31.05.2007 · Der Protest gegen den G-8-Gipfel wird von Frankfurt aus gesteuert: Dort hat das Bundesbüro der Globalisierungskritiker von Attac seinen Sitz. In Heiligendamm wollen die Organisatoren selbst mitdemonstrieren.
Von Hans RiebsamenDas Großtransparent ist eingerollt, bald wird es in Rostock oder Heiligendamm Tausende von Globalisierungskritikern zum Kampf anspornen: „Stoppt den Raubzug der G8!“ Auch die Verfasser der Botschaft haben sich auf den Weg gen Norden gemacht. Wer möchte schon im Büro im Frankfurter Bahnhofsviertel herumsitzen und eine Bewegung verwalten, wenn ebendiese Bewegung den Mächtigen der Welt in Heiligendamm ihre Zähne zeigen wird?
Seit anderthalb Jahren haben Sabine Leidig, die Geschäftsführerin von Attac, und ihre neun bezahlten Mitarbeiter plus einem Dutzend ehrenamtlicher Helfer die Großdemonstration am Samstag in Rostock und den dort vom 5. bis 7. Juni stattfindenden „Alternativgipfel“ vorbereitet. Jetzt sind die Sonderzüge und Busse gechartert, die Mitglieder und Sympathisanten mobilisiert, die Aktionen geplant.
Blockaden „im Ermessen jedes Einzelnen“
Unter anderem stehen hundert Kunstwerke und Transparente von Künstlern aus der ganzen Welt bereit. Die „Attacis“, wie sich die Aktivisten der Organisation gerne nennen, werden sie am Freitag am Zaun anbringen, der die G-8-Führer in den Hotels von Heiligendamm vor Attacken schützen soll. Ein großes Publikum dürfte die Freiluft-Ausstellung nicht finden: Die Polizei hat verfügt, dass Besucher 200 Meter Abstand vom Zaun halten müssen.
In der Protestbewegung gegen das G-8-Treffen gibt es eine Arbeitsteilung. Die Großdemonstration organisiert vor allem das „Netzwerk Friedenskooperation“ mit Hauptsitz in Bonn. Den „Alternativgipfel“ bereitet federführend die 1990 gegründete Nichtregierungsorganisation Weed (World, Economy, Ecology & Development) vor, die sich mit globalen Armuts- und Umweltproblemen beschäftigt. Für die Kulturveranstaltungen, darunter einem Auftritt der Kultband „Wir sind Helden“, sowie die Öffentlichkeitsarbeit ist Attac zuständig. An Blockaden beteiligt sich Attac als Organisation nicht, fordert aber die Mitglieder auch nicht auf, davon Abstand zu nehmen, sondern stellt es in das Ermessen jedes Einzelnen, ob er das Risiko auf sich nehmen will.
Unter den Initiatoren des „G-8-Alternativgipfels“ – von der Aktionsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft über den Evangelischen Entwicklungsdienst und Misereor bis zur Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linken – ist Attac die bekannteste. Und die aktivste. Mehr als 1000 Vorbereitungsveranstaltungen zum G-8-Gipfel haben die deutschen Attac-Gruppen in den vergangenen anderthalb Jahren abgehalten – unterstützt und mit Materialien versorgt vom Frankfurter Bundesbüro an der Münchener Straße 48.
Eine junge Bewegung mit älteren Mitgliedern
In einem der sechs mit einfachen Ikea-Regalen und leistungsfähigen Computern ausgestatteten Räumen hängt eine mit vielen Fähnchen gespickte Deutschland-Karte an der Wand. Jedes Fähnchen steht für eine der 250 örtlichen Attac-Gruppen. Besonders dicht stecken sie in Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet, dem Ruhrgebiet oder dem Großraum Stuttgart. Attac, so klärt Geschäftsführerin Leidig auf, ist eher eine städtische Bewegung. Auch eine junge Bewegung?
Von ihrem Alter her betrachtet, ja, denn das Bündnis der Globalisierungskritiker wurde erst vor sieben Jahren in Frankfurt von etwa 50 Nichtregierungsorganisationen gegründet. Nimmt man das Alter der Mitglieder, so ist Attac keineswegs jung. Statistische Erhebungen hat die Organisation zwar nicht vorgenommen, doch schätzt Leidig, dass die Hälfte der Mitglieder zwischen 40 und 60 Jahre alt ist. Der Altersdurchschnitt hat sich kürzlich durch den Beitritt des 77 Jahre alten CDU-Politikers Heiner Geißler noch etwas erhöht.
