02.08.2008 · Von einer lokal inspirierten Guerrilla-Truppe zur global agierenden Terrororganisation: 1988 gründete Usama Bin Ladin in Pakistan Al Qaida. Die Folgen für den Rest der Welt waren und sind seither unabsehbar.
Von Markus BickelDie meisten der versammelten Männer hörten den Namen an diesem heißen Augusttag im pakistanischen Peshawar zum ersten Mal. „Al Qaida“, zu Deutsch: die Basis, müsse auch nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen aufrechterhalten, lautete der Beschluss, den Usama Bin Ladin, der palästinensische Gelehrte Abdullah Azzam, sein religiöser Mentor aus Universitätstagen in Dschidda, und eine Handvoll weiterer Dschihadisten am 11. August 1988 fassten.
Die militärische Ausbildung von 300 Kämpfern im nächsten halben Jahr, so der Plan, sollte garantieren, dass die bislang versprengt in Afghanistan operierenden „arabischen Afghanen“ schlagkräftiger auftreten würden. Zwar hatte Bin Ladin schon einige Monate zuvor Gesinnungsgenossen aus seiner saudi-arabischen Heimatstadt Dschidda in das Vorhaben, eine zunächst in Afghanistan, später aber auch in arabischen Staaten operierende islamistische Organisation aufzubauen, eingeweiht. Peter Bergen in „The Osama bin Laden I Know“ und Laurence Wright, Autor von „The Looming Tower - Al Qaeda's Road to 9/11“, nennen jenen Tag im August gleichwohl als Gründungsdatum für Al Qaida; auch Abdel Bari Atwan, Verfasser von „The Secret History of al-Qa'ida“, terminiert es auf 1988.
Abschluss und Ausgangspunkt der steten Weiterentwicklung
Bereits 1986 hatte Bin Ladin begonnen, Trainingslager in verschiedenen Gegenden Afghanistans zu unterhalten. Zwei Jahre später richtete er ein Büro ein, das die Familien gefallener Kämpfer über deren Tod unterrichtete. Der Name dieser Registratur: Al Qaida. Das fast zehn Tage dauernde Treffen in Peshawar im August 1988 bildete Abschluss und Ausgangspunkt der steten Weiterentwicklung von Bin Ladins am avantgardistischen Denken des Ägypters Sayyid Qutb orientierten islamistischen Projekts zugleich.
Nach fast sechs Jahren in Afghanistan, die von militärischen Misserfolgen geprägt waren, machte ihm der nahende Abzug der sowjetischen Truppen die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der bis dahin unorganisierten arabischen Kämpfer bewusst. Denn auch das von Azzam Anfang der achtziger Jahre in Peshawar gegründete und von Bin Ladin später finanzierte Informationsbüro (Maktab al Khadamat) zur Rekrutierung arabischer Freiwilliger im Kampf gegen die Sowjetstreitkraft hatte an deren marginaler Rolle nichts ändern können. Gemeinsam mit dem späteren ideologischen Führer Al Qaidas, dem Ägypter Ayman al Zawahiri, der damals noch die Gruppe Al Dschihad kommandierte, sollte Bin Ladin in den kommenden Jahren zum wichtigsten Protagonisten im ideologischen wie militärischen Kampf zum Sturz der arabischen Regime werden.
Nicht zu reden von seiner Rolle im Krieg gegen den Westen, die er in seiner „Erklärung des Heiligen Krieges gegen die Amerikaner, die das Land der beiden heiligen Stätten besetzen“, 1996 erstmals publikumswirksam formulierte.
Ein wohlhabender Sprössling eines Bauunternehmers
Aus Bin Ladins Plan, den Dschihad zunächst in Afghanistan fortzusetzen, wurde jedoch nichts. Schon 1989, nach der Ermordung seines Mentors Azzam, sah er sich zur Flucht aus Afghanistan und zur Rückkehr nach Saudi-Arabien gezwungen. Da er sich früh gegen die Korruption des Königshauses gewandt und die Stationierung amerikanischer Truppen am Vorabend des Zweiten Golf-Krieges 1991 als fremde Besatzung angeprangert hatte, stellte ihn das Regime in Riad unter Hausarrest.
