06.06.2007 · Die Abwehr „autonomer“ Gewalttäter beim G-8-Gipfel in Heiligendamm erfordert einen enormen logistischen Aufwand der Polizei zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Peter Carstens berichtet aus der Kommandozentrale der „Kavala“.
Von Peter Carstens, Rostock„2500 Demonstranten, 500 Rot“, meldet die Hundertschaft per Funk aus der Rostocker Innenstadt. Der leitende Polizeidirektor in der Einsatzzentrale lässt Verstärkung in die Hafengegend dirigieren. Bei ihm und seinem Stab laufen viele Fäden zusammen, er dirigiert das scheinbare Chaos.
Ein Dutzend Beamte sitzen um ihn herum an Computerarbeitsplätzen, ununterbrochen kommen und gehen Uniformierte, manche tragen schwere Schutzkleidungen, andere sind mit Aktenkoffern und goldenen Schulterabzeichen ausgestattet. Telefone summen, auf den Bildschirmen leuchten im Sekundentakt neue fünfzeilige Lagemeldungen aus dem Einsatzgebiet zwischen Kühlungsborn und Hoher Düne auf.
Föderale Zuständigkeiten
Den Einsatz im Abschnitt Rostock koordiniert Manfred Lohrbach, der mit seinem Stab in einem der VIP-Räume in den Oberrängen des Hansa-Stadions Quartier bezogen hat. Die Wände sind übersät von amtlichen Mitteilungen und Karten der Einsatzgebiete rund um den G-8-Gipfelort Heiligendamm, mit Telefonverzeichnissen, Verkehrsmeldungen, Diagrammen.
Die Organisationslisten zu durchblicken, ist nicht ganz einfach, denn es gilt in diesen Tagen, Polizeihundertschaften, Wasserwerferverbände, Stäbe, Hubschraubergeschwader und Schiffe der Bundespolizei aus einem Dutzend Bundesländer zu koordinieren und vor allem zu einem undurchdringlichen Netz rund um den Treffpunkt der Staats- und Regierungschefs der G8-Industriestaaten zu verknüpfen. Hinzu kommen Hunderte Soldaten des Heeres und der Marine sowie Techniker, die mit Antennen, Stromgeneratoren und Wasserpumpen den Betrieb garantieren.
Im heiligen Föderalismus deutscher Nation gilt bei Polizeieinsätzen allerdings das Gesetz der Länderzuständigkeit. Deshalb ist der oberste Befehlshaber der etwa sechzehntausend G8-Polizisten, Knut Abramowski, der Polizeipräsident der ziemlich kleinen Großstadt Rostock. Dessen politischer Vorgesetzter ist Landesinnenminister Caffier, ein gelernter Diplomingenieur für Landtechnik mit Organisationserfahrung als CDU-Generalsekretär in Mecklenburg-Vorpommern. Ihnen helfen erfahrene Einsatzleiter aus den Ländern und aus dem Innenministerium. Bisher wurde die Kooperation zumindest offiziell hochgelobt.
Schwere Gerätschaften zu Wasser, zu Lande und in der Luft
Die Kommandozentrale von Mecklenburg-Vorpommern heißt „Kavala“, so genannt nach einer griechischen Stadt mit ähnlich weißen Häusern wie denen in Heiligendamm. „Kavala“ klingt auch ein wenig nach Kavallerie. Allerdings hat die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Sinne zwar alle Zügel in der Hand, allerdings kaum eigene Pferde und Reiter.
Das allermeiste für den großen Polizeieinsatz kommt aus anderen Bundesländern, vieles von der Bundespolizei, die über alle schweren Gerätschaften zu Wasser, zu Lande und in der Luft verfügt, die man dieser Tage für notwendig hält. Auf Wunsch werden die Einheiten aus Bayern, Baden-Württemberg oder Berlin dann jeweils der „Kavala“ unterstellt.
Live-Bilder aus dem Beobachtungshubschrauber
Etwa der grüne Konvoi, den man seit einigen Minuten auf einer Leinwand am Ende der Einsatzzentrale über die Lübecker Straße rollen sieht. Es sind drei Wasserwerfer und eine Reihe von Begleitfahrzeugen, die eben vom „EA Rostock“ in Marsch gesetzt wurden. Die Live-Bilder in der Einsatzzentrale kommen von einem Beobachtungshubschrauber, der über der Innenstadt schwebt. Er sendet Aufnahmen aus einer hochauflösenden Kamera.
Für die Datenübertragung wurde in und um Heiligendamm eigens ein digitales Funknetz eingerichtet. Technische Einheiten sichern mit Antennenmasten die Übertragung in die verschiedenen Einsatzzentralen der Bundespolizei, die mit mehr als zweitausend Beamten beim G8-Gipfel eingesetzt ist. Neben dem Leitstand im Hansa-Stadion befinden sich weitere Stäbe am Flughafen Rostock-Lage, bei Warnemünde für den Küstenschutz und - als organisatorisches Dach - in Bad Bramstedt bei Hamburg.
Pflastersteine aus dem Baumarkt
Dort, im Polizeipräsidium Nord, hat schon seit Jahren und bei vielen Castor-Transporten Hans-Georg Lison das letzte Wort über die Einsatzkräfte der Bundespolizei. Vizepräsident Lison verkörpert im Einsatzgetriebe Ruhe und väterliche Sorge. Wenn, wie an diesem Morgen, ein Beobachtungshubschrauber mit der Einsatzleitung an die Brennpunkte des Geschehens fliegt, ist er der Erste, der sagt, „Nun ist's genug, wir wollen niemanden provozieren“.
Lison kümmert sich um seine Leute, aber er respektiert auch den Einfallsreichtum der anderen Seite, manchmal bewundert er ihn sogar. Jedenfalls solange es nicht ums Steinewerfen geht. An diesem Morgen fliegt er gemeinsam mit dem Abteilungsleiter Bundespolizei aus dem Innenministerium alle Einsatzorte, kritischen Punkte und Stabquartiere für den G8-Einsatz ab, eine Art letzter Inspektion vor dem Großereignis.
Dass Feuerwehrautos angegriffen werden, habe es früher nicht gegeben, sagt Lison und berichtet kopfschüttelnd, dass militante Gewalttäter sich in Rostocker Baumärkten die Pflastersteine gekauft hätten, mit denen sie später Polizisten bewarfen. Mehr als vierhundert Polizisten wurden vergangenen Samstag verletzt.
Neunzig Prozent sind „Grün“
Das soll sich an diesem Nachmittag kurz vor dem Eintreffen der Staats- und Regierungschefs an der Ostsee nicht wiederholen. Deshalb werden beim ersten Anzeichen von Gewaltbereitschaft Hundertschaften alarmiert und Wasserwerfer in Marsch gesetzt. Die Demonstration für Einwanderung bleibt vorerst an ihrem Ausgangsort in der Parkstraße stecken, wegen der Fünfhundert die als „Rot“ eingestuft werden. „Rot“ ist die Polizei-Bezeichung für Gewaltbereite. Es gibt dann noch „Gelb“ für Mitläufer und Gelegenheitsmitmacher und „Grün“ für friedliche Demonstranten. Die machen in und um Heiligendamm mehr als neunzig Prozent der Protestierer aus.
Die militanten Gipfelgegner werten die Polizeimaßnahmen als Versuch der Eskalation. Aus Sicht der „Kavala“ und der Bundespolizei handelt es sich um eine Konsequenz aus den Samstags-Krawallen. Schon am Morgen hatten Radikale versucht, ein Bürogebäude der Rostocker Ausländerbehörde zu stürmen. Mehr als 350 anreisende Gewalttäter wurden bereits an den deutschen Grenzen aufgehalten.
Gasmasken und Sturmhauben
Unter den festgenommenen Randalierern vom Wochenende befanden sich gleichwohl Belgier, Niederländer, aber auch Ukrainer, Russen, sogar ein japanischer Staatsbürger und ein Australier. Eben wird am deutsch-polnischen Übergang Pomellen ein polnischer Bus durchsucht. Die Grenzschützer melden der Zentrale: Gasmasken und Sturmhauben gefunden. Achtzehn Businsassen wird die Einreise verweigert.
Doch das alles sind mehr Vorgeplänkel. Seit Dienstagabend wenden sich die Blicke auf den eigentlichen Tagungsort Heiligendamm, den ihn umgebenden Stahlzaun und auf den Flughafen Rostock Laage. Dort treffen nun ausländische Regierungsflugzeuge ein, als eine der ersten die „Air Force One“ des amerikanischen Präsidenten. Mit ihr kommen noch ganz andere Bedrohungen als die G8-Demonstranten.
Wenigstens ein amerikanisches Kriegsschiff liegt deshalb in deutschen Gewässern, Black Hawk-Hubschrauber aus amerikanischen Garnisonen in Deutschland stehen für den Schutz des Präsidenten bereit. Aber was wird ein amerikanischer Zerstörer wohl tun, falls ein Anti-Globalisierungsschlauchboot sich ihm ungebührlich aber schnell nähert? Soweit soll es lieber gar nicht erst kommen, wenn es nach Polizeidirektor Goerke geht, der die Küstenwache des Bundes koordiniert mit den Bemühungen von Mecklenburg-Vorpommern und der Deutschen Marine, die immerhin mit einer eigenen Fregatte, der „Hessen“, vor Heiligendamm wacht.
„Vollkommen ruhig“
Auch alle anderen Eventualitäten hat man an der Hohen Düne bei Warnemünde durchdacht, wo die Küstenwache gemeinsam mit den Wasserschutzpolizisten der „Kavala“ die Sicherung des Gipfels von See her gewährleisten soll. Gegen die allermeisten Bedrohungen oder Störungen fühlt man sich dort gewappnet, aber eine gewisse Ungewissheit bleibt und bietet Anlass, alle Vorbereitungen immer wieder zu überdenken und zu überprüfen.
Das gilt auch für die Bundespolizisten, die um den Flughafen Laage einen „Raumschutzgürtel“ gelegt haben und die Bewegungsfreiheit der Gipfelteilnehmer gegen Blockierer verteidigen sollen. Auf dem Flughafengelände sind zwei Dutzend grüne und blaue Hubschrauber zwischen ehemaligen Bunkern der russischen Luftwaffe stationiert.
Die Piloten transportieren in den nächsten Tagen rund um die Uhr Staatsgäste ebenso wie schwer bewaffnete Festnahmetrupps und notfalls auch die GSG 9 der Bundespolizei. Der Chef der Flieger ist Polizeidirektor Gunter Carloff, der im Rotorendonner Ruhe bewahren muss.
Gegenkomik von „Kommunikationsmanagern“
Für eine gewisse Unruhe in den Einsatzstäben sorgt etwa die „Clowns Army“, eine karnevalistisch verkleidete Gruppierung, die in letzter Zeit bei Demonstrationen aufgetaucht und durch Nachahmung, Mützenklau oder andere Späße die Polizisten lächerlich macht, gerne auch vor laufenden Kameras. Dagegen hilft hauptsächlich Gegenkomik, womit sich am liebsten Polizeihundertschaften aus Köln oder Mainz befassen sollen.
Genau genommen, so sagt ein Polizeiführer mit nachdenklicher Miene beim Betrachten eines kleinen Nadel-Fähnchens mit der Aufschrift „Clowns“, das in seiner Lagekarte piekt, verstoßen die „Clowns“ gegen das Vermummungsverbot. Doch das durchzusetzen, ist schwierig, da werden lieber doch ein paar „Kommunikationsmanager“ geschickt, mit denen die Bundespolizei schon erfolgreich die Attac-Sonderzüge begleitet hat.
„Andere Marmelade und mehr Salat“
Auf den Fahrten von Basel oder anderswo nach Rostock war alles so friedlich und wohlgefällig, dass mitreisende Fernsehteams wieder ausgestiegen waren: Zu wenig los. Auch an anderen scheinbaren Brandherden der letzten Tage ist weniger passiert, als die Fernsehbilder suggerierten. So wurde etwa am Samstag auf allen Kanälen ein brennendes Auto gezeigt und so der Eindruck erweckt, überall in Rostock stünden Fahrzeuge in Flammen, wenn nicht die halbe Stadt. Dem war nicht so, und deshalb setzen die Einsatzführer der Hundertschaften vor allem auf eigene Erkenntnisse beziehungsweise „Aufklärung“, wie sie es in ihrer ansonsten recht unmilitärischen Fachsprache nennen.
Wenn die Männer und Frauen nach zehn, zwölf, vierzehn Stunden Dienst mit Aufklärung, Demobegleitung und gelegentlichen Handgemengen in ihre Unterkünfte zurückkehren, schlägt die Stunde der Einsatzversorger und der Nörgler. Auch das müssen sich Abteilungsleiter und Bundespolizeivizepräsident mitten im Einsatzgeschehen noch anhören: Dem einen schmeckt die Marmelade nicht, andere wollen mehr Salat.
Wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag
Im Quartier der Einsatzreserve - mehr als eintausend Beamte - in einem ehemaligen Pionierlager an der Ostsee waren die Matratzen anfangs regenfeucht und die Jugendbetten eher ungeeignet für die meist recht stattlichen Bundespolizisten. Sogar ein Vertreter des Hauptpersonalrates kam angereist, um die Lage zu begutachten.
Der Mann aus Berlin lächelt über manche Beschwerde hinweg, erläutert Notwendigkeiten und schafft Abhilfe dort, wo Klagen begründet erscheinen. 16.000 Beamte aus Bund und Ländern zwei Wochen lang in ehemaligen Kasernen, Turnhallen, Pensionen oder Pionierlagern unterzubringen, das ist keine Kleinigkeit. Außerdem sollen alle wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekommen und die Wäsche wechseln. Sonst leidet erst die Stimmung und dann die Deskalationsstrategie und schließlich der Erfolg des G8-Gipfels. So hängt am Marmeladentöpfchen in Markgrafenheide irgendwie das Glück der ganzen Welt.
Das Hauptaugenmerk aller gilt natürlich Demonstranten der Kategorie „Rot“ oder Terroristen. Doch wird auch allerlei gegen kleine Misshelligkeiten unternommen. Spätabends, als der Hubschrauber des Abteilungsleiters mit 260 km/h Fluggeschwindigkeit über mecklenburgische Felder, die Müritz und Kiefernwälder zurück in die Hauptstadt eilt zum Bericht bei Staatsekretär und Minister, weiß man auch: Es wird zum Erfolg auch Glück gebraucht.