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Segelboote Die Rennmaschine für normal begüterte Segler

10.03.2007 ·  Die Preisunterschiede bei Segelbooten sind enorm: Das Budget eines Maserati lässt sich für ein neues Modell mit allen Schikanen problemlos versenken. Aber es geht auch billiger: Ein gebrauchter Klassiker ist schon für den Wert eines gebrauchten Golfs zu bekommen.

Von Erdmann Braschos
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„Yachting is a gentlemen's sport, and in dealin' with gentlemen, ye can't be too careful“, meinte ein gewisser Mister Dooley einmal über die Freizeitbeschäftigung vermögender Menschen. Diese Beobachtung wäre nicht weiter erinnernswert, hätte er mit dem feinen Unterschied zwischen dem, was beispielsweise in der Stiftungsurkunde für den America's Cup gemeint war, und dem, was hinsichtlich Interpretationsspielräumen bewanderte Gentlemen bei entsprechender Interessenlage aus einer Regelung machen, nicht die beklagenswerte Hinterfotzigkeit intelligenter Menschen in gleichermaßen freundlichen wie schlichten Worten zusammengefasst.

Abgesehen vom seglerischen Können, gibt es beim Wettsegeln im wesentlichen drei Faktoren, die über erste und nachrangige Plätze entscheiden: den Antrieb in Gestalt der Segelfläche, zweitens die Geschwindigkeit, also die in Fahrt wirksame Wasserlinie, drittens das Vermögen des Boots, aus beidem mit möglichst großem aufrichtendem Moment, sei es durch die auf der Kante hockende Besatzung oder im Kiel mitgeführten Ballast, etwas zu machen. Doch müssen wir uns nicht in die komplexe Materie des Zusammenwirkens verschiedener Kräfte über und im Wasser vertiefen. Wir bleiben einfach bei den Gentlemen und der Segelfläche.

Verschleißträchtiges Segel ist teuer

Im Interesse vergleichbaren Wettsegelns wurde der Antrieb als jene nominelle Fläche definiert, die Segelboote vor und hinter ihrem Mast unterbringen. Eine überzeugend klare und schlichte Regelung, wie sie Mister Dooley zweifellos gefallen hätte. Bis zu einer Segelregatta anno 1927 im notorisch schwachwindigen Revier vor der ligurischen Hafenstadt Genua, die der schwedische Reeder, Sänger, Komponist, Regattasegler und Gentleman Sven Salen mit einem speziellen Vorsegel gewinnen wollte. Seitlich am Mast vorbeigezogen, vergrößert es die tatsächliche Segelfläche gegenüber der nominellen.

Seitdem segeln klassische Rennyachten wie der Sechser mit ungefähr der doppelten ihrer angeblichen Vorsegelfläche. Das Beispiel hat bei praktisch allen Regattabooten Schule gemacht. Dank seines großen Ballastanteils und des schlanken, auch bei reichlich Schräglage problemlos geradeaus laufenden Bootskörpers verträgt der Sechser das übergroße Vorsegel bei praktisch jedem Wind. Das verschleißträchtige Segel ist jedoch teuer und schlaucht die Crew.

Dachziegelfabrikant als Förderer

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als kostspieliges Regattasegeln kaum zu den Prioritäten in Europa passt, präsentiert der englische Yachtkonstrukteur und Werftinhaber Charles Ernest Nicholson (1868-1954) ein an die anerkannte International Rule angelehntes Meterklassenderivat, den 5.5er: „To measure the lot“, also die Berücksichtigung der tatsächlichen Amwind-Besegelung, reduziert die Segelfläche der annähernd gleich großen Rennyacht auf die Hälfte. Zugleich halbiert Nicholson mit einem revidierten Verdrängungsfaktor das Gewicht von über vier auf unter zwei Tonnen. Schwere Boote sind in Bau und Betrieb teuer. Ergänzende Bauvorschriften und Maße gewährleisten reellen Segelsport.

Der erste Fivepointfive namens „The Deb“, ein Camper&Nicholson-Werftbau, debütiert 1949 zur „Cowes Week“. Er wird zum Prototyp einer bis heute segeltechnisch besonders interessanten und schönen Drei-Mann-Kielboot-Klasse. Der englische Dachziegelfabrikant und versierte Regattasegler Owen Aisher wird mit fünf 5.5ern namens „Yeoman“ zum unvergessenen Förderer der Klasse, die besonders in Skandinavien und der Schweiz gut ankommt, neuerdings mit meist eidgenössischen Gebrauchtbooten auch hierzulande wieder wächst.