2001, im Zuge des G-8-Gipfels von Genua, sind Attac die Beitrittserklärungen in großer Zahl in den Briefkasten geflattert. Ende 2002 zählte die Organisation schon 10.000 Mitglieder. Der Zulauf hat sich abgeschwächt, ist aber nie versiegt. Mittlerweile verzeichnet die Kartei knapp 18.000 Mitglieder, davon allein 700, die im Mai beigetreten sind.
„Gegenwind“ der Globalisierungskritiker
Der bevorstehende G-8-Gipfel zeigte Wirkung – und wird in den nächsten Wochen vermutlich noch mehr Männer und Frauen eine Attac-Beitrittserklärung unterzeichnen lassen. Freilich sind, so die Schätzung der Geschäftsführerin, nur ein Drittel der Mitglieder regelmäßig aktiv. Doch zahlt die schweigende Mehrheit regelmäßig den Mitgliedsbeitrag von fünf Euro im Monat oder spendet noch zusätzlich. Diese Einnahmen bilden die finanzielle Basis von Attac, aus ihnen werden das Frankfurter Büro, die Werbe- und Informationsmaterialien oder die Organisation von Großveranstaltungen wie dem „Gegengipfel“ bezahlt.
Ursprünglich war die Attac-Zentrale in einem Ökozentrum in Verden an der Aller angesiedelt. Bald stellte sich heraus, dass eine bundesweites Bündnis, das gegen Armut, Umweltzerstörung und vor allem gegen eine in den Augen der Attac-Mitglieder auf dem Prinzip der „Profitmaximierung“ aufbauende Globalisierung antritt, nicht von einer norddeutschen Provinzstadt aus geleitet werden kann. Attac ist 2003 bewusst nicht nach Berlin, sondern nach Frankfurt, in die internationale Wirtschaftsmetropole gezogen. Die Botschaft lautete: Wir wollen nicht Lobbyist am Regierungssitz sein, sondern den Kapitalismus in der Stadt der Börse und der Banken angreifen und verändern.
Der G-8-Gipfel, der für Attac ein „elitärer und undemokratischer“ Club der Mächtigen darstellt, verkörpert mit seinem wirtschaftsliberalen Zielen alles, was den „Attacis“ von Pax Christi über den Bund für Umwelt und Naturschutz bis zur Gewerkschaft Verdi widerstrebt: die „strukturelle Gewalt der Konzerne“, die „kannibalistische Weltordnung“, die „zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus“. Deshalb haben diese Globalisierungskritiker unter dem Schlagwort „Gegenwind“ ihre ganzen Anstrengungen während der vergangenen Monate auf das Treffen der Staats- und Regierungschefs konzentriert.
Gegen die Privatisierung der Bahn
Der Gipfel ist aber nicht das einzige Thema von Attac. Das Bündnis ist gegen die Patentierung von Software zu Felde gezogen, gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie, für eine bessere Pflegeversicherung. Zusammen mit Verdi haben die Globalisierungskritiker vor geraumer Zeit eine Lidl-Aktion gestartet: Die Gewerkschaft verlangte die Einsetzung von Betriebsräten bei der Supermarkt-Kette, Attac eine bessere Bezahlung für „Billigjobs“.
„Bahn für alle“ heißt ein anderes Projekt, bei dem Attac zusammen mit der Umweltschutzorganisation „Robin Wood“ und wiederum mit Verdi gegen eine Privatisierung der Bahn, also gegen einen Börsengang des früheren Staatsunternehmens eintritt. Da scheint es nur konsequent, dass vor kurzem auch Verdi-Chef Frank Bsirske Attac-Mitglied geworden ist.
Transnet dagegen, die in Frankfurt ansässige Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, wird, weil sie einem Börsengang der Bahn eher wohlwollend gegenübersteht, von Attac zu den Gegnern gezählt. Ihr Chef Norbert Hansen wird wohl nicht so schnell eine Beitrittserklärung in die Münchener Straße schicken.