08.06.2007 · Dem Team Neuseeland reicht der Achtungserfolg gegen die „Luna Rossa“ noch nicht. Es fordert als bestes von elf Crews die „Alinghi“ im Finale um den America's Cup heraus. Der Sieg hat viel mehr als nur sportliche Bedeutung: Es geht auch um die nationale Ökonomie.
Von Michael Ashelm, ValenciaErst Bier, dann Champagner - die enthemmende Wirkung von Alkohol an Bord war Dean Barker anzumerken, als er einige Zeit nach dem entscheidenden Rennen seine Erklärungen zum Sieg abgab. „Dies ist ein kleiner Schritt“, fing er an und korrigierte sich schnell. „Nein, dies ist ein großer Schritt“, sagte der Steuermann des neuseeländischen Bootes.
Er wusste wohl, dass sein erster Satz ziemlich überheblich hätte klingen können in den Augen der abgeschüttelten Gegnerschaft. Der 34 Jahre alte Barker ist nämlich ein smarter Bursche und für seine glatten, zu allen Seiten offenen Aussagen bekannt, weshalb er selbst ein wenig erschrocken wirkte von seinem Mut. Eigentlich sprach er im ersten Reflex nur die Wahrheit aus, denn der echte Anspruch des „Team New Zealand“ liegt nicht bei dem schönen Achtungserfolg, nach dem eindrucksvollen 5:0 im Finale gegen die italienische „Luna Rossa“ nun endgültig Bester der ursprünglich elf Herausforderer zu sein.
Nein, bei diesem America's Cup vor Valencia geht es darum, der Schweizer „Alinghi“ wieder den Titel zu entreißen und einer kleinen Nation am Ende der Welt endlich ihren sportlichen Frieden zurückzubringen nach den „dunklen Tagen von 2003“, wie Barker schwor.
„Die Vergangenheit hinter uns lassen“
„Let's bring it home“, steht auf den bedruckten Hemden der neuseeländischen Anhänger, die derzeit den Yachthafen Valencias in reichlicher Zahl bevölkern. Die heimische Fernsehstation übertrug die Entscheidung live in der Nacht. Es ist immer mehr als reiner Wettkampf, wenn Sportler aus dem Südpazifik in den globalen Vergleich treten.
Die geographische Abseitslage mobilisiert ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, der Welt soll gezeigt werden, zu welch enormen Leistungen das kleine Inselvölkchen in der Lage ist. Aus Rugby, Kricket und Segeln wird dann schnell ein Politikum, zumal das Desaster vor vier Jahren im Finale des wichtigsten Segelwettbewerbs gegen „Alinghi“ noch immer tief schmerzt.
Dass die Premierministerin in Valencia auftauchte, bestätigt die nationale Gefühlslage in Neuseeland. Das Aufeinandertreffen der beiden Crews vom 23. Juni an ist eine echte Revanche. „Wir wollen jetzt die Vergangenheit hinter uns lassen“, sagte einer von Barkers Mitstreitern.
Schotten-dicht-Kampagne
Das Recht, als großer Sieger den America's Cup ausrichten zu dürfen, wäre nicht nur eine schöne sportliche Aussicht, sondern ist für die vier Millionen Neuseeländer ein harter Wirtschaftsfaktor. Aus den zurückliegenden Erfahrungen weiß man, dass die Hightech-Segelei positiven Einfluss auf die kleine Ökonomie hätte. Kein Komitee entscheidet über die Vergabe der Veranstaltung, die Segler selber haben es mit einem Triumph in der Hand, für den Zuschlag zu sorgen.
Dass die Neuseeländer dieses Ziel mit einer Art Tunnelblick angehen und sich im Gegensatz zu anderen vor allem marketinggetriebenen Unternehmungen beim America's Cup nicht an den Reformdiskussionen um die Zukunft der Regatta beteiligen, hat ihnen viel Argwohn eingebracht. Die Schotten-dicht-Kampagne wird von Kritikern aus der Branche als eine Art Konterrevolution betrachtet, die zum Ziel hat, den America's Cup nach Ozeanien zu entführen und wieder in die ursprüngliche Form einer schmucken Privatveranstaltung zu bringen.
„Viele Fehler, die uns das Genick gebrochen haben“
Dieses stark überzeichnete Bild führte dazu, dass viele Beteiligte vor allem aus Europa auf einen Sieg von „Luna Rossa“ gehofft hatten. Ein Finalduell zwischen Italienern und Schweizern hätte bedeutet, dass der Cup definitiv in Europa geblieben wäre. Doch die Crew des Modeunternehmers Bertelli (Prada), die nach dem Erfolg gegen die favorisierten Amerikaner von „BMW Oracle Racing“ noch so viel Hoffung versprüht hatte, blieb erschreckend chancenlos. Bei vorherrschenden leichteren Winden vor der Costa de Valencia war das Boot der Italiener anscheinend wesentlich langsamer.
„Es waren viele kleine Fehler, die uns das Genick gebrochen haben“, sagte Steuermann James Spithill, was auch auf seglerische Fehler hindeutet. Vor dem Showdown mit „Alinghi“ stellen sich zwei Fragen: Sind die Neuseeländer so stark, oder waren die anderen Teams in der Herausfordererserie so schwach? Mit einem Schulterzucken reagierte Barker auf die Frage nach dem Favoriten. Auf Seiten von „Alinghi“ zeigte man sich nach der Entscheidung ebenso uneindeutig. „Gute Teamarbeit“ attestierte der Chefdesigner der Schweizer, Rolf Vrolijk, dem kommenden Gegner. Mehr nicht.
Den neuseeländischen Standort stärken
Der America's Cup bleibt eine geschlossene Gesellschaft. Noch verschlossener als die anderen geben sich die Neuseeländer, denen es dämmert, dass sie nicht noch einmal den finanziellen und organisatorischen Aufwand einer Cup-Teilnahme im entfernten Europa stemmen könnten. Im Fall einer Niederlage gegen „Alinghi“ bliebe ihnen wohl über Jahre beim wichtigsten Segelwettbewerb nur die Zuschauerrolle.
So ist ihre Fokussierung zu verstehen. Könnten sie ihren Traum dieses Mal verwirklichen, würde das Interesse europäischer Teams und Sponsoren wieder nachlassen und somit indirekt den neuseeländischen Standort stärken. Dass die Segler aus der Tiefe Ozeaniens am Ende vielleicht doch dem Ruf ihres Hauptsponsors Emirates folgten könnten und im Fall des Sieges die Regatta vor Dubai austragen, wie Gerüchte besagen, ist wohl auszuschließen. Eher verabschieden sich die Neuseeländer von der Schafzucht.