23.02.2006 · Die deutschen Biathlon-Damen haben die Silbermedaille in der 4 x 6-Kilometer-Staffel gewonnen. Das Quartett Glagow, Henkel, Apel und Wilhelm mußte sich nur der Auswahl Rußlands geschlagen geben, die das Rennen durch eine herausragende Schießleistung gewann.
Von Peter PendersBiathlon ist der Wettbewerb, an dem rund 20 Nationen teilnehmen - und bei dem am Ende immer die Deutschen gewinnen. Zumindest in San Sicario hätte man in den vergangenen Tagen diesen Eindruck gewinnen können, nachdem die deutschen Biathleten gleich viermal von der höchsten Stufe des olympischen Podests hatten winken dürfen.
Wo Erfolg ist, sind die Fans nicht weit - und auch die an ihren Anoraks leicht erkennbaren Kollegen aus der Olympiamannschaft sind gerne dabei, wenn über Medaillengewinne gejubelt werden darf. Das durften sie auch diesmal bei der Frauen-Staffel, aber daß es kein goldener Jubel werden würde, war schnell allen bewußt. Denn zu überlegen rannten die Russinnen vorneweg, als daß ihnen irgendein anderes Team hätte gefährlich werden können. Das hatte einen einfachen, aber im Biathlon entscheidenden Grund: Die Siegerinnen trafen fast alle Scheiben auf Anhieb, leisteten sich nur zwei Nachlader und durften sich deshalb auch des Respekts der größten Gegnerinnen sicher sein. „Nur zwei Fehlschüsse, das mußt du bei einer olympischen Staffel erst einmal bringen“, sagte Katrin Apel.
Souveräne Russinnen
So zielsicher waren die deutschen Frauen diesmal nicht, aber immer noch schnell genug, um sich mit 55,9 Sekunden Rückstand auf die souveränen Sieger die Silbermedaille umhängen lassen zu dürfen. Bronze ging an Frankreich (2:26,2 Minuten Rückstand), das sich dank eines fulminanten Endspurts von Sandrine Bailly noch Platz drei vor Weißrußland sicherte.
Gold verloren oder Silber gewonnen - diese ohnehin dumme Frage stellte sich für die deutschen Damen hinterher aus guten Gründen nicht. „Das war die beste russische Staffel, die ich in diesem Winter gesehen habe. Es war klar, daß sie um den Olympiasieg mitlaufen, aber nicht, daß sie so souverän vorneweg rennen“, gab Bundestrainer Uwe Müssiggang zu. Daß die Russen wegen des Dopingvergehens von Olga Pylewa eine erfahrende Staffelläuferin ersetzen mußten, erwies sich nicht als Nachteil, sondern vielleicht sogar als Motivation.
„Wir widmen ihr diese Goldmedaille. Es war sicher nicht einfach für sie, heute am Fernseher zuschauen zu müssen. Sie wird ein großes Gefühl der Leere haben“, sagte Swetlana Ischmuratowa und sorgte für etwas Verwunderung. Ihre Kollegin war nach dem Einzelrennen positiv auf das Stimulanzmittel Carphedon getestet worden, das angeblich in Tabletten enthalten war, die sie von ihrer Ärztin zur Behandlung einer Knöchelverletzung bekommen hatte. Zumindest Swetlana Ischmuratowa glaubt an diese Version und bat gleich um Verständnis für dieses Vertrauen. „Bitte verstehen Sie meine Gefühle, das hat etwas mit tiefer Freundschaft zu tun.“ Aber nicht einmal all ihre Staffelkolleginnen teilen wohl diese Meinung. Schlußläuferin Albina Achatowa, im Einzelrennen von Platz vier zur Bronzemedaillengewinnerin aufgerückt, hatte vor ein paar Tagen beklagt, daß ihr der emotionale Moment der Siegerehrung entgangen war.
Eine gute Taktik, die ging nicht aufging
Den darf sie dafür diesmal ganz besonders auskosten. Mit Martina Glagow und Andrea Henkel hatte Bundestrainer Uwe Müssiggang seine vermeintlich sichersten Schützinnen an den Beginn der Staffel gestellt, um Druck auf die Gegner auszuüben. Denn wer in einer Staffel hinterherläuft, begeht häufig die entscheidenden Fehler am Schießstand, um den Zeitrückstand wieder aufzuholen. Eine gute und richtige Taktik also, die nur einen Nachteil hatte: Sie ging nicht auf. Martina Glagow benötigte drei Nachlader, Andrea Henkel zwei - und schon war der Rückstand von 30 Sekunden auf die Russinnen da, die nur zweimal nicht auf Anhieb getroffen hatten.
Groß war damit der Druck auf Katrin Apel, die ohnehin unter einer besonderen Belastung stand. Sie hatte den Vorzug vor Uschi Disl erhalten, die damit erstmals in ihrer Laufbahn ein olympisches Rennen verpaßte. Seit 1992 war sie in allen olympischen Wettbewerben dabeigewesen, nun aber mußte die Weltcup-Gesamtzweite zusehen. „Katrin ist die besseren Staffeln gelaufen, das ist schon in Ordnung so“, hatte Deutschlands Sportlerin des Jahres gesagt, die auch bei diesen Winterspielen wie zuletzt im Weltcup überragende Leistungen beim Laufen, aber eben auch große Probleme am Schießstand offenbart hatte.
Die befielen aber auch Katrin Apel, der beim Bemühen, in Sichtweite der Russinnen zu bleiben, einiges danebenging. Drei Nachlader, eine Strafrunde beim Stehend-Schießen - damit war Platz eins endgültig weg. „Es ist nicht einfach, für eine Uschi Disl an den Start zu gehen“, sagte Katrin Apel, die ausgerechnet wegen ihrer besseren Schießleistungen in die Staffel gerückt war. „Aber ich glaube, selbst ein fehlerfreies Schießen von mir hätte nicht viel geändert“, sagte die Thüringerin, „denn bei nur zwei Nachladern ist nicht mehr viel Platz, um so ein Ergebnis zu toppen.“ Da ist was dran. Nach vorne ging nichts mehr, nach hinten auch nicht, trotzdem nutzte Kati Wilhelm ihre Schlußrunde zu einem deutlichen Hinweis an die Gegnerinnen für das Rennen im Massenstart am Samstag: schnellste Runde aller Teilnehmerinnen, fehlerfreies Schießen.
„Wieso sollten wir nicht mit Silber zufrieden sein?“
Auch Müssiggang sorgte sich gleich, daß in der Heimat dieser Erfolg vielleicht nicht richtig eingeordnet werden könnte. „Wir haben im ganzen Winter keine einzige Staffel gewonnen. Wieso sollten wir da heute nicht mit Silber zufrieden sein?“ Natürlich können sie das, und vielleicht haben diese Olympischen Spiele auch für Uschi Disl noch ein Happy-End parat. „Ich wünsche ihr alles Gute“, sagte Katrin Apel und sah gute Chancen für eine Einzelmedaille der nun ausgeruhten Kollegin im Massenstart-Rennen. „Sie ist Zweite im Gesamt-Weltcup, und irgendwie wird sie da ja wohl hingekommen sein.“