diese beiden Personen in Kontakt gestanden haben“, sagte die Sprecherin. „Wir ermitteln in alle Richtungen.“
Der 36 Jahre alte Redouane E. H. soll in Kiel einen Call Shop betrieben haben und unter anderem als Nachrichtenmittler für den flüchtigen Said Bahaji und dessen in Hamburg wohnende Ehefrau tätig gewesen sein. Bahaji ist dringend verdächtig, Mitglied der Terrorzelle um den Todespiloten Atta gewesen zu sein, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten mit vorbereitete und ausführte. Atta, der mutmaßliche Kopf der Hamburger Zelle, soll selbst in den neunziger Jahren mehrmals in Kiel gewesen sein.
Muslime beklagen zunehmende Ausgrenzung
Die Muslime in Deutschland sehen sich unterdessen zunehmender Ablehnung ausgesetzt. „Wir sind froh, daß der mutmaßliche Täter gefaßt ist, nicht aber darüber, daß erneut Hysterie spürbar wird, ein mehr oder weniger offen vorgebrachter Generalverdacht gegen Muslime“, beklagte der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, im „Tagesspiegel“. Die Muslime seien damit doppelt getroffen, da auch sie als Bürger, Bahnpassagiere oder Fluggäste Opfer eines Anschlags werden könnten.
Die Ermittler hatten am Dienstag auch den zweiten Tatverdächtigen der fehlgeschlagenen Bombenanschläge identifiziert. Zudem durchsuchten sie zahlreiche Wohnungen in mehreren Bundesländern und vernahmen mehrere Personen.
Keinen gegenseitigen (!) Generalverdacht
Reinhard Foertsch (grateful)
- 23.08.2006, 21:06 Uhr
