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Interview Hermann Weinbuch „Meine Athleten sollen keine Marionetten sein“

23.02.2006 ·  Hermann Weinbuch kann zufrieden sein. Die von ihm betreuten nordischen Kombinierer holten in Turin Gold, Silber und Bronze. Im Interview mit der F.A.Z. spricht der 45jährige über Zufälle, Führungsstil und seine Zukunft.

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Hermann Weinbuch kann mit der Ausbeute zufrieden sein. Die von ihm betreuten Kombinierer holten bei den Olympischen Winterspielen in Turin Einzel-Gold und -Bronze durch Georg Hettich und Silber im Mannschaftswettbewerb.

Nun will der 45jährige gerne weiter Bundestrainer bleiben, auch wenn er keinen festen Vertrag hat. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Weinbuch über glückliche Zufälle, seinen Führungsstil und die Früchte harter Arbeit.

Was hat Sie mehr überrascht bei diesen Winterspielen: daß Weltmeister Ronny Ackermann keine Einzelmedaille geholt hat oder Georg Hettich, dem im Weltcup noch kein einziger Sieg gelungen ist, gleich drei - und davon eine in Gold?

Bei Ronny wußte ich nach den Technik- und Material-Problemen im Vorfeld, daß es eng werden würde. Dem Schorsch habe ich zwar eine Medaille zugetraut, aber daß er gleich Olympiasieger werden würde, war dann schon überraschend.

Die nordischen Kombinierer haben seit 2001 bei jedem Großereignis mindestens zwei Medaillen geholt. Ist die Häufung von guten Athleten derzeit Zufall oder das Resultat harter Arbeit schon in der Zeit, als Sie Trainer des Nachwuchses waren?

Das ist reiner Zufall, daß ich so viele gute Athleten habe.

Aber die Talente mußten ja auch entsprechend gefördert werden.

Natürlich hoffe ich, daß das auch mit unserer Arbeit zusammenhängt. Wir haben Mitte der neunziger Jahre einiges verändert, und die Trainer haben sich zusammengerauft. Sie arbeiten nun miteinander, und jeder hilft jedem. Diese Früchte fahren wir seit ein paar Jahren ein.

Konkurrenz belebt das Geschäft, zu viel Konkurrenz kann aber auch schaden. Wie ist es in Ihrer Mannschaft?

Es hat alles sein Für und Wider, aber es ist schon besser, wenn die Last auf mehreren Schultern verteilt ist. Bei uns respektiert jeder die Leistung des anderen, deshalb gibt es bei uns keine Probleme. Die Medaillen von Schorsch könnten auch ein Signal, ein Ansporn für die anderen sein, noch mehr zu tun. Denn Ronny stand bisher vielleicht zu übermächtig da vorne. Viele dachten, da hätten sie sowieso keine Chance. Meinem Team wird Schorschs Erfolg noch einmal einen Kick geben. Er ist aus dem Schatten getreten und hat gezeigt, daß es auch ein Normaler ganz nach oben schaffen kann.

Im Gegensatz zu Ronny Ackermann mußte Georg Hettich stets angetrieben werden. Wie haben Sie es geschafft, daß er bei Olympia endlich einmal sein Potential ausgeschöpft hat?

Daran haben wir ja seit vier, fünf Jahren gearbeitet. Wir haben ihm immer wieder gesagt, daß mehr in ihm steckt, daß die letzte Entschlossenheit fehlt. Sein Spruch nach der Goldmedaille, er dachte, Olympiasieger würde es nur im Fernsehen geben, sagt doch alles. Er hatte sich bisher nie so weit vorne gesehen.

Jetzt weiß er es, daß er der Beste sein kann. Was trauen Sie ihm noch zu?

Ich kann mir nicht vorstellen, daß er es wie Ackermann oder Manninen schafft, von Stockerlplatz zu Stockerlplatz zu laufen. Er kann schon Serien hinlegen, wird sich aber auch immer wieder Auszeiten nehmen.

Sie pflegen einen eher demokratischen Führungsstil und binden Ihre Athleten in die Entscheidungsfindung ein.

So ist es nicht, ich höre mir die Meinung meiner Athleten an. Aber die Entscheidungen treffe schon noch ich.

Aber beim Teamwettbewerb in Pragelato haben Sie sich zu der sehr offensiven Aufstellung in der Loipe überreden lassen.

Manchmal lasse ich mich überzeugen und bin dann auch selbst davon überzeugt, daß es richtig ist. Ich nehme ja nicht für mich in Anspruch, allwissend zu sein. Aber ich habe auch schon oft feststellen müssen, daß mein Gefühl doch richtig war und es besser gewesen wäre, meine Meinung nicht zu ändern. Ich bin deshalb schon wesentlich autoritärer geworden, aber vielleicht muß ich es noch ein bißchen mehr werden.

Wie sehr profitiert der Trainer Weinbuch von den Erfahrungen des Athleten und Weltmeisters Weinbuch?

Ich habe als Athlet einen Trainer gehabt, dessen Trainingslehre mich eigentlich überzeugt hat. Aber er war nicht bereit, sich zu ändern, etwas zu ändern. Aber man kann doch nicht alle Athleten über einen Kamm scheren, und man kann auch nicht zehn Jahre im Training dasselbe machen. Das wurde bei mir falsch gemacht, deshalb bin ich jetzt als Trainer sensibler und flexibler. Vielleicht wäre ich gar nicht Weltmeister geworden, wenn ich damals nicht selbständig die Skatingtechnik trainiert hätte, ohne das Wissen meiner Trainer. Die haben gesagt, ich soll es lassen, denn ich schaffe es sowieso nicht. Ich will meinen Athleten die Freiheit geben, eigenständige Entscheidungen zu treffen, denn sie sollen ja keine Marionetten sein. Natürlich gerate ich manchmal in einen Zwiespalt, wenn sie einen Weg gehen wollen, den ich nicht für richtig halte.

Sie sind jetzt 45 Jahre alt und machen den Job schon länger als anfangs angekündigt. Wie geht es weiter?

Wenn die Burschen mich noch wollen und der Verband meint, daß ich keine Fehler gemacht habe, geht's weiter. Ich würde mich jedenfalls nicht entlassen. Bis Olympia 2010 will ich aber noch nicht vorausdenken.

Die Fragen stellte Elisabeth Schlammerl.

Quelle: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 31
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