22.06.2007 · Beim America's Cup steht die Finalserie zwischen dem Schweizer Titelhalter „Alinghi“ und den Herausforderern aus Neuseeland bevor. Für die Fans ist die populäre Veranstaltung vor der Küste Valencias eine zwiespältige Angelegenheit - doch sie folgen dem Ruf der Milliardäre gerne.
Von Michael Ashelm, ValenciaAm Morgen standen sie wieder da mit ihren Maschinengewehren. Kein Autofahrer passierte ungesehen die Straßenkontrolle der Guardia Civil. Seit die baskische Separatistengruppe Eta die Waffenruhe für beendet erklärt hat und mit Anschlägen in Spanien droht, herrscht beim America‘s Cup noch etwas mehr Vorsicht als sowieso schon.
Die Anfahrt zu Valencias neuem Yachthafen kann deshalb im zeitraubenden Stau enden, und wer das mit einem hohen, stabilen Zaun umgebene Areal zu Fuß betreten will, muss wie am Flughafen durch eine Detektorenschleuse und seine Tasche durchleuchten lassen. Aber so besorgniserregend die Bedrohung erscheinen mag, andererseits zeigt sie auch, dass sich der einst höchst elitäre Segelzirkel inzwischen in der Liga der populären Massenveranstaltungen aufgestellt sieht – mit allen Risiken und schlechten Begleiterscheinungen.
Rosarote Formulierungen
Die Milliardeninvestition von Stadt, Land, Organisatoren, Sponsoren und einem Dutzend Segelunternehmungen mündet an diesem Samstag in die Finalserie zwischen dem Schweizer Titelhalter „Alinghi“ und den Herausforderern aus Neuseeland, welche in den nächsten Tagen fünf Siege benötigen, um die Silbertrophäe entweder zu verteidigen oder zurückzuerobern. Von einer „Faszination“ sprach Ernesto Bertarelli, der schwerreiche Schweizer Patron, auf dessen Einsatz die Reformbewegung bei der traditionsreichen Veranstaltung gründet.
Mit rosaroten Formulierungen pries der 41 Jahre alte Genfer vor dem Start noch einmal das Gesamtwerk, und wenn es nun um die Entscheidung geht, wird er persönlich auf seiner neuesten „Alinghi“ mit der Segelnummer „SUI 100“ anpacken. Wie erwartet wird der Amerikaner Ed Baird die Yacht gegen die „Kiwis“ steuern. „Ich liebe den America‘s Cup. Er wird in Zukunft noch sehr viel zu bieten haben“, findet Bertarelli. Doch so sehr das Bild einer Traumfabrik des modernen Sports gezeichnet wird, es blieb in den vergangenen Monaten nicht verborgen, dass das segelnde Personal – als die eigentliche Hauptattraktion dieser Veranstaltung – vom neuen Denken in der Außendarstellung noch etwas entfernt ist.
„Wir sind nicht beim Profifußball“
Die kleine Branche gibt sich für viele hoffnungsfrohe Markenmacher weiterhin allzu bodenständig, verweigert sich beständig dem populären Starkult und redet lieber tagelang über unvorhersehbare Winddreher oder spannende Kielkonstruktionen. Wenn nicht die überaus patriotischen Neuseeländer und ihre fanatischen Fans wären, der America‘s Cup wäre aus sportlicher Sicht fast wie immer – ein Programm für Insider. „Da hat sich nicht viel geändert“, konstatiert Jochen Schümann, Sportdirektor beim Titelverteidiger „Alinghi“ – nicht ohne Stolz. „Es zeichnet uns Segler doch aus, dass wir auf dem Boden bleiben. Wir betreiben ein saubereres Handwerk und stehen für unsere Naturverbundenheit“, sagt Schümann.
Der unveränderte Status lässt sich auch am kaum gestiegenen Wert der Bordarbeit erfahren. Zwar erhalten einige wenige Segler in den gehobenen Positionen Gehälter, die in den Millionenbereich gehen. Doch das Gros hält den einfachen Standard der vergangenen Jahre. Es gibt Billiglohnsegler beim America‘s Cup, die nicht über ein Monatssalär von 1000 oder 1500 Euro hinauskommen. Ein Traum für jeden Arbeitgeber, wenn man sieht, dass dafür 14- oder gar 16-Stunden-Arbeitstage in Kauf genommen werden, mit oft monotonen Abläufen und körperlicher Schinderei auf dem Wasser. „Wir sind nicht beim Profifußball. Wir leben vor allem von unserem Enthusiasmus“, sagt Schümann (Siehe auch: America's Cup: Schümann bleibt an Land), der selbst in seiner Position beim Schweizer Favoritenteam zu den Gutverdienern gehört.
Für die Fans kaum spürbar
Zum konservativen Seglertum kommt die Unnahbarkeit der Disziplin, die sich ausschließlich einige Kilometer weit draußen vor der Küste abspielt. Weniger als 5000 Menschen werden am Ende nach fast drei Monaten mit vielen, vielen Rennen die Wettfahrten auf dem Wasser aus nächster Nähe von den Zuschauerbooten gesehen haben. So viel Anhänger kommen zu einem einzigen hochklassigen Handball- oder Basketballspiel. Hier ist noch keine Lösung gefunden worden, sehr wahrscheinlich wird auch keine geben. Der Hauch des Atems, der Kampf gegen die Naturgewalten oder die Kraft der High-Tech-Maschinen ist für die Fans kaum spürbar wie vielleicht beim Radrennen oder in der Formel 1, obwohl beim America‘s Cup sicherlich unter härtesten Bedingungen athletische Höchstleitungen vollbracht werden.
Zur gleichen Zeit werden bis zum Schluss mehr als zwei Millionen durch den herausgeputzten Hafen mit seinen vielfältigen Unterhaltungsmöglichkeiten flaniert sein, wo die Rennyachten allerdings nur aufgebockt am Quai zu betrachten sind. Das rege Interesse an dem Sport, von dem die Veranstalter derzeit gerne reden, kann sich derzeit eigentlich nur auf die urlaubsähnliche Erlebniswelt an Land beziehen als auf den Ausgang der Regatta.
Der America‘s Cup bleibt für den Fan mehr eine Gefühlssache als echter hautnaher Live-Sport. Die Segler selbst, so hat man den Eindruck, scheint das alles nicht zu berühren, in welche Richtung auch immer die Veranstaltung tendiert. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Vielleicht ist das ihre größte Stärke.
Das Segeln ist ein wunderbarer Sport
Karl Tischlinger (Tischlinger)
- 23.06.2007, 09:55 Uhr