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America's Cup Schümann an Land, Unruhe an Deck der „Alinghi“

27.06.2007 ·  Der Titelverteidiger „Alinghi“ kommt bei der vierten Wettfahrt um den America's Cup mit 30 Sekunden Vorsprung ins Ziel und gleicht zum 2:2 gegen „Team New Zealand“ aus. Doch die Niederlagen gegen die Neuseeländer haben die Stimmung an Bord verhagelt.

Von Michael Ashelm, Valencia
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Die Kuhglocken läuten noch im Yachthafen. Doch dient dieses volkstümliche Alpen-Ritual der Schweizer Fans, welches von den Valencianern belustigt zur Kenntnis genommen wird, inzwischen einzig und allein der Aufmunterung ihrer Segler auf der „Alinghi“. Wie weggeblasen die fast überheblich wirkende Siegesgewissheit, dass die High-Tech-Perfektionsmaschine unter eidgenössischer Flagge den America's Cup auch ein zweites Mal nach Belieben dominieren werde.

Die vor dem Finale gegen die Neuseeländer hochfavorisierte Crew des Genfer Milliardärs Ernesto Bertarelli zeigt auf dem Wasser plötzlich überraschende Schwächen. Die einst so gepriesene eingeschworene Gemeinschaft beim Titelverteidiger scheint unter dem Druck weniger stabil als gedacht, auch wenn sich die Crew am Mittwoch durch den Sieg im vierten Finallauf zum 2:2-Ausgleich (Vorsprung 30 Sekunden) ein wenig Luft verschafft hat. Die Kritik am Fahrstil und der Personalauswahl an Bord bleibt bestehen, und Verantwortliche wie der diesmal an Land zurückgelassene Sportdirektor Jochen Schümann scheuen sich nicht, offen die Fehler der Mannschaft anzusprechen.

„Das war wie Las Vegas“

Kaum an Land gekommen, versammelte Bertarelli am Quai seine wichtigsten Leute um sich, nachdem die Neuseeländer am frühen Dienstagabend in einem dramatischen Rennen zum zweiten Mal gesiegt hatten und erst einmal an ihren Opponenten zum kaum für möglich gehaltenen 2:1-Zwischenstand vorbeigezogen waren. Die Zusammenkunft hatte etwas von einer spontanen Krisensitzung - oder ging es um die Sprachregelung? Später, nach dem zweiten Renn-Flop der Schweizer bei diesem 32. America's Cup, mokierte sich der Eigner über die nach seiner Meinung irregulären Windbedingungen draußen vor der Costa de Valencia.

„Das war wie Las Vegas“, sagte Bertarelli. „Wir hätten heute eigentlich nicht starten dürfen.“ Er grinste dabei und vermied den Eindruck, der nächste Tiefschlag würde ihn zu sehr belasten. Während sich die Erklärungen der „Alinghi“-Leute einzig und allein um das vermeintliche Glücksspiel bei schwächeren, oft wechselnden Winden und anspruchsvoller Dünung drehten, kommentierte der siegreiche Gegner den Ausgang recht nüchtern. „Unsere Wetterleute haben uns den Weg gewiesen, wir haben uns nur daran gehalten“, hieß es beim „Team New Zealand“ ganz cool.

„Alinghi“-Steuermann mit Anfängerfehler

Die maßgeblichen Leute an Bord des Titelverteidiger-Bootes geben derzeit alles andere als eine gute Figur ab. Als die Schweizer am Sonntag ihre erste Lektion von den taktisch überlegenen „Kiwis“ erhielten, moserte Skipper Brad Butterworth über die hin- und herfahrenden Zuschauerboote, deren Abdrift angeblich den Rennkurs in eine Buckelpiste verwandelt habe. In Wirklichkeit machten er als Taktiker und sein Steuermann Ed Baird Anfängerfehler, wie sich später herausstellte. „Das hätten wir gewinnen müssen“, sagte Schümann. In dem spektakulären Rennen am Dienstag, bei dem es „Alinghi“ am Ende nicht mal half, dass der neuseeländische Bugmann fast über Bord gegangen wäre und der Gegner wichtige Sekunden verlor, brachte wiederum eine Fehleinschätzung die Niederlage. Die Schweizer lösten sich aus unerfindlichen Gründen vom Kurs der erbittert ankämpfenden Neuseeländer. „Im Nachhinein kann man sagen, dass die Trennung auf der letzten Bahn ein Fehler gewesen ist“, so der aus Hamburg stammende Chefdesigner Rolf Vrolijk.

„Alinghis“ Spezialisten an Land scheinen ein Stück Vertrauen verloren zu haben in ihre Experten auf dem Wasser. Zu hören ist von lautstarken internen Auseinandersetzungen; zudem sollen Taktiker Butterworth und Steuermann Baird, die wichtigsten Köpfe auf der Kommandozentrale, unter dem stärker werdenden Druck nicht immer auf einer Welle schwingen.

„Wir haben unsere besten Segler an Bord“

Ein anderer Fehler könnte gewesen sein, Schümann diesmal ausgemustert zu haben. Beim 5:0-Sieg vor vier Jahren stand der Sportdirektor noch als erfolgreicher Stratege an Bord, doch fiel er nun dem undurchsichtigen Machtspiel von Butterworth und Bertarelli zum Opfer. Man konzentrierte sich in diesem angeblichen High-Tech-Spiel von Mensch und Maschine darauf, dass der segelbegeisterte Eigner persönlich als halbprofessioneller Zuarbeiter wieder integriert werden könnte an Bord - was von den Neuseeländern inzwischen spöttisch kommentiert wird. „Wir haben unsere besten Segler an Bord, die Schweizer nicht“, heißt es dort. Auf die Frage des ARD-Fernsehteams, auf wen denn diese Einschätzung bei „Alinghi“ ziele, wich Schümann aus: „Ich weiß nicht, wen sie damit meinen.“ Er „glaube“, die besten Leute seien bei ihnen an Bord. Echte Vertrauensbeweise hören sich anders an.

Die Arbeit des deutschen Sportdirektors gleicht derzeit einem diplomatischen Drahtseilakt. Schümann übt zwar sportlich sachliche Kritik, zeigt sich aber sonst gewohnt loyal, auch wenn er dieser Tage gerne betont, dass ihm die Nichtberücksichtigung „weh“ tue. Auch auf die bissige Bemerkung von Butterworth, Schümann habe sich angeblich nur als Steuermann beworben, wofür ihm aber die „Erfahrung“ fehle, reagiert der hochdekorierte Segelprofi gelassen. „Ich bin einer von vielen Seglern bei uns und kann sicher mehrere Positionen einnehmen.“ Wie stressresistent die Crew unter Schweizer Flagge wirklich ist, wird sich nach dem Ruhetag am Donnerstag zum Wochenende hin noch erweisen. Vielleicht waren der Sieg vom Mittwoch und das Aufholen des 1:2-Rückstandes der erste Schritt, wieder mehr Selbstsicherheit und Einheit zu gewinnen.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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