11.06.2007 · Als Helmut Schmidt noch Gipfel erfunden hat, waren diese immer klein, übersichtlich und zielstrebig. Beim jüngsten G-8-Gipfel in Heiligendamm war der Altbundeskanzler wieder nicht dabei. Doch das musste so kommen. Ein Kommentar von Volker Zastrow.
Von Volker ZastrowEs ist schon mittelungut, dass der Weltwirtschaftsgipfel ohne seinen gefühlten Erfinder stattfindet. Wieso wurde Helmut Schmidt, wieso wird Helmut Schmidt nicht eingeladen - und das schon seit 25 Jahren nicht? Dass er, als Einziger der legendären SPD-Troika, noch lebt und insgesamt seit bald 90 Jahren, kann ja wohl niemandem entgangen sein, denn der Bundeskanzler erfreut sich nicht nur einer alles in allem robusten Gesundheit - was wir ihm von Herzen gönnen -, sondern auch anhaltender öffentlicher Aufmerksamkeit.
Ja doch, er ist kein Bundeskanzler mehr. Trotzdem hat man ihn so anzureden, das schreibt das Protokoll vor, und womit? Mit Recht. Denn Altbundeskanzler klingt despektierlich, ist auch despektierlich, und bei einem alten Mann gleich doppelt. Und es wird ja Helmut Schmidt sich nicht gleich deshalb für den amtierenden Bundeskanzler halten, weil man ihn so anspricht. Wie sollte ausgerechnet Helmut Schmidt je vergessen können, dass er nicht mehr Bundeskanzler ist? Schließlich ist gerade das sein größtes, wenn nicht einziges Problem und war es schon immer.
Die Gipfel von damals: klein, übersichtlich, zielstrebig
Genau genommen war Helmut Schmidt, der im Dezember 1918 in Hamburg das Licht der Welt erblickte, ja nur siebeneinhalb Jahre Bundeskanzler - vom Frühjahr 1974 bis zum Herbst 1982. Bis er ausgerechnet von Helmut Kohl, dem seiner Meinung nach zweituntauglichsten aller Aspiranten (der seiner Meinung nach untauglichste war Willy Brandt, und daraus hat er als Hyperminister an dessen Kabinettstisch keinen Hehl gemacht), ausgerechnet von Kohl also unter Zuhilfenahme Hans-Dietrich Genschers aus dem Amt gemobbt wurde. Siebeneinhalb Jahre sind nicht schlecht: Schröder hat das nicht geschafft, Brandt, Kiesinger und Erhard auch nicht. Andererseits bedeuten die siebeneinhalb Jahre, einfach mal als arithmetische Tatsache und somit in aller Härte genommen, dass Schmidt über acht Jahrzehnte lang nicht Kanzler war, also viel länger als die Mehrheit der Bevölkerung. Und da nützt es leider auch nichts, dass wir ihn trotzdem so nennen.
Ja, Schmidt hat das immer ordentlich zu schaffen gemacht, und das hat er letzthin, Anlass war eben der Gipfel, mal wieder recht deutlich zum Ausdruck gebracht, nämlich, dass er im Grunde auch gar keine Lust mehr hätte, an so einem Gipfel mitzuwirken, weil diese Gipfel seinerzeit, als er sie noch erfunden hat, etwas ganz anderes waren: klein, übersichtlich, zielstrebig - eben ganz so wie Schmidt selbst. Man hört aber ja auch nicht auf ihn! Allen seinen Schriften, seinen Interviews, seinen Reden ist diese Botschaft eingeheimst. Dass keiner auf ihn hört. Im Grunde klingt es so, als ob eben alle anderen zu dämlich wären, aber dergleichen würde ein Helmut Schmidt dann auch wieder nicht denken oder jedenfalls für sich behalten oder zu behalten versuchen.
Nörgelnde Staatsleute
So ganz ungewöhnlich ist das ja nicht für „elder statesmen“, bei denen es inzwischen auch einen demographischen Überhang gibt. Man wagt nicht, es mal durchzurechnen, aber im Grunde läuft es wohl darauf hinaus, dass auch unter Politikern die Altenteiler schwer im Kommen sind. Sie schließen sich zusammen, auch Schmidt gehört so einem Verein alerter alternder Staatsmänner an (oder Staatsleute, wie man inzwischen wegen der Staatsfrauen sagt), schon bald werden wohl auch Bush und Blair dazustoßen - bei Putin kann man nicht so sicher sein, wer gehen muss, er oder die Verfassung. Doch das nur am Rande.
Die alten Staatsleute tun, was alte Leute auch sonst mitunter tun. Sie nörgeln an den jüngeren Leuten - hier: jüngeren Staatsleuten - herum und erklären der Welt, dass alles im Grunde ein Wort ist, das man nicht ausspricht. In Deutschland haben sie sich flächendeckend zu Konventen und Vereinen und wie auch immer genannten repräsentativen Krabbelgruppen zusammengerottet, erfinden neue Verfassungen, greifen mit Glück noch den einen oder anderen Posten ab und hämmern ihre Botschaft ins Wachsgemüt der Öffentlichkeit: dass all das heute schiefläuft, was bei ihnen früher auch schon schiefgelaufen ist - als sie's noch hätten ändern können.