Genfer Mathematiker führte Yachtheck ein

1956 löst die neue Klasse den 6er im australischen Melbourne als olympisches Sportgerät ab. Der talentierte Konstrukteur Willy Lehmann entwirft und baut in einer Ost-Berliner Werft schnelle Boote. Das Kräftemessen zwischen dem geteilten Deutschland findet auch in der prestigeträchtigen Regattaklasse statt. International entwickelt sich der 5.5er rasch zum seglerischen Talentpool. Der ehrgeizige und mitteilsame Medienkaufmann Ted „Mouth of the South“ Turner oder König Olav V. von Norwegen begründen den Nimbus der Klasse. 1966 wird das dänische Segel-As Poul Elvstrøm 5.5er-Weltmeister. Die amerikanischen Konstrukteure Britton Chance, Ray Hunt, Olin Stephens oder Doug Peterson, die Segelmacher Ted Hood oder Lowell North, die Skandinavier Arvid Laurin, Einar Ohlsen oder Knud Reimers beschäftigen sich mit der exquisiten Rennyacht.

Natürlich suchen Gentlemen auch im 5.5er nach speziellen Rezepturen für den Erfolg. Der Genueser und Katholik Max Oberti lässt sein Schiff von einem zum Saisonbeginn an den Hafen komplimentierten Geistlichen segnen. Der Genfer Mathematiker und Bootskonstrukteur Henri Copponex greift zum weltlichen Mittel einer Säge und führt mit unerhörtem Schnitt das moderne, nach vorn geneigte Yachtheck ein. Es lässt das Schiff theoretisch und vermutlich auch in der Praxis eine Idee ruhiger im Wasser liegen. Heute gibt es keinen zweiten Bootstyp, der mit ähnlich raffinierten Achterschiffen unterwegs ist. Sämtliche Formen sind beim 5.5.er vertreten.

Hamerhaai mit martialischem Rammsteven

Selbst der Bug ist bei manchem 5,5er anders. Angeregt von Untersuchungen bei der Nasa, verbesserte ein Texaner den Windanschnitt seines Vorsegels mit einem kanuförmigen Vorsteven. Die holländische „Hamerhaai“ nimmt diese Idee mit einem martialischen Rammsteven auf. Bekanntlich verschafften sich schon die alten Phönizier mit gefährlich geformten Bügen im Schlachtgetümmel Respekt.

Unbeirrt von der Übernahme des olympischen Status 1972 in Kiel durch das Drei-Mann-Kielboot Soling geht der Fight mit zeitgemäß modernem Flossenkiel und separatem Ruder um schweizerische und Weltmeisterschaftstitel weiter. Neuerdings ziehen Kaspar Stubenrauch aus Wedel und der Hamburger 5.5er-Enthusiast Lutz von Meyerinck an sämtlichen Strippen, um die aus 29 Schiffen bestehende hiesige Flotte (www.5point5.de) mit mehr Klassenbewusstsein und größeren Regattafeldern in Fahrt zu bringen. Fünf Schiffe werden kommende Saison dem ortsansässigen Drachengeschwader auf Hamburgs Außenalster Paroli bieten.

Das Budget eines Maserati lässt sich problemlos für einen derzeit angesagten Sebastien-Schmidt-Entwurf und schweizerischen Wilke-Werftbau mit sämtlichen Schikanen versenken. Ein gebrauchter Holzklassiker von 1950 bis '68, wie ihn die meisten deutschen 5.5er-Fans segeln, ist bereits für den Wert eines gebrauchten Golf zu bekommen. Regattataugliche Boote der sogenannten Evolution Era ('70 bis '90) gibt es für 16.000 bis 30.000 Euro. Gebrauchtboote jüngeren Datums werden mit Trailer für 30.000 bis 60.000 Euro gehandelt. Mit einem aktuellen 5.5er lässt sich, wenn man es kann, dem einstigen DDR-Leistungssportler und heutigen Alinghi-Spitzensegler Jochen Schümann - er wurde in Sydney 2005 Weltmeister und letzten Sommer vor Medemblik Vizeweltmeister - Paroli bieten.

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