Danach gab es für ihn kein Zurück mehr: Hatte der wohlhabende Sprössling eines Bauunternehmers bis dahin gehofft, das Königshaus zum Einlenken bewegen zu können, begriff er die wahhabitischen Herrscher nun als unbelehrbare Kollaborateure der Vereinigten Staaten. In einem Interview mit dem Chefredakteur von „Al Quds al Arabi“, Abdel Bari Atwan, bezeichnete er die Einladung der amerikanischen Truppen zur Verteidigung Saudi-Arabiens als „größten Schock“ seines Lebens.
1994 entzog ihm sein Geburtsland die Staatsbürgerschaft. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. 1995 kam es zum Anschlag auf einen Stützpunkt der saudi-arabischen Nationalgarde in Riad, ein Jahr später auf die Khobar-Türme in Dhahran - 19 amerikanische Soldaten wurden getötet. Bin Ladin selbst war zu diesem Zeitpunkt freilich längst nicht mehr im Land. Schon 1991 hatte er sich über Pakistan nach Sudan abgesetzt, wo Präsident Omar al Baschir ihm Sicherheit versprach. Der damals erst 34 Jahre alte Bin Ladin dankte es mit der Finanzierung zahlreicher Bau- und Agrarprojekte. Bei Treffen wie dem des Arabischen Islamischen Volkskongress 1991, an dem Vertreter der libanesischen Hizbullah, der palästinensischen Hamas und der ägyptischen Muslimbruderschaft teilnahmen, schärfte sich zudem seine Vorstellung einer grenzüberschreitend operierenden Organisation zum Aufbau eines islamischen Kalifats.
Von einer Guerrilla-Truppe zur Terrororganisation
Zum formalen Zusammenschluss von al Zawahiris Islamischem Dschihad und Bin Ladins Männern kam es allerdings erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre - nachdem sich das Regime in Khartum dem Druck Riads gebeugt und Bin Ladin des Landes verwiesen hatte. Zurück in Afghanistan, profitierte er vom Aufstieg der Taliban, die Al Qaida erlaubten, hier ihr Hauptquartier und Trainingslager zu unterhalten. Aus der losen Organisation verschiedener landsmannschaftlicher Gruppierungen wurde im Februar 1998 die „Internationale Islamische Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzritter“ mit Bin Ladin und Zawahiri an der Spitze.
Der Schritt von einer lokal inspirierten Guerrilla-Truppe gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans zur global agierenden Terrororganisation war gemacht. Im August 1998 - fast auf den Tag genau ein Jahrzehnt nach dem geheimen Treffen in Peshawar - bombte sich die Terrororganisation unwiderruflich ins Bewusstsein der Führung ihres Hauptfeindes: Nach den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam, als Al Qaida mit Sprengstoff beladene Lastwagen einsetzte, ordnete der amerikanische Präsident Clinton Militärschläge gegen vermeintliche Al-Qaida-Stützpunkte in Afghanistan und Sudan an.
Die Botschaftsattacken gerieten zur Blaupause für die künftige Strategie Al Qaidas, möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen: Allein an diesem Tag wurden über 200 getötet. Vier Jahre später dann, am 11. September 2001, sollte mit Hilfe von vier Flugzeugen die perfide Logik des Massenmordes perfektioniert werden: 19 Selbstmordattentätern gelang es, fast 3000 Menschen umzubringen, mehr als 155 pro Angreifer.
20/8
Peter Böttcher (Joffy)
- 02.08.2008, 03:54 Uhr
"Al CAIda" ?
Kevin Alonso (Ayers.Rock)
- 02.08.2008, 09:54 Uhr
Das stimmt so aber nicht!
Jennifer Pahlke (JenPahlke)
- 02.08.2008, 10:16 Uhr