13.03.2006 · Bei den besten deutschen Behindertensportlern verstärkt sich der Protest. Die Athleten fordern mehr Geld und zumindest halbprofessionelle Verbandsstrukturen. Doch die Aussichten sind wenig ermutigend.
Von Uwe Marx, SestriereMitunter scheint es, als habe sich bei den Paralympics in Turin unter den besten deutschen Athleten eine Koalition der gehobenen Zeigefinger gebildet. "So kann es nicht weitergehen", sagt etwa Frank Höfle, Vorzeigelangläufer des Teams und zum Auftakt Gewinner der Silbermedaille im Sprint. Verena Bentele, erfolgreich im Biathlon (Bronze) und Langlauf (Gold), assistiert: "Es muß sich etwas tun."
Und Thomas Oelsner, ebenfalls Vielstarter bei den Nordischen und Dritter im Langlauf, glaubt, daß es ein Problem geben werde, "wenn sich nichts ändert". Es geht um fehlende professionelle - oder zumindest halbprofessionelle - Strukturen im deutschen Behindertensport, um die Zukunftsfähigkeit der Mannschaft und um ein Szenario des Rückschritts: Stell dir vor, es sind Paralympics, und die besten Deutschen gehen nicht hin.
Deutsche Modell nicht mehr konkurrenzfähig?
Der ideale deutsche Behindertensportler der Weltklasse müßte viel Zeit und viel Geld haben - das eine, um täglich stundenlang trainieren zu können, das andere, um seine Energie nicht im Beruf, womöglich noch in Vollzeit, zu verbrauchen. Dieses Ideal ist fern, und deshalb hat der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vor Turin getan, was er vorerst tun konnte: Er hat ein sogenanntes Top-Team gegründet - sieben Athleten, die sich für eine bessere Vorbereitung bis zu neun Monate von ihrem Arbeitgeber halbtags freistellen lassen konnten und als Ausgleich monatlich maximal 1.500 Euro erhalten haben. Das ist schön und gut, sagen nun viele, aber nicht gut genug. In Rußland, der Ukraine oder in Kanada etwa seien längst professionelle Behindertensportler am Werk, das deutsche Modell sei nicht mehr konkurrenzfähig - und mit ihm der so unzulänglich geförderte deutsche Spitzenathlet.
Weil das Top-Team Ende März aufgelöst wird und auch die wenigen Mitglieder dann wieder allein auf die deutsche Sporthilfe oder persönliche Sponsoren - die sich eher selten zeigen - angewiesen sind, drohen nun einige Aktive unverhohlen mit Rücktritt. Oelsner etwa, fünfmaliger Sieger bei Paralympics, hat sich seine Forderung an den DBS schon zurechtgelegt: "Entweder ihr bezahlt mich besser, oder ich höre auf."
Pläne auf halbfertigem Fundament
Er sei 35 Jahre alt, also in einem Alter, in dem es nicht mehr um eine Entscheidung zwischen zeitintensivem Sport und beruflicher Absicherung gehen könne. "Ich muß mal langsam für meinen Lebensunterhalt sorgen", sagt Oelsner. Ein Vorhaben, das er mit vielen erfahrenen und überaus erfolgreichen Athleten teilt, ob sie nun Mitglied im Top-Team sind oder nicht. Der 38 Jahre alte Frank Höfle, deutscher Aktivensprecher und zwölfmaliger Goldmedaillengewinner bei Paralympics, weist auf ein unschlagbares Argument hin: daß er neben zwanzig bis fünfundzwanzig