19.10.2009 · Der Aufsichtsrat von Continental wählt heute Linde-Chef Wolfgang Reitzle zu seinem neuen Vorsitzenden. Die lange geplante Kapitalerhöhung des Autozulieferers wird allerdings noch etwas länger auf sich warten lassen. Großaktionär Schaeffler will nur allzu gern verhindern, dass sein Kapitalanteil bei Conti sinkt.
Von Johannes Ritter, Timo Kotowski und Hanno MußlerAn diesem Montag tagt der Aufsichtsrat der Continental AG. Die Kontrolleure werden zunächst Linde-Chef Wolfgang Reitzle zu ihrem neuen Vorsitzenden wählen. Anschließend sollen sie Wolfgang Schäfer zum Finanzvorstand und Jose Avila zum Chef der verlustreichen Getriebesparte Powertrain berufen. Schäfer ist derzeit noch Finanzchef des Stuttgarter Autozulieferers Behr; Avila kommt vom amerikanischen Konkurrenten Delphi, wo er das Geschäft mit Dieselsystemen leitet.
Eigentlich war geplant, dass die Kontrolleure in dieser Sitzung auch die schon im Sommer avisierte Kapitalerhöhung beschließen. Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Dies liegt zum einen an der Zurückhaltung des Großaktionärs Schaeffler, der nur allzu gern verhindern würde, dass sein Kapitalanteil bei Conti sinkt. Mangels Masse kann die fränkische Unternehmensgruppe, die selbst hoch verschuldet ist, nicht bei einer Kapitalerhöhung mitziehen. Schaeffler kontrolliert direkt und indirekt 90 Prozent des Conti-Kapitals. Legt man die bislang in Rede stehende Aufstockung im Volumen von 1,5 Milliarden Euro zugrunde, würde sich dieser Anteil auf etwas 67 Prozent reduzieren.
VDO-Übernahme belastet Conti weiter
Zum anderen scheint sich im Lager der Banken die Meinung zu verfestigen, dass die Kapitalerhöhung nicht für sich betrachtet, sondern im Zusammenhang mit den gesamten Refinanzierungserfordernissen gesehen werden sollte. Dabei blicken sie auf den August 2010. Dann muss der Autozulieferer aus Hannover 3,5 Milliarden Euro Finanzschulden zurückzahlen, die im Zuge der überteuerten Übernahme des Wettbewerbers VDO aufgenommen wurden.
Conti soll also ein gesamtheitliches Finanzierungspaket schnüren. Dabei hilft die Bank Credit Suisse, die sich der Vorstand in dieser schwierigen Finanzierungsfrage als Berater zur Seite geholt hat. Dem Vernehmen nach hat Credit Suisse dem Conti-Vorstand und Aufsichtsrat eine ganze Fülle von Finanzierungsvorschlägen gemacht, darunter die Ausgabe von Wandelschuldverschreibungen und Anleihen. Die Bank plädiert aber auch ganz klar für die Ausgabe neuer Aktien. Möglicherweise wird es nun aber noch ein paar Monate dauern, bis die Kapitalerhöhung tatsächlich kommt. Denkbar sei eine Verschiebung bis in den Januar oder Februar hinein, heißt es in unternehmensnahen Kreisen.
Contis Hoffnungen ruhen auf Reitzle
Vermutlich werden die fünf Schaeffler-Vertreter im Aufsichtsrat dafür plädieren, den Anteil der direkten Kapitalerhöhung an dem Finanzierungspaket möglichst gering zu halten. Dagegen dürften sich unabhängige Kontrolleure auf der Anteilseignerbank wie Nord-LB-Chef Gunter Dunkel und der frühere Dresdner-Bank-Vorstand Bernd Voss klar für eine kräftige Eigenkapitalspritze aussprechen. Schließlich sitzt Conti auf einem Nettoschuldenberg von fast 10 Milliarden Euro. Auch die Arbeitnehmerbank ist geschlossen für eine Kapitalerhöhung. Daher blicken sie erwartungsvoll auf Wolfgang Reitzle. Der neue Chefkontrolleur, so hofft man bei Conti, soll als Nachfolger des Schaeffler-Vertrauten Rolf Koerfer entschieden die Interessen des Unternehmens und nicht die des Großaktionärs vertreten.
Auch im Kreis der Banken von Conti wird von der Aufsichtsratssitzung am Montag noch kein Beschluss darüber erwartet, wie Conti den im August 2010 fälligen Kredit über 3,5 Milliarden Euro tilgen wird. Zumindest die vier Banken Barclays, ING, Calyon und BNP Paribas, die das aus 50 Banken bestehende Gläubigerkonsortium koordinieren, sollen sich einig darin sein, dass es ohne eine Kapitalerhöhung von Conti um mindestens 1,5 Milliarden Euro nicht gehen wird.
Heidelcement als mögliches Vorbild
Zur Finanzierung der verbleibenden 2 Milliarden Euro werden mehreren Varianten Chancen eingeräumt. Manchen Banken gilt Heidelcement als Vorbild für eine gelungene Umschuldung. Der Baustoffkonzern aus dem Merckle-Imperium hatte Mitte September durch den Verkauf neuer Aktien das Eigenkapital um 2,25 Milliarden Euro erhöht. In dieser Woche nun erhielt Heidelcement mit dem Verkauf von Anleihen in drei Tranchen mit verschiedenen Laufzeiten weitere 2,5 Milliarden Euro und muss trotz seiner weiterhin hohen Verschuldung von Beobachtern als moderat eingestufte Zinskosten zwischen 7,9 und 9,0 Prozent verkraften.
Für möglich gehalten wird auch, dass Conti einen Teil des Kredits von 3,5 Milliarden von den Banken über den August 2010 hinaus verlängert bekommt. Darüber werden die derzeit noch leisen Rufe der Banken nach einem Verkauf von Teilen Contis, zum Beispiel der Reifensparte, lauter werden, falls die Konjunktur und damit die Preise für konjunkturabhängiges Geschäft weiter zunehmen. Dann könnte durch den Verkaufserlös ein großer Teil des Kredites getilgt werden. Wegen der vielen beteiligten Banken dürften die Gespräche über Conti aber noch langwierig werden.
„Keine Konflikte“
Das Tauziehen um die Kapitalerhöhung ist aus Sicht von Analysten ein Zeichen dafür, dass bei dem Zulieferer hinter den Kulissen noch Unruhe herrscht. „Die gefühlte Einigkeit ist anscheinend so nicht gegeben“, sagt Marc-René Tonn vom Bankhaus M. M. Warburg. Für die Continental-Aktie hält M. M. Warburg an der bestehenden Verkaufsempfehlung fest. Aktionären rät er, mit einem Zukauf von Conti-Aktien bis zur Kapitalerhöhung zu warten.
Continental lehnte eine Stellungnahme ab. Ein Schaeffler-Sprecher erklärte: „Continental und Schaeffler arbeiten gemeinsam an einer Lösung der anstehenden Fragen. Es gibt hier keine Konflikte.“