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Wintersport Keine Risiko-Investition in die Snowboarder

24.02.2006 ·  Für die deutschen Snowboarder ist die Silbermedaille durch Amelie Kober Gold wert. Denn anders als in Amerika fristet die Sportart hierzulande ein Schattendasein. Es gibt zwar vier Bob- und Rodelbahnen, aber keine einzige funktionierende Halfpipe.

Von Anno Hecker, Turin
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Wo traf man den olympischen Geist? An der Medal-Plaza in Turin, beim Biathlon und in Bardonecchia, behaupten die Leute aus Bardonecchia. Nämlich bei den jungen Sportlern, für die ein Brett die Welt bedeutet. Ganz schön fortschrittlich, dieser alte Geist, der ja, mit Unterbrechungen, schon seit der Antike spukt und in diesen Tagen die jüngsten Kinder der olympischen Bewegung beseelte.

Nämlich die Snowboarder in ihrer majestätischen Halfpipe, auf der Riesenslalompiste, auf der wilden Crosstour durch Steilkurven und über riesige Schanzen, über die sie hüpften, daß es eine Freude war. Kein Wunder, daß sich das gebeutelte, gute Gespenst niederließ, wo es nach unverdorbenen, heiteren Spielen aussah; bei all den Skandalen wider den olympischen Geist.

Gelungene Kombination von Klassik und Moderne

Nicht mal geflucht wird beim Snowboard. Darauf legt das Internationale Olympische Komitee (IOC) hohen Wert. Und so hat DJ Chainsaw (Kettensäge) blitzsaubere Musik aufgelegt. Kein Gehör also für die ungehobelten Rapper wie „50 Cent“, für obszöne Sprüche bei der Beschallung der schneeweißen Wettkampfstätte. Daß auch Mozarts „Kleine Nachtmusik“ eine Chance hatte, könnte als gelungene Kombination von Klassik und Moderne, als endgültige Versöhnung der jugendlich-frischen Snowboardszene mit der bisweilen altertümlich anmutenden olympischen Familie verstanden werden.

Es mag sein, daß kühle Rechner im IOC-Hauptquartier von Lausanne den Wunsch des mächtigen Fernsehsenders und Olympia-Rechtebesitzers NBC vor Augen hatten, als sie beschlossen, die anscheinend schwer erziehbaren Snowboarder zu adoptieren, für die Winterspiele in Turin sogar Snowboardcross einzubauen. Denn die Amerikaner mögen Snowboard. Und sie beherrschen diesen Sport. Gold und Silber bei den Herren in der Halfpipe, Gold und Silber bei den Damen, Gold und Silber beim Snowboardcross.

„Da gibt es mehr Unterstützung in der Gesellschaft

Das ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten zwischenzeitlich vor dem Branchenführer unter den Medaillensammlern, Deutschland, lagen. Daß es nicht dabei blieb, hat die Heimat den traditionellen Sportarten zu verdanken. Rodeln, laufen und schießen konnten die Deutschen ja immer schon. Am Donnerstag feierte nun auch die Abteilung fürs Moderne ein Erfolgserlebnis: Amelie Kober gewann im Riesenslalom Silber.

„Diese Medaille“, sagte Timm Stade, der Geschäftsführer des Snowboard Verbandes Deutschland (SVD), mit Blick auf die Stellung seines Verbandes, „ist Gold wert.“ Die Aufwertung hat ihren Grund. Der deutsche Sport, glauben die Snowboarder, schützt seine Goldminen und wagt keinen mutigen Ausbruch aus seiner konservativen Position. „Das kann ich zu 100 Prozent bestätigen“, sagt die deutsche Snowboarderin Katharina Himmler, „die Amerikaner, aber auch Frankreich und die Schweiz gehen mit Snowboard offener um. Da gibt es mehr Unterstützung in der Gesellschaft.“

Die Schwachen bleiben schwach

Es ist nicht so, daß Snowboard gar keine Luft zur Entfaltung bekommt in Deutschland. Der erst drei Jahre alte SVD erhält immerhin Fördermittel vom Bund. Aber seine Entwicklung hängt auch von einem Förderprinzip ab, das kleinen, zwangsläufig kaum dekorierten Sportarten nicht gerade auf die Sprünge hilft. Nach diesen Spielen wird der Bereich Leistungssport im Deutschen Sportbund (DSB) zur Abrechnung bitten.

Die Medaille wird zumindest in der Bewertung des Riesenslaloms schwer wiegen. Denn wer Edelmetall auf den Tisch legt oder wenigstens auf den vorderen Plätzen eines olympischen Finales landete, bleibt oder rückt in die Förderstufe I. Andernfalls droht der Abstieg. So aber bleiben die Schwachen schwach.

„Wir brauchen Zeit“

„Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Bundestrainer Uwe Baier, „unsere Nachwuchsarbeit, die Ergebnisse bei der Junioren-WM bestärken uns. Und deshalb hoffe ich, daß wir nicht von finanziellen Barrieren gebremst werden. Wir brauchen Zeit.“ Das Potential ist da. Katharina Himmler hätte mit etwas mehr Glück beim Snowboard-Cross durchaus unter die ersten zehn eines hochklassigen, unterhaltsamen Wettbewerbs fahren können.

Die Männerriege der Halfpipe hat das Können, nach vorne zu springen. Aber für den letzten Kick fehlt es auch an der Unterstützung: „Auch im Snowboardcross ist das Material sehr wichtig“, sagt Baier, „da sind wir lange nicht auf dem Niveau der Langläufer, die nichts dem Zufall überlassen müssen. Da fehlen uns aber die finanziellen Mittel.“ Nicht nur das. Deutschland hat vier Bob- und Rodelbahnen in Betrieb, aber nicht mal eine einzige funktionierende Halfpipe.

„Das Überleben wird nicht einfacher“

Die Chancen der Snowboarder für eine Risiko-Investition des deutschen Sports sind gering. Denn der Verteilungskampf nimmt eher zu. Zwar kündigte der für den Sport zuständige Parlamentarische Staatssekretär Christoph Bergner in Sestriere an, die Bundesregierung wolle dem deutschen Sport im kommenden Jahr die gleichen finanziellen Mittel wie 2006 zur Verfügung stellen, nämlich 127 Millionen Euro.

Aber im gleichen Atemzug bereitete Bergner den organisierten Spitzensport auf die Realität vor: „Wenn wir nicht die gleiche Summe wie 2006 zur Verfügung haben, werden wir nicht bei den Sportlern kürzen, sondern würden auf Einsparungen durch Umstrukturierungen setzen.“ Das hört sich nicht nach einer Expansion an. „Das Überleben“, sagt Katharina Himmler, „wird nicht einfacher.“

Quelle: F.A.Z., 24.02.2006, Nr. 47 / Seite 32
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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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