Schmidt hat sein Image selbst gemacht
Und gerade gegen den Vorwurf, dass er bei dergleichen mitmacht, muss man Helmut Schmidt in Schutz nehmen! Er hat das nämlich schon immer getan, auch als es noch keineswegs in Mode war: nach seiner Zeit als Bundeskanzler (25 Jahre), erst recht vor seiner Zeit als Bundeskanzler (55 Jahre), aber auch, was ihn vollends einmalig macht, in seiner Zeit als Bundeskanzler für leider nur 7 Jahre (7 Jahre und 5 Monate). Ja, schon als Bundeskanzler war Helmut Schmidt nicht wirklich zufrieden mit seinesgleichen, insbesondere amerikanischen Präsidenten. Aber auch sonst.
Das lag übrigens daran, dass es ihm immer schon schwerfiel, sich durchzusetzen. Oder gar Entscheidungen zu treffen. Überhaupt war er von allen Kanzlern der entscheidungsschwächste - bei vollkommen entgegengesetztem Image. Doch das ist weniger wundersam, als es scheint. Schmidt hat sein Image selbst gemacht. Und dabei am kräftigsten herausgestellt, was ihm fehlt.
Die Gaben eines Staatsmanns
Na ja, ganz selbst vielleicht doch nicht. Eine Hamburger Wochenzeitung hat kräftig dabei mitgeholfen, in Sonderheit eine dort angestellte Gräfin namens Dönhoff. Ihr größter Coup: die Definition, was ein Staatsmann sei. Längst hat sie, dank hartnäckiger Wiederholung in der „Zeit“ (denn das war die geheimnisvolle Wochenzeitung, deren Herausgeber, man ahnt es bereits, kein anderer ist als? Helmut Schmidt!) sogar in die Zeitgeschichtsschreibung Eingang gefunden. Schmidt werden gern die „seltenen Gaben“ des Staatsmanns angerühmt: die Fähigkeit zu „theoretischer Analyse“ (gibt es auch praktische?), der „scharfe Blick für das Mögliche“ und „theoretische Überzeugungskraft“ (praktische wäre praktischer).
Diese Gaben des Staatsmanns hat nun messerscharf und immer wieder auch Helmut Schmidt - was insofern auch kein Wunder ist, weil es sich dabei ursprünglich um eine Selbstbeschreibung handelt. Die hatte der damalige Fraktionsvorsitzende sich 1966 zugeeignet: „rasches Erkennen der Lage und Beurteilung dessen, was aus ihr entstehen kann, Entschluss, dieser Lage oder ihrer Entwicklung abzuhelfen, und dann auch das Vermögen, diesen Entschluss durchzusetzen“. Damals, in der Originalfassung, waren das laut Schmidt, dem vormaligen Weltkriegsoffizier, allerdings noch Eigenschaften eines „Militärs“ gewesen.
Entscheidungsschwach und übervorsichtig
Zwar gibt Schmidt jetzt ein irgendwie erfreuliches und kurzweiliges Nachspiel im „Zeitmagazin“ als kettenrauchender Elböhi, doch die erfolgreiche Ausgestaltung des Staatsmannsideals nach dem Modell der eigenen, notorisch mit gewissen Unvollkommenheiten behafteten Charakteranalyse darf als sein Glanzstück gelten, ach was, als einsamer Höhepunkt persönlicher Imagebildung eines deutschen Politikers in der Nachkriegszeit. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Schmidt ein so entscheidungsschwacher und übervorsichtiger Kanzler war. Seine markigen Sprüche hatten schon immer den Zweck, das zu verbergen - womöglich hauptsächlich vor sich selbst.
Dadurch hat er aber allerhand Ungutes angerichtet, vor allem den doppeldeutigen, nomen est omen, Doppelbeschluss, der der Sowjetunion die Burgtore der deutschen Moral aufgesperrt hat. Es ist nicht unausdenkbar, sondern ausdenkbar, was aus der Wiedervereinigung geworden wäre, hätte Schmidt noch 1989 regiert: Nichts. Er hätte nämlich die Falschen übergeschickt um Erlaubnis gefragt. Dann hätte es keinen G-8-Gipfel in Heiligendamm gegeben. Und er wäre insoweit auch wieder nicht dabei gewesen.
Sophistische Sottisen über uns Helmut Schmidt.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 10.06.2007, 19:16 Uhr
Übervorsichtiger Zögerer Schmidt? Irrtum, Herr Zastrow!
Frank Langowski (KSK-Buddy)
- 10.06.2007, 19:32 Uhr
Zastrow
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 10.06.2007, 19:33 Uhr
Schade
Stefan Manth (manths)
- 10.06.2007, 19:47 Uhr
Helmut Schmidt
Helge Hußmann (hehu)
- 10.06.2007, 20:23 Uhr
Volker Zastrow Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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