Home
http://www.faz.net/-g9h-vxl0
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Anne Will und die Bahn Fluchtauto, Hubschrauber oder totaler Streik

19.11.2007 ·  Der oberste Lokführer Manfred Schell und Bahn-Personalvorstand Margret Suckale trafen sich in der Talkshow von Anne Will. Deren Überraschungsgast erklärte den GDL-Chef prompt zum Geiselnehmer. So kurios ging es weiter. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Nadine Bös.

Von Nadine Bös
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (14)

Der Vergleich saß: Manfred Schell als Geiselnehmer, der mit seiner streikenden Lokführergewerkschaft GDL in diesen Tagen das ganze Land in seine Haft nimmt, vom Reisenden über den Berufspendler bis hin zum Großunternehmer. Und eine Runde überforderter Polizeibeamte, die alle auf ihre Art versuchten, den Geiselnehmer zu überzeugen, die Geisel nicht zu erschießen.

Bahn-Personalvorstand Margret Suckale, der Chef der DGB-Bahngewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser und Bahnstreit-Moderator Kurt Biedenkopf - sie alle trafen sich Sonntagabend zur Talkrunde bei Anne Will und schienen nur ein Ziel zu haben: Schell sollte seine Waffen ablegen, die Geisel gehen lassen und dann - ja dann würde man ihm womöglich ein Fluchtauto zur Verfügung stellen. Es kam, wie es kommen musste: Schell wollte kein Fluchtauto, er wollte mindestens einen Hubschrauber. Das allerdings war vorher klar.

Ratlose Polizisten und Tipps für den Geiselnehmer

Wen sucht man sich aus, als „Gast auf dem Sofa“, der abseits einer solchen Talkrunde befragt werden soll? Einen Pendler, der in der vergangenen Woche nicht zur Arbeit kam? Den Audi-Chef, dem Schichten flöten gingen durch den Streik? Oder vielleicht doch einen Lokführer, der erzählen kann, wie schlecht es ihm geht und wie viel er arbeiten muss für zu wenig Lohn?

Anne Will lud stattdessen einen Verhandlungsprofi ein. Einen, der jahrelang in einer Spezialeinsatzgruppe der Polizei verantwortlich war für Verhandlungen bei Geiselnahmen und anderen Gewalttaten. Ihn ließ sie analysieren, wie die ratlosen Polizisten dem Geiselnehmer Schell am besten beikommen könnten. Und ihn ließ sie dem Geiselnehmer Tipps geben, wie er die Geiselnahme übersteht, ohne hinterher völlig ohne Beute dazustehen.

„Vernunft ist immer schlecht“

Matthias Schranner, der Verhandlungsprofi, war es denn auch, der Schell mit einem Geiselnehmer verglich: emotional und ohne konsistente Strategie. Drei Optionen blieben ihm noch, argumentierte er. Weiter einen „Zickzackkurs“ zu fahren, mal zu streiken, mal wieder nicht. Damit, so der Fachmann, würde Schell in kürzester Zeit seinen Rückhalt in der Bevölkerung verspielen. Oder auf den totalen Streik zu setzen, mit unkalkulierbaren Risiken, auch für ihn selbst und für seine Lokführer. Oder jetzt erst einmal zu verhandeln - die einzig gangbare Lösung aus Schranners Sicht. Denn danach blieben immer noch die beiden anderen Optionen.

Der Bahn warf Schranner „zu viel Rationalität“ vor. Man könne einem Geiselnehmer nicht einfach sagen, er solle vernünftig sein und die Geisel frei lassen. „Vernunft ist immer schlecht“, erklärte er und schlug dem Bahnvorstand vor, statt dessen alle Termine abzusagen und mit Schells Lokführern in den Streikzentren Kaffee zu trinken und zu reden.

Applaus und zustimmendes Nicken

An dieser Stelle verpasste Anne Will die beste Gelegenheit der ganzen Talksendung - weder konfrontierte sie Schell mit den genannten Optionen noch diskutierte sie mit Frau Suckale die Möglichkeit von Gesprächen auf einer ganz anderen Ebene. Und so war es ausgerechnet Frau Suckale, die die Gunst der Stunde zu nutzen verstand. „Wir sagen morgen alle Termine ab, der gesamte Bahnvorstand, dafür brauche ich niemanden anzurufen, das geht in Ordnung“, proklamierte sie. „Herr Schell, kommen Sie an den Verhandlungstisch, zusammen mit Herrn Hansen.“ Applaus. Zustimmendes Nicken von Seiten des Herrn Hansen.

Interpretationsfreudige Zuschauer konnten leicht auf die Idee kommen, dass Frau Suckale und Transnet-Chef Hansen vor der Sendung einige Worte gewechselt hatten, womöglich sogar einen irgendwie gearteten Kompromissvorschlag vorsorglich in eine Schublade gelegt haben könnten. „Wir möchten das gern gemeinsam lösen“, sagte Hansen immer wieder. Dass es Spielräume gebe in den Vereinbarungen zwischen Transnet, GDBA und der Bahn; Spielräume, die Verbesserungen für die Lokführer zulassen könnten - all das ließ sich zwischen den Zeilen lesen, wenn man wollte.

„So viel öffentliche Spontaneität verwirrt mich“

Schell wollte nicht. Die anderen seien ihm egal, schoss er gegen die Konkurrenzgewerkschaften. Und blieb dabei, unablässig zu wiederholen, dass er mit 4,5 Prozent mehr Lohn nicht zufrieden sein könnte. Etwas anderes würde ja sowieso nicht angeboten. Doch irgendwie blieb der Eindruck des Geiselnehmers, den man in die Ecke gedrängt hatte. Dem kaum noch eine andere Option bleibt, als Gespräche zu führen. Und dem am Ende nur noch wenig einfiel. Frau Suckale wurde nicht müde, ihn immer wieder einzuladen: „Kommen Sie, Herr Schell, kommen Sie morgen und sprechen Sie mit uns.“

„So viel öffentliche Spontaneität verwirrt mich“, sprach der „Geiselnehmer“ zum Abschluss. Ob er heute erst einmal die Waffen niederlegen wird oder ob seine GDL den Streik am Mittwoch wieder aufnimmt - das freilich, das sagte er nicht. Dafür wurde er hinterher im Internet-Chat der Sendung ein klein wenig deutlicher (Siehe: Spitzentreffen von Bahn und Lokführern).

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen