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Heiner Geißler „Proteste können Merkel nützen“

06.06.2007 ·  Die Kritiker der Globalisierung haben prominente Unterstützung aus dem konservativen Lager bekommen: Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler trat der Organisation „Attac“ bei. In der F.A.Z. spricht er über Gewalt und Betonköpfe.

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Die Kritiker der Globalisierung haben prominente Unterstützung aus dem konservativen Lager bekommen: Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler trat der Organisation „Attac“ bei. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Gewalt und Betonköpfe.

Herr Geißler, freuen Sie sich, dass morgen der G-8-Gipfel beginnt?

Das ist ein Grund zur Sorge, denn die wichtigen Tagesordnungspunkte der Kanzlerin werden wohl nicht zu Beschlüssen für politisches Handeln führen.

Sie wollen Beschlüsse und fürchten also nicht, dass sich acht Staaten zur illegitimen Weltregierung aufschwingen?

Nein. Unser Wirtschaftssystem ist überholt, die Kapitalinteressen dominieren einseitig die Welt. Wenn man wie Ludwig Erhard geordneten Wettbewerb will, braucht man, solange es keine Weltregierung gibt, multilaterale Abkommen.

Sie sind kürzlich Attac beigetreten. Könnte das Netzwerk ohne G-8-Gipfel überhaupt auf seine Anliegen aufmerksam machen?

Mehr als hundert Organisationen von Greenpeace bis Pax Christi, vor allem aber auch Attac haben die G-8-Treffen gegenüber 1975 gewaltig verändert. Die reichen Länder wurden durch die Proteste sensibilisiert. Die Bundesregierung oder wenigstens die Kanzlerin hat erkannt, dass die friedlichen Demonstranten ihre Bundesgenossen sind.

Sie sind öffentlichkeitswirksam während einer Fernsehsendung Attac beigetreten. Warum demonstrieren Sie jetzt nicht vor dem Zaun von Heiligendamm?

Meine Unterstützung ist ideell. Ich will meine natürliche Autorität bewahren und keine Fernsehbilder produzieren, wo ich mich in einem Handgemenge mit Autonomen und Polizisten befinde.

Würde es denn dazu kommen müssen?

Als Bergsteiger bin ich zwar risikofreudig, aber das Risiko muss kalkulierbar bleiben. Auf einer Demonstration wäre ich abhängig von der Willkür anderer. Aus meinen Erfahrungen als CDU-Generalsekretär bei den Auseinandersetzungen um die Nachrüstung weiß ich, wie schnell eine Situation eskalieren kann.

Sie haben gesagt, wenn ein Polizist Sie anfasst, würden Sie zurückschlagen.

Gerade weil ich dies nicht will, demonstriere ich nicht in Rostock. Es ist dabei fast überflüssig zu betonen, dass es das Notwehrrecht gibt gegenüber jedem unrechtmäßigen Angriff.

Hat Attac sich von der Gewalt klar und schnell genug distanziert?

Attac hat sich immer zur Gewaltlosigkeit bekannt. Die Gewalt der Kriminellen, die aus der Anonymität heraus Backsteine werfen, kann nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle einer Gewalt ausgesetzt, die sich in einer Finanz- und Wirtschaftsstruktur manifestiert, die zum Beispiel Hedge-Fonds und Geierfonds ermöglicht mit riesigen Gewinnen auf Kosten verschuldeter afrikanischer Staaten.

Bei Attac machen auch linksextremistische Gruppen mit. Fühlen Sie sich in dieser Gesellschaft wohl?

Das ist keine Frage des Wohlfühlens. Ich kann ja nicht die ganze Organisation diskreditieren, weil möglicherweise ein paar ultralinke Trotzkisten da mitmachen. Die Ziele von Attac sind klar formuliert, und sie sind identisch mit denen der Bundeskanzlerin: der Globalisierung ein menschliches Gesicht zu geben. Im Einzelnen mag es Unterschiede geben, aber beiden geht es darum, dass wir in der Wirtschaft nicht über Leichen gehen.

Sie glauben nicht, dass Sie Ihrer Parteivorsitzenden, der gastgebenden Bundeskanzlerin, in den Rücken fallen?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Demonstrationen können der Kanzlerin nützen, auch wenn einige Betonköpfe dies nicht kapieren.

Das Gespräch führte Andreas Ross.

Quelle: F.A.Z.
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