22.08.2006 · Angehörige der Großfamilie des in Kiel festgenommenen mutmaßlichen Bombenlegers Youssef Mohamad E. H. unterhalten angeblich Verbindungen zu einer in Deutschland verbotenen islamistischen Organisation.
Angehörige der Großfamilie des in Kiel festgenommenen mutmaßlichen Bombenlegers Youssef Mohamad E. H. unterhalten laut einem Zeitungsbericht Verbindungen zu der in Deutschland verbotenen islamistischen Organisation Hisb ut-Tahrir al Islami.
Wie der Berliner „Tagesspiegel“ unter Berufung auf deutsche Sicherheitskreise berichtete, werden mehrere Mitglieder der Großfamilie als „problematisch“ eingestuft. Die Sicherheitsexperten halten es demnach für denkbar, daß der Verdächtige von Hisb ut-Tahrir al Islami oder von Sympathisanten der Organisation in seiner Familie den Anstoß zur Radikalisierung bekam.
Für Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sind die Sorgen wegen eines möglichen Terroranschlags in Deutschland auch nach der Festnahme des Libanesen „leider sehr real“. In der ARD sagte Schäuble Montag abend, die Lage bleibe ernst. Die Ermittlungen zur Identifizierung und Festnahme des zweiten Verdächtigen liefen auf Hochtouren. Das Motiv für die Ende Juli fehlgeschlagenen Bahn-Anschläge sei aber noch unklar. Dahinter stehe wohl eine Organisation mit terroristischem Hintergrund, so Schäuble.
Hinweise aus dem Libanon
Unterdessen rechnet das Bundeskriminalamt (BKA) mit einer schnellen Festnahme im Fall der geplanten Terroranschläge auf die Nahverkehrszüge. Nach der Festnahme des ersten Verdächtigen am vergangenen Samstag sei eine „Fülle von Spuren“ ins In- und Ausland entstanden, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke Montag abend im ZDF. Er sei „sehr optimistisch“, daß es einen „schnellen Fahndungserfolg“ geben werde. Die Spuren zeigten nach Deutschland sowie in den Libanon und weitere europäische Länder, so Ziercke.
Der entscheidende Hinweis für die Festnahme des ersten mutmaßlichen Koffer-Bombers kam vom militärischen Nachrichtendienst im Libanon. Der Geheimdienst habe die deutschen Sicherheitsbehörden Freitag abend informiert, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am Montag. Einzelheiten würden nicht bekanntgegeben.
Der 21 Jahre alte Libanese war am frühen Samstag am Kieler Hauptbahnhof festgenommen worden. Er soll eine Kofferbombe in einem Regionalexpreß nach Koblenz plaziert haben. Am Montag gab das Bundeskriminalamt das Studentenwohnheim des Libanesen nach zweitägigen Durchsuchungen wieder frei. Mitbewohner gaben an, daß Youssef Mohamad E.H. sehr religiös gewesen sei. Er habe den Islam streng ausgelegt, sagte sein Zimmernachbar aus der Wohngemeinschaft. Youssef habe täglich auffallend viel Besuch von Glaubensbrüdern gehabt und oft im Keller des Hauses einen Gebetsraum benutzt, sagte der gleichaltrige deutsche Mitbewohner.
Libanese hatte Studium noch nicht begonnen
„Er war völlig unauffällig“, sagte der kommissarische Kollegleiter, Rainer Wurow-Radny, der ihn in Physik, Chemie und technischer Kommunikation unterrichtete. „Er ist in keiner Weise als besonders religiös auffällig gewesen, weder durch Kleidung noch durch sonst irgend etwas.“ Wurow-Radny sagte, ihm sei auch nicht bekannt, daß er zu einer bestimmten Gruppe von Schülern gehört hätte. Nach Ansicht der Bundesregierung hatten die beiden mutmaßlichen Bahn-Bombenleger Unterstützer.
Unterdessen wurde bekannt, daß Youssef Mohamad E.H. sein Studium der Mechatronik an der Fachhochschule Kiel noch nicht aufgenommen hatte. Statt dessen besuchte er nach Auskunft des Kultusministeriums ein Studienkolleg, wo er am 7. Juli eine Sprachprüfung bestand, die zum Studium an der Fachhochschule berechtigt. Im vergangenen Jahr hatte er demnach so schlechte Noten, daß er das erste Semester an dem Kolleg wiederholen mußte. Ein Hochschulsprecher teilte mit, kein Student mit diesem oder einem ähnlichen Namen aus dem Libanon oder einem anderen Land sei an der FH Kiel eingeschrieben.
„Terror vor unserer Haustür“
Der Staatssekretär im Bundesinnenministerium und frühere BND-Präsident August Hanning sprach angesichts der Ereignisse der vergangenen Tage von einer Verschlechterung der Sicherheitslage in Deutschland. In der ARD sagte Hanning am Montag: „Die Bedrohung ist ernster geworden. Der Terrorismus hat uns sehr unmittelbar erreicht.“ Bei der Fahndung nach dem zweiten Bombenleger gebe es noch keinen neuen Ermittlungsstand, sagte Hanning. Die bisher gefundenen Spuren wiesen darauf hin, „daß es einen libanesischen Hintergrund gibt“.
Die Bundesregierung sieht indes keinen „kausalen Zusammenhang“ zwischen den versuchten Anschlägen und einer deutschen Beteiligung an der geplanten UN-Friedenstruppe im Libanon. „Das eine hat kausal mit dem anderen nichts zu tun“, sagte Vize-Regierungssprecher Steg am Montag in Berlin. Man habe immer deutlich gemacht, daß Deutschland „bislang schon zum allgemeinen Gefahrenraum gezählt hat“. Das habe sich „nicht nur als Gerede erwiesen“. Deutschland beteilige sich an der UN-Mission unabhängig von der Frage nach einer möglichen terroristischen Gefährdung der Bundesrepublik, sagte Steg.