09.08.2009 · In Deutschlands Industrie wird es wieder spannend. Am kommenden Mittwoch will Schaeffler den Conti-Chef feuern. Beim letzten Mal ist das schiefgegangen. Dieses Mal ist man besser präpariert.
Von Christian SiedenbiedelIn Deutschlands Industrie wird es wieder spannend. Nachdem der Machtkampf um Porsche und VW entschieden ist, bringen jetzt im zweiten großen Übernahme-Duell die Protagonisten ihre Truppen in Stellung: Conti gegen Schaeffler.
Die Schlachtordnung ist gewählt. In beiden Unternehmen ist vom „Showdown“ am kommenden Mittwoch die Rede. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Macht in einem börsennotierten Konzern mit 130 000 Mitarbeitern in 36 Ländern - dem traditionsreichen Reifenhersteller Continental AG.
Es geht ums Ganze
Es stehen sich gegenüber: Maria-Elisabeth Schaeffler, die in Bedrängnis geratene Milliardärin aus Herzogenaurach, mit ihren Mannen. Sie wollen bei Conti ihre Eigentümeransprüche durchsetzen. Und Karl-Theodor Neumann, (noch) Chef der Conti, mit seinem Management. Sie kämpfen um einen Rest an Eigenständigkeit.
Vordergründig soll am Mittwoch nur eine Personalentscheidung getroffen werden. Tatsächlich aber geht es ums Ganze. Schon vor gut einer Woche hatten Schaeffler-Vertreter im Conti-Aufsichtsrat versucht, Neumann als Vorstandschef der Conti abzusetzen. Vergeblich: Die notwendige Zweidrittelmehrheit wurde verfehlt; alle Arbeitnehmervertreter stimmten dagegen.
Im zweiten Versuch am Mittwoch reicht allerdings eine einfache Mehrheit. Die Chancen stehen also gut für die Schaeffler-Seite. Sie will den Conti-Chef durch einen eigenen Mann ersetzen und so die Opposition im Keim ersticken.
Flop statt listiger Plan
Schließlich gibt es in dem Übernahmeversuch einen Dauer-Machtkampf. Los ging alles mit dem „Anschleichen“ vor gut einem Jahr. Schaeffler wollte Conti schlucken.
Um den Eindruck einer feindlichen Übernahme zu vermeiden, unterzeichneten Schaefflers eine sogenannte Investorenvereinbarung. Das Gesetz zwang sie zwar, allen Aktionären ein Übernahmeangebot zu machen. Aber sie sagten zu, bis 2012 bei Conti unterhalb der Mehrheitsgrenze zu bleiben. Das listig ersonnene Vorhaben erwies sich als Flop: Als der Automarkt einbrach, verloren die Conti-Aktien dramatisch an Wert. Viele Aktionäre verkauften an Schaeffler. Zugleich verschlechterte sich auch für Schaeffler das Geschäft. Die Schulden aus der Übernahme drohten das Unternehmen zu ersticken.
Nun hält Schaeffler 49,9 Prozent der Conti-Aktien. Weitere Aktienpakete von je knapp 20 Prozent sind bei den Banken Metzler und Sal. Oppenheim „geparkt“. Sie gehören den Banken, aber Schaeffler hat sich Einfluss darauf gesichert.
Drei Möglichkeiten denkbar
Zwar haben Conti und Schaeffler bereits gewisse gemeinsame Projekte vereinbart, etwa eine Kooperation im Einkauf. Die entscheidende Frage aber ist ungeklärt: Wer führt die Regie in diesem Gebilde aus Familienunternehmen und börsennotiertem Konzern?
Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten: Entweder übernimmt Schaeffler Conti ganz. Dagegen spricht die Investorenvereinbarung, vor allem aber die wirtschaftliche Situation von Schaeffler.
Oder, was zwischenzeitlich im Gespräch war, Conti übernimmt Schaeffler. „Reverse takeover“ nennen das die Übernahmeexperten, „umgekehrte Übernahme“. Auch das ist vom Tisch - Conti wäre selbst an seine Grenzen gestoßen.
