Home
http://www.faz.net/-g9f-ut7v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Proteste gegen G 8 Legenden der Leiden

08.06.2007 ·  Wo demonstriert wird, wird auch gelogen. Selten aber wucherten Gerüchte und Falschmeldungen über Gewalt und Verletzungen auf beiden Seiten dermaßen wie während des G-8-Gipfels in Heiligendamm. Von Peter Carstens.

Von Peter Carstens
Artikel Bilder (21) Lesermeinungen (3)

Wo demonstriert wird, wird auch gelogen. Diese Regel ist nicht ganz neu und fand im polizeilichen und globalisierungskritischen Rahmenprogramm des G-8-Gipfels zahlreiche Bestätigungen. Die einwöchigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten ließen Falschmeldungen und Gerüchte erblühen wie Raps auf Mecklenburgs Feldern.

Schon Wochen vor dem G-8-Treffen war in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt worden, die Polizei nehme Geruchsproben von potentiellen Störern, um diese bei Demonstrationen mit Spürhunden jagen zu können. Tatsächlich waren in einem Ermittlungsverfahren weniger als ein Dutzend solcher Proben von Verdächtigen genommen worden.

Schwankende Demonstrantenzahlen

Bei der Demonstration in Rostock schwankten die Angaben zur Zahl der Teilnehmer zwischen 26.000 nach Zählung der Polizei und 80.000 nach Einschätzung der Veranstalter gewohntermaßen stark. Verwunderlich war, wie die Verletzten in der Zählung beider Seiten zunächst synchron immer mehr zu- und dann wieder abnahmen.

Sobald die Polizei die Zahl ihrer verletzten Beamten anhob, stiegen auch die Angaben über verletzte Demonstranten. So hieß es zunächst aus der Zentrale der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern („Kavala“), es seien 146 Beamte verletzt worden, darunter 25 so schwer, „dass sie in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten“. Am nächsten Tag hieß es dann, es seien „insgesamt 433 Polizeibeamte zum Teil schwer verletzt“ worden.

Falschmeldungen über verletzte Polizisten

Später wurde bekannt, dass insgesamt zwei der eingesetzten Beamten stationär im Krankenhaus behandelt werden mussten, darunter einer mit einem offenen Knochenbruch. Die Polizei gründet ihre Angaben demnach nicht auf die ansonsten übliche Kategorisierung, wonach als schwerverletzt gilt, wer im Krankenhaus zur stationären Behandlung bleibt.

Zudem, so berichtete die „Tageszeitung“, werde nicht angegeben, wie viele Beamte durch eigenes Tränengas, Unfälle oder Stürze verletzt wurden. Die Darstellung, der zufolge mehr als vierhundert Polizisten durch Autonome niedergemacht worden seien, ist jedenfalls falsch.

Am Rande der Unwahrheit

Zumindest sehr vage sind auch die Angaben über verletzte Demonstranten, die geschätzt beziehungsweise wohl der politischen Lage angepasst wurden. Sie schwankten zwischen 200 – nach Angaben der sogenannten „Rotjacken Sanitäter“ – und 1000 Verletzten, welche die „Streetmedics“ für Samstag „extrapoliert“ hatten.

Zumindest am Rande der Unwahrheit segeln Auskünfte, die Greenpeace zu seiner Motorbootfahrt im Sperrgebiet macht. Die Organisation hatte sich über das zupackende Verhalten der Polizei beschwert. Das sei unnötig gewesen, weil man die Polizei doch um 10.45 Uhr telefonisch über die Schlauchboote informiert habe.

Davon weiß allerdings das Lagezentrum „Kavala“ in Rostock nichts. In seiner Pressemitteilung vom Donnerstagmittag ist zudem davon die Rede, dass erste Greenpeace-Boote schon um 10.30 Uhr aufgegriffen wurden. Dann wäre der vermeintliche Anruf also erst nachträglich eingegangen. Auf diese Ungereimtheit angesprochen, sagt die Pressesprecherin der Organisation, Koch, man sei nicht verpflichtet, Fahrten außerhalb des Sperrgebiets anzumelden. Bei der Wasserschutzpolizei in Mecklenburg-Vorpommern sei jedenfalls angerufen worden. Greenpeace müsse aber bedauerlicherweise die Weitergabe der Telefonnummer verweigern, die man dabei gewählt habe. Das wiederum weckt Zweifel an der Zuverlässigkeit der Auskunft.

Verschimmelte Brote

Wenig mit der Wirklichkeit hatten auch Polizeiangaben zu tun, nach denen am Mittwoch schwerverletzte Polizisten von einem Demo-Schlachtfeld mit Santitätshubschraubern ausgeflogen wurden. Das habe sich, sagte am Freitag ein Sprecher, so nicht bestätigt. Auch ein anderer Verdacht, der hundertfach von Mund zu Mund in Polizeikreisen weitergegeben wurde und Besorgnis hervorrief, erwies sich als unbegründet: Polizisten seien mit Säuren bespritzt worden, hieß es. Später war von „chemischen Substanzen“ die Rede, die aus Wasserpistolen der sogenannten „Clowns Army“ gespritzt wurden. Schließlich hieß es, dass es sich – vorbehaltlich andauernder Untersuchungen – auch um Seifenlauge gehandelt haben könnte. Die „Clowns“ hätten demnach mit Seifenblasen schießen wollen.

Vielleicht werden weitere Behauptungen und Gerüchte auf ähnliche Weise entkräftet, etwa die von messerstechenden Autonomen, Säurepfützen, in denen sich Polizeischuhsohlen auflösten, oder aber auch die Geschichte von den fünf schwarz vermummten Zivilpolizisten, die am 5. Juni am Osttor nach Heiligendamm zur Gewalt aufgewiegelt haben sollen. Die „Kavala“ bestreitet jede Kenntnis von solchen verdeckten Ermittlern oder Provokateuren.

Ungeklärt bleibt vorläufig die Feststellung des Polizeigewerkschafters Freiberg, der am Freitag mitteilte, zahlreiche Hundertschaften hätten über 20 Stunden ununterbrochen „im Feld“ gestanden, wenigstens eine Polizei-Hundertschaft aus Schleswig-Holstein sei, so Freiberg, sogar 33 Stunden ohne Pause im Dienst gewesen. Im Kieler Innenministerium hatte man davon noch nichts gehört. Die verschimmelten Brote, die den Beamten als Verpflegung angeboten wurden, habe er selbst gesehen, sagte Freiberg dieser Zeitung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge