19.10.2009 · Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist zum neuen Aufsichtsratschef beim Autozulieferer Continental gewählt worden. Er soll den Konzern nach dem dramatischen Machtkampf mit dem Großaktionär Schaeffler in ruhigeres Fahrwasser führen. Dafür könnte es kaum einen Besseren geben. Ein Porträt.
Von Henning PeitsmeierWolfgang Reitzle hat mal einen Fehler gemacht. Der begnadete Autoingenieur wagte sich auf fremdes Terrain und ließ ein Buch schreiben mit dem provokanten Titel „Luxus schafft Wohlstand“. Das ist, zugegeben, schon lange her. Aber der stets sehr gepflegte und auffallend gut gekleidete Manager verkörpert mit so mancher Äußerlichkeit den Buchtitel derart perfekt, dass ihm noch immer das Etikett des Jetsets anhaftet.
Reitzle wird sie nicht los, all diese Klischees, zu lange hat er sie auch bedient: Weil der ehemalige BMW- und Ford-Manager ein Menjou-Bärtchen trägt, verpassten sie ihm in der Autoindustrie den Spitznamen Errol Flynn. Weil er in zweiter Ehe mit der Lifestyle-Moderatorin Nina Ruge verheiratet ist, verbindet man ihn mit den Laufstegen der Pariser Modewelt; und weil er in München im vornehmen Villen-Viertel Bogenhausen wohnt, gilt er vielen als Mitglied der Münchner Schickeria.
Der wohl anspruchsvollste Aufseherposten in Deutschland
Folgt man den Klischees, dann gibt es für einen wie Reitzle passendere Jobs als den Aufsichtsratsvorsitz bei der chronisch klammen Continental AG. Der Autozulieferer war schon in den guten Jahren mit der Sparsamkeit des damaligen Vorstandschefs Manfred Wennemer so ziemlich das genaue Gegenteil von großzügiger Lebensweise. Lässt man all die Klischees außer Acht, könnte es kaum einen Besseren für den wohl anspruchsvollsten Aufseherposten in Deutschland geben.
In Hannover ist Reitzle am Montag zum neuen Aufsichtsratschef beim Autozulieferer Continental gewählt worden. Der 60 Jahre alte frühere Auto-Manager soll den Konzern nach dem dramatischen Machtkampf mit dem Großaktionär Schaeffler nun in ruhigeres Fahrwasser führen: Conti drohte lange aufgerieben zu werden in dem Machtkampf mit dem Angreifer aus Herzogenaurach. Noch immer herrscht Misstrauen unter den Kontrolleuren. 3,5 Milliarden Euro muss Conti im kommenden Jahr seinen Kreditgebern zurückzahlen, und einen Teil davon könnte eine Kapitalerhöhung einspielen. Doch eine solche lehnt Großaktionär Schaeffler ab, weil sie seinen Anteil verwässern würde.
Machtkampf im Aufsichtsrat
Als Chefaufseher muss Reitzle die Interessen von Conti wahren - und stellt sich damit womöglich gleich gegen fünf von zehn Kapitalvertretern, die Schaeffler im Aufsichtsrat stellt. Reitzles erste Aufsichtsratssitzung kann gleich zur Bewährungsprobe werden.
Da trifft es sich gut, dass Reitzle in der Autowelt groß geworden ist. Der 60-Jährige kennt sie alle seit seiner Zeit bei BMW, auch die Familie Schaeffler. Beim Münchner Autokonzern erklomm Reitzle rasch die Karriereleiter, schaffte es bis zum Entwicklungsvorstand und scheiterte doch mit dem Versuch, BMW-Chef zu werden. Nach dem Rover-Debakel verließ er 1999 BMW und verwaltete unter dem vermeintlichen Luxus-Label „Premier Automotive Group“ die angestaubten Edelmarken des Ford-Konzerns. Damit bediente er wenigstens wieder ein Klischee. Weil er aber aus all den Volvos, Aston Martins, Land Rovers und Jaguars doch keine Gewinnbringer machte, kam er auch bei Ford nicht voran.
Geblieben ist aus jenen, für ihn bleiernen Tagen nur ein hartes Urteil von Ferdinand Piëch: „Reitzle ist genial, aber nicht zäh genug.“ Ein Satz mit der Wucht eines Fallbeils, ausgesprochen vom mächtigsten Mann in der Autoindustrie. Eigentlich wollte Piëch nur begründen, warum er nicht Reitzle, sondern dessen Erzrivalen Bernd Pischetsrieder zu seinem Nachfolger an der Vorstandsspitze von Volkswagen machte. Womöglich dämmerte es dem gebürtigen Neu-Ulmer da, dass er es in der PS-Branche fortan schwer haben würde.
Vom Automanager zum Großverdiener im Dax
Im Mai 2002 verließ Reitzle die schillernde Autoindustrie, um endlich uneingeschränkt die Nummer eins in einem Konzern zu werden. Reitzle ging nach Wiesbaden zu dem biederen Industriegase- und Gabelstaplerkonzern Linde. Vom Ehrgeiz gepackt, baute er den Konzern um, kaufte für 15 Milliarden Euro den britischen BOC-Konzern und machte Linde damit zum größten Gase-Hersteller der Welt. Längst steht Reitzle in der ersten Riege der europäischen Manager-Elite, zu den bestverdienenden Vorständen im Dax gehört er mit seinem Jahreseinkommen von zuletzt 8 Millionen Euro sowieso.
Seit geraumer Zeit wird sein Name immer wieder mit Spitzenposten in Verbindung gebracht: Vor zwei Jahren war er als Vorstandschef bei dem vom Korruptionsskandal erschütterten Siemens-Konzern im Gespräch. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann persönlich wollte ihn überreden. Reitzle blieb, sein Job bei Linde war noch nicht getan. Heute liegen die Dinge anders: Linde läuft, und für den Aufsichtsratsposten bei Conti bringt Reitzle das nötige Wissen mit, um die Herausforderungen eines Autozulieferers im Zeitalter der Hybridisierung klar zu erkennen. Und zäh genug dürfte er inzwischen auch sein. Über die Klischees von früher kann Reitzle müde lächeln.