Damit bleibt nur ein Kompromiss: Beide Seiten behalten zunächst eine gewisse Eigenständigkeit, arbeiten zusammen und bilden vielleicht eine gemeinsame Holding.
Die Kontrahenten suchen Verbündete
Genau das aber macht die Sache schwierig. Beide Seiten wollen nun die unklaren Machtverhältnisse zu ihren Gunsten entscheiden. Sie lassen der „Bild“-Zeitung Briefe zukommen und suchen Verbündete.
„Herr Neumann reist durch das Land, bedrängt Aufsichtsräte, krallt sich an Politiker und macht der Arbeitnehmerseite Versprechungen“, klagt eine „Initiative Conti“, offenkundig Teil des Schaeffler-Lagers, in einem offenen Brief. Umgekehrt hat die Conti-Seite die leitenden Angestellten mobilisiert, die Betriebsräte und sogar den früheren Vorstandschef Manfred Wennemer. Sie fordern in öffentlichen Briefen und Artikeln: „Neumann muss bleiben!“
Große Hoffnungen setzt die Conti-Seite in Gerhard Schröder, Bundeskanzler a. D. Der war seinerzeit als „Garantor“ für die Conti-Interessen bestellt worden. Jetzt lässt er juristisch prüfen, ob Schaeffler den Conti-Chef überhaupt absetzen darf. Und droht, mit einstweiligen Verfügungen die Sitzung am Mittwoch zu verhindern.
Für die Interessen Contis ist außerdem Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff unterwegs. Er hatte Schaeffler zunächst als Investor begrüßt, geriert sich jetzt aber als Wahrer der Arbeitsplätze und Standorte: Der Landesvater, ist Conti überzeugt, werde sich nicht nur für die Arbeitsplätze in Hannover einsetzen. Sondern auch Interesse daran haben, dass die künftige Firma Conti-Schaeffler ihren Sitz an der Leine hat.
Auch Banken und Gewerkschaften sind gespalten
Wulffs Macht ist allerdings begrenzt. Unmittelbar ist das Land, anders als bei VW, nicht an Conti beteiligt. Und es gibt auch kein Pendant zum legendären VW-Gesetz. Doch könnte Wulff zwei Fahrensmänner einspannen: Michael Frenzel, Chef des Touristik-Konzerns Tui, und Gunter Dunkel, Chef der Nord LB, sitzen im Aufsichtsrat der Conti - und gelten als Hannoveraner Lager. Allerdings ist das eine unsichere Bank. Frenzel und Dunkel haben im ersten Durchgang gegen Neumann gestimmt. Sie waren den Streit zwischen Vorstand und Großaktionär leid.
Bei den Banken und den Gewerkschaftern gibt es jeweils eine Conti- und eine Schaeffler-Seite. Besonders einflussreich sind dabei die Banken, die bei beiden Unternehmen engagiert sind - allen voran die Commerzbank. Das Kalkül von deren Vorstandschef Martin Blessing: Vor allem das Hickhack beenden. Und möglichst wenig Geld verlieren.
Hinter dem Personalzank steht noch ein anderer Streit: Es geht um eine Kapitalerhöhung für Conti. Conti-Chef Neumann wollte sie zügig durchsetzen. Die Schaeffler-Vertreter wollen lieber etwas warten. Schließlich hätte eine Kapitalerhöhung zwei Folgen: Conti wird unabhängiger, weil das Unternehmen mehr Aktionäre bekommt. Zugleich wird Schaeffler schwächer, weil sein Anteil an Conti „verwässert“ wird, wie die Börsianer sagen.
Beide Seiten kämpfen erbittert. Das Conti-Lager meint: Das Unternehmen braucht das Kapital zum Überleben. Die Schaeffler-Leute argumentieren: Es ist besser, wenn Conti zunächst mit seinen Banken über Zugeständnisse bei den Schulden verhandelt. Wer sich durchsetzt, weiß man am Mittwoch. Zwar gibt es bereits einen Grundsatzbeschluss, eine Kapitalerhöhung vorzubereiten. Das Wie und Wann aber ist so offen wie die Machtfrage.
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Andre Klein (AndreK)
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Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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