13.06.2007 · Heiligendamm hat sich nach dem G-8-Gipfel wieder dem Alltag zugewandt - und hofft doch, dass etwas vom Glanz bleibt. Souvenirjäger kommen in dem Ort an der Ostsee momentan besonders auf ihre Kosten. Reportage von Frank Pergande.
Von Frank Pergrande, HeiligendammSeit Dienstag, 15 Uhr, ist das Kempinski in Heiligendamm, in der vergangenen Woche das Tagungshotel der G 8, wieder für jedermann geöffnet. Das Wetter war noch immer prächtig, wie zum Gipfel selbst, gerade so, als sollte noch etwas von dem Glanz der vergangenen Woche weiterstrahlen. Die ersten beiden Hotelgäste kamen zum leichten Erschrecken des Personals schon am Vormittag. Sie hatten das ganze Haus für sich und genossen eine besondere Betreuung. Fürs Wochenende sind schon alle 225 Zimmer vergeben. Im Juli oder August dürfte es nicht anders sein.
Das Hotel wird in diesem Sommer doppelt so gut ausgebucht sein wie im vergangenen Jahr. Die Telefone an der Rezeption stehen nicht mehr still. Firmen rufen an und wollen ihre Tagungen dort abhalten, wo eben noch George W. Bush und Wladimir Putin konferierten. Sogar aus Brasilien kamen Anfragen. Im nächsten Jahr soll es möglicherweise weitere politische Treffen in Heiligendamm geben. Das Hotel, das in der Vergangenheit immer wieder mit der Auslastung unzufrieden war, hat möglicherweise den Durchbruch geschafft. Davon will man bei Kempinski aber noch nicht reden. "Es waren perfekte Bilder von unserem Haus", sagt Frauke Müller, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit. Niemand habe bisher allerdings gefragt, ob er die Suite von Bush oder Merkel buchen könne.
Es kehrt wieder Ruhe ein
Alle wollen nur in den feinen weißen Häusern wohnen, die sie im Fernsehen gesehen haben. Das Haus hat deshalb vor, beim Personal aufzustocken, bei den festen Stellen von 250 auf 300, bei den Auszubildenden von gegenwärtig 41 auf 60. Am vergangenen Freitag war das Hotel zum ersten Mal an den Rand seiner Kapazitäten gestoßen, als neben der G 8 auch noch Staatslenker aus anderen Ländern und der UN-Generalsekretär in Heiligendamm weilten. Um 22 Uhr, nachdem der letzte Gipfelgast, der kanadische Premierminister Stephen Harper, abgeflogen war, kehrte langsam wieder Ruhe ein. Harper hatte das Glück, dass das gesamte Personal des Kempinskis in der Abenddämmerung seinem Hubschrauber nachwinkte - fast ein bisschen wehmütig. Dann drehte man sich um und begann mit dem Reinemachen.
Am Samstagvormittag wurden Neugierige durch das Haus geführt, darunter viele Polizisten, die bis dahin das Hotel immer nur von außen hatten bewachen dürfen. Am Samstagabend feierte die Hotelbelegschaft den auch für sie erfolgreichen Gipfel. Am Sonntag wurde weiter aufgeräumt. Von den zusätzlichen Bauten, die für das Gipfeltreffen rund um das Hotel entstanden waren, bleibt vorerst nur ein Pavillon, den das Kempinski als Café und Restaurant nutzen will - als Angebot für die Gäste, die auf der Strandpromenade spazieren. Das sind gegenwärtig Hunderte. Alle wollen sie ein Foto machen von dem Ort, den sie tagelang im Fernsehen gesehen hatten, als er vollkommen abgeriegelt war.
Das Großreinemachen hat begonnen
Wer am Dienstag kam, war allerdings schon zu spät. Der Riesenstrandkorb, in dem sich die acht Staatsführer und der Kommissionspräsident für ein Foto niedergelassen hatten, war schon am Montag abgebaut worden. Die Flaggen, die am Dach angezeigt hatten, wo wer zu sitzen hat, sind offenbar Souvenirjägern in die Hände gefallen. Das "Grand Hotel" überlegte einen Augenblick lang, ob es den Korb übernehmen sollte, entschied sich aber dagegen. An den Strand passt er schließlich nicht. Am 23. Juni wird der Strandkorb noch einmal in Berlin zu sehen sein, zum Tag der offenen Tür im Bundesrat, dessen Vorsitzender derzeit der Schweriner Ministerpräsident Harald Ringstorff ist.
