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Skispringen Deutscher Neuanfang - mit dem alten Trainer

21.02.2006 ·  Als Deutschlands Skispringer erstmals seit 14 Jahren ohne Olympia-Medaille dastanden, war der Neuanfang in der Krisendisziplin längst beschlossen. Der in der Kritik stehende Trainer Rohwein erhielt von der Verbandsspitze ein Angebot bis 2010.

Von Hartmut Scherzer, Pragelato
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Die Spitze des Deutschen Skiverbandes (DSV), angeführt von Präsident Alfons Hörmann, hatte sich unten an der Schanze versammelt. Sieben Mann hoch. Solch ein demonstrativer Auftritt läßt den Verdacht aufkommen, der Stuhl des Trainers wackele. „Auf keinen Fall“, widersprach Generalsekretär Thomas Pfüller. Der Vertrag Rohweins soll vielmehr bis 2010, bis zu den Spielen in Vancouver, laufen.

Nach dem Ausschluß von Alexander Herr glaubte das Führungsgremium offenbar, mit seiner geschlossenen Anwesenheit die bisher erfolglosen Springer beflügeln zu können. Die Versammlung zur moralischen Unterstützung blieb ohne Wirkung. Schon nach dem ersten Durchgang hatte sich die Funktionärsgruppe aufgelöst: Es würde nichts mehr werden mit einer Medaille auf den Schanzen von Pragelato. Zu überlegen waren die Österreicher (Gold), die Finnen (Silber) und die Norweger (Bronze).

Die fetten Jahre sind vorbei

Der vierte Platz war das ganz normale Ergebnis, denn die fetten Jahre der Weißflogs, Thomas, Hannawalds und Schmitts (in Weltklasseformat) mit sieben Goldmedaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in der Trainer-Ära von Reinhard Heß, 1994 bis 2003, sind vorbei. Der letzte große Triumph im Utah Olympic Park vor vier Jahren ist nur noch schöne wie wehmütige Erinnerung.

Österreich mit dem 19 Jahre alten Kärntner Großschanzen-Olympiasieger Thomas Morgenstern und dem zwei Jahre älteren Silbermedaillengewinner Andreas Kofler, Finnland mit den nervenstarken Routiniers Janne Ahonen und Matti Hautamäki sowie Norwegen mit dem Normalschanzen-Olympiasieger Lars Bystöl und dem Skiflug-Weltmeister Roar Ljökelsöy können jeweils zwei Überflieger in die Lüfte schicken, in deren Sog die Nummern drei und vier dann mitfliegen. Das reicht.

Tiefflieger

Alle vier Deutschen, Michael Neumayer, Martin Schmitt, Georg Späth, selbst der nach seiner nur hauchdünn verfehlten Bronzemedaille von der Normalschanze weitaus höher eingeschätzte Michael Uhrmann fliegen derzeit nur hinterher. Der Tiefflug hatte schon bei der Vierschanzen-Tournee eingesetzt, wo erstmals seit 1992 kein deutscher Springer auf einer der vier Stationen auf dem Siegertreppchen gestanden hatte. Diese Pleite hat sich nun wiederholt. Erstmals seit 1992 in Albertville blieb auch das Olympia-Podest verschlossen für die Deutschen. „Die drei besten Nationen waren heute nicht zu schlagen“, sagte der Technische Leiter Rudi Tusch, der bis zum bitteren Ende seinen Zuschauerplatz hielt. „Unsere Springer haben gezeigt, was sie können und was machbar ist.“ Eben keine Medaille.

„Um Bronze zu gewinnen, hätte von den drei führenden Teams einer ausfallen müssen.“ Einer der Überflieger hätte es sein müssen - so wie es Kofler zuletzt bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Bad Mitterndorf ergangen war. Das Abdriften des von einer Windböe gepackten Österreichers hatte den Deutschen dort Rang drei beschert und trügerische Hoffnungen für Olympia geweckt. Hoffnung flackerte tatsächlich auf, als Neumayer (126 Meter) zum Auftakt ganz knapp Zweiter seiner Gruppe hinter Bystöl (126) wurde. Die DSV-Herren im grün-orangefarbenen Olympiaanzug nickten allesamt beifällig. „1. Norway, 2. Germany“ - das las sich so schön auf der Digitaltafel.

„Geht doch. Gut. Super

Als Schmitt - in der Gruppe mit Kofler (133,5 Meter) - bei 125,5 Metern landete, stieß Tusch jubelnd die linke Faust in die Höhe. Hörmann sah nach „diesem tollen Sprung“ den umstrittenen Vorzug des Team-Olympiasiegers von 2002 vor Herr gerechtfertigt. Als Schmitt, die Ski zur Auffahrt geschultert, an der DSV-Spitze vorbeiging, hörte er nur Anerkennung: „Geht doch. Gut. Super.“ Doch Uhrmann und Späth landeten zu früh, nach dem ersten Durchgang war der Ausgang programmiert. Die Herren vom DSV schauten betrübt drein.

Während bei verlängertem Anlauf die Asse schließlich bis zu zwölf Metern zulegten, kam Schmitt auf eine um sieben Meter geringere Weite. Das war's dann. Ljökelsöy (141/Schanzenrekord), Hautamäki (138) und zum krönenden Abschluß Morgenstern (140,5) zeigten den Weltmaßstab auf. Der Abstand von 28,5 Punkten zur Bronzemedaille zeigt die Kluft zwischen den drei aktuell führenden und der großen Springernation von einst auf. Die Deutschen wollten es nicht wahrhaben. „Zweimal Vierter, das tut weh. Ich hatte so große Hoffnungen in mich gesetzt“, klagte Uhrmann, der 2002 ebenfalls zum Gold-Team gehört hatte. Auch Späth war höchst unzufrieden: „Das war der wichtigste Wettkampf des Jahres. Da sind wir schon enttäuscht.“

Trainer Rohwein relativiert

Bundestrainer Peter Rohwein kam - aus Frust? - zunächst nicht zur üblichen Nachlese mit den deutschen Medien. Sein Resümee lieferte er anderntags im Deutschen Haus in Sestriere nach. „Zwei vierte Plätze sind keine so schlechte Leistung. Wir haben natürlich einige Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen.“ Die hohen Herren vom DSV werden nicht nur zuschauen, sondern ein wichtiges Wort mitreden.

Präsident Hörmann ist sich mit Generalsekretär Pfüller einig, daß Herr wieder ins Team integriert und der Nachwuchs besser gefördert werden soll. Alte Privilegien, etwa für Schmitt, will man abschaffen. Es wird ein Neuanfang werden - mit Rohwein. „Wir machen die Trainerfrage nicht von einer Medaille abhängig“, so Hörmann. „Peter Rohwein steht in der Trainer-Hitliste ganz oben. Er hat unsere volle Rückendeckung, weil er mit Abstand zu den besten Trainern in Deutschland gehört.“

Quelle: F.A.Z. vom 22. Februar 2006
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