10.03.2006 · Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble im F.A.Z.-Interview über die Paralympics, Glück durch Leistung, die Bedeutung des Medaillenspiegels und die Vermittlung von Illusionen.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble im F.A.Z.-Interview über die Paralympics, Glück durch Leistung, die Bedeutung des Medaillenspiegels und die Vermittlung von Illusionen.
Sie werden einen Tag bei den Paralympics in Turin verbringen. Was bedeutet Ihnen das?
Ich finde, es ist wichtig, daß ich als verantwortlicher Minister zu den Paralympics gehe. Die Sportler sollen sehen: Der geht nicht nur zu den Olympischen Spielen der Nicht-Behinderten, sondern auch zu den Spielen der Behinderten. Zumal ich ja selbst im Rollstuhl bin - da wird es von mir doppelt erwartet. Ich werde mir die Langlaufstaffel in Pragelato anschauen, eine Reihe von Gesprächen führen, vor allem im deutschen Haus mit Sportlern, und gebe dann noch einen Empfang zu Ehren der deutschen Paralympics-Mannschaft in Sestriere.
Fühlen Sie sich den Behindertensportlern besonders nahe?
Ich fühle mich Behinderten nahe, weil ich einer von ihnen bin. Ich fühle mich Sportlern immer nahe, weil mein Herz am Sport hängt. Seit ich selbst behindert bin, habe ich logischerweise eine andere Einstellung zu Behinderten als früher. Aber ich habe nicht die Absicht, selbst noch zum Leistungssportler zu werden. Da muß ich ein bißchen aufpassen. Manche Behinderte wollen mich noch zum Leistungssport bringen. Dann sage ich immer: Das muß ich nicht auch noch machen. Ich treibe Sport, um mich fit zu halten, aber mehr nicht.
Trainieren Sie immer noch mit Ihrem handbetriebenen Renn-Rollstuhl?
Ja, klar. Im Moment ist das Wetter nicht so günstig. Sobald es Frühjahr wird, fahre ich wieder.
Haben Sie den Eindruck, daß Behindertensportler Sie zum Vorbild nehmen?
Für behinderte Sportler bin ich kein großes Vorbild. Ich bin überhaupt kein Vorbild für Behinderte, das glauben nur Nicht-Behinderte. Ich bin natürlich einer, der wie sie damit leben muß. Der einige Privilegien hat, die andere nicht haben, dafür aber auch ein paar besondere Belastungen, bis hin zur öffentlichen Anteilnahme, die schön ist, aber auch ihre Kehrseiten hat. Doch selbst ohne mich als Vorbild für Behinderte zu betrachten, sage ich aus meiner Erfahrung: Man braucht seine Lebensfreude nicht zu verlieren. Man kann trotzdem Leistung bringen. Die Behindertensportler bringen tolle Leistungen. Ich als Politiker bringe auch tolle Leistungen, jedenfalls sagen das diejenigen, die mich immer wählen.
Die deutsche Mannschaft lag in Turin in der Nationenwertung vorn. Die Behindertensportler schafften das gleiche 2002 in Salt Lake City. Welche Bedeutung hat das für Sie?
In Turin ging es mir fast ein bißchen zu weit, wie wichtig die Nationenwertung genommen wurde. Wie stark wir uns in der öffentlichen Debatte und auch unter den Sportlern selbst und den Verantwortlichen darauf konzentrieren. Das ist doch auch manchmal idiotisch: Wenn du zwanzig Medaillen gewinnst, aber nur eine Goldmedaille, bist du ganz hinten. Wenn du drei Goldmedaillen hast und sonst nichts, stehst du ganz vorne.
Erstaunliche Worte aus Ihrem Munde ...
Ich bin natürlich stolz auf die Leistungen unserer Athleten, aber wir sollten die Nationenwertung nicht zu sehr verabsolutieren. Ich hatte in Turin natürlich gut reden, weil wir vorne standen, aber ich bin der Meinung, ein vierter, fünfter, sechster Platz kann sich auch sehen lassen. Die Norweger haben mir ein bißchen leid getan. Die sind besser, als es den Anschein hatte. Früher haben wir immer gesagt, die Olympischen Spiele dürfen nicht darauf reduziert werden, welchen Platz in der Medaillenstatistik welches Land hat. Wir freuen uns auch an den Leistungen und der Atmosphäre.
Wobei der Spitzensport eine Oberfläche des Gesunden, Perfekten, Überlegenen, der makellosen Physis zeigt, wie das dem Behindertensport nie zu eigen sein wird. Ist das nicht ein unauflöslicher Gegensatz?
Die Welt will mit Illusionen leben. Die ganze Kommunikationsbranche lebt ein Stück weit auch von der Vermittlung von Illusionen. Der Behindertensport kann dieses nicht. Aber die Bilder von den Paralympics vermitteln denjenigen, die sich dafür interessieren, das Gefühl: Toll, was die können. Und daß alle fröhlich sind. Eine Behinderung ist ja nichts, was man anstrebt. Es ist etwas, das man halt erleidet. Trotzdem sind die Behindertensportler, verglichen mit vielen anderen, etwa Kranken, doch glückliche Menschen.
Das Gespräch führte Evi Simeoni.
Das vollständige Interview mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Samstag, dem 11. März 2006, Seite 32