Der Strandkorb gehört der Marketinggesellschaft des Landes. Vielleicht wird er für andere Zwecke noch gebraucht, vielleicht auch versteigert. Auch ohne Strandkorb stehen die Leute derzeit in Heiligendamm in großen Gruppen auf Strandpromenade und Seebrücke, um sich den Ort des G-8-Treffens in Ruhe anzusehen. Sie erzählen sich davon, wann sie schon einmal hier waren und wie es damals im ältesten Seebad Deutschlands ausgesehen hat, nachdem es zu Zeiten der DDR eine Kurklinik gewesen war. Über die G 8 redet niemand. Zu herrlich ist das Wetter, zu blau das Meer, zu weiß das Kurhaus. Im Ort selbst wird überall gehämmert und geschraubt. Die vielen zusätzlichen Zelte werden abgebaut, die Fernsehtribüne, das Pressezentrum. Die Median-Klinik gleich neben dem Hotel hat seit Montag schon wieder Patienten.
Zu herrlich das Wetter, zu blau das Meer
An den Zufahrten zu Heiligendamm sind von den Belagerern der vergangenen Woche nur noch ein paar Reste von Kreidebotschaften auf den Straßen übriggeblieben, hier und da etwas Müll und ein paar Trampelpfade durch die Felder ringsum. Auch der 12,5 Kilometer lange Zaun um das Seebad wird schon abgebaut. Noch in der Nacht zum Samstag war er wieder geöffnet worden. Den Abbau erledigt die Firma, die ihn auch errichtet hat: Metall-Zaun-Stahlbau (MZS) aus Bargeshagen im Landkreis Bad Doberan. Die Videokameras und Bewegungsmelder hat die Polizei schon abmontiert. MZS hat sich bei Leiharbeitsfirmen Arbeiter geborgt, um wie geplant den Zaun bis zum 30. August verschwinden zu lassen.
Am Dienstag waren die Arbeiter damit beschäftigt, den Stacheldraht abzunehmen und zu verschrotten. Später werden die Zaunelemente getrennt und herausgenommen, am Schluss die Betonblöcke, die das alles gehalten haben. MZS ist laut Vertrag jetzt Eigentümer des Zauns und verkauft ihn. Interessenten gebe es genug, heißt es in Bargeshagen. Wer das sei, will man nicht sagen: "Über unsere Kunden geben wir nichts preis." Zwei Flugplätze sollen Interesse bekundet haben, auch der Rostocker Zoo. 12,5 Millionen Euro hat das Land für die "technische Sperre", wie der Zaun offiziell hieß, bereitgestellt.
Zaunstücke werden versteigert
Just an dem Tag vor zwei Wochen, als der Zaun für eineinhalb Gipfelwochen geschlossen worden war, erwähnte Ringstorff in Schwerin beinahe beiläufig, dass der Zaun sogar weniger kosten wird. Allerdings könnte es sein, dass das Geld noch gebraucht wird: als Ausgleich für eventuelle Schadensersatzansprüche. Schon wird im Internet ein erstes Zaunstück zur Versteigerung angeboten. Dabei geht es aber offenbar um eines, das für den richtigen Zaun gar nicht verwendet worden war. Auch im Kempinski fragen die Gäste, wie man wohl ein Zaunstück erwerben könne.
Und wie sieht es eine knappe Woche nach dem Gipfel in den Orten ringsum aus? In Bad Doberan erinnern nur noch ein paar Graffiti "No G 8" auf Verkehrsschildern und ein paar Plakate der Linkspartei an den Gipfel. In Kühlungsborn wird das Pressezentrum demontiert, während am Strand das Badeleben pulsiert wie eh und je.