08.06.2007 · Im Klimaschutz ist es ehrenwert, ein Vorreiter zu sein. Doch das Vorpreschen allein bringt in einem globalen Projekt wenig. Darum ist es gut, dass Frau Merkel in Heiligendamm Konzessionen gemacht hat. Schließlich hat sich auch Bush kräftig bewegt. Ein Kommentar von Konrad Mrusek.
Von Konrad MrusekDie ominöse Zahlenkombination Fünfzig/Fünfzig, die die Klimaschützer zur Messlatte des Erfolgs machen wollten, ist zwar nicht zu finden in der Gipfel-Erklärung von Heiligendamm. Es ist also Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht gelungen, die acht großen Industrieländer auf eine Reduktion der Treibhausgase um 50 Prozent bis zum Jahre 2050 zu verpflichten.
Doch die Worte, die man stattdessen wählte, sind mehr als eine unverbindliche Floskel. Den in semantischer Hinsicht recht eindeutigen Begriff „Halbierung“ können auch virtuose diplomatische Sprachkünstler bis zur Klimakonferenz im Dezember in Bali kaum derart zerpflücken, dass daraus ein Nullum wird.
Mehr erreicht, als zu erwarten war
Frau Merkel hat nicht allein mit dieser Zusage mehr erreicht, als zu erwarten war. Sie hat auch auf einem anderen Gebiet, das im Gipfel-Getümmel bisher weniger Beachtung fand, Amerika zu einer wichtigen Konzession veranlasst. Marktwirtschaftliche Elemente des Klimaschutzes, wie etwa der Emissionshandel oder Öko-Steuern, werden nun als wichtige Anreize für die Privatwirtschaft bewertet.
Auch das ist eine erstaunliche Kehrtwende des amerikanischen Präsidenten George Bush, denn Emissionshandel und Kyoto-Protokoll gehörten für ihn bisher zusammen. Und beides hat er ungern gehört.
Bush bewegte sich ebenfalls - und zwar kräftig
Der Erfolg hat zwei Ursachen. Es war richtig, dass Frau Merkel sich forsche Ziele setzte, in die ersten Entwürfe der Gipfel-Erklärung gewissermaßen das ehrgeizige europäische Klimaprogramm hineinschreiben ließ. Sie musste später Konzessionen machen, wie das im multilateralen Prozess nun einmal üblich ist, doch Bush bewegte sich ebenfalls – und zwar kräftig.
Dies tat er nicht allein, um der wichtigsten politischen Verbündeten in Europa zu gefallen. Er reagierte damit auch auf internen Druck, denn jenseits des Atlantiks wird die Koalition der Klimaschützer immer stärker, was eingefleischte Amerika-Kritiker hierzulande nicht wahrhaben wollten. Selbst die Banker an der Wall Street gebärden sich immer grüner: Schließlich wollen sie dabei sein, wenn der Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten zum globalen Instrument des Klimaschutzes und damit zur Börse mit Milliardenumsätzen wird.
Das Vorpreschen allein bringt nichts
Im Klimaschutz ist es ehrenwert, ein Vorreiter zu sein. Das sind Deutschland und Europa. Doch das Vorpreschen allein bringt nichts, man braucht auch Geduld, weil gerade dies ein globales Projekt ist. Es nützt nichts, wenn in Europa alle Glühbirnen energieeffizient sind. Auf Deutschland entfallen drei und auf die EU vierzehn Prozent der Treibhausgasemissionen.
Man braucht für eine Eindämmung der Erderwärmung auf maximal zwei Grad die Amerikaner und auch China, weil dieses Land demnächst der größte Emittent sein wird. Insofern war es gut, ein paar europäische Konzessionen zu machen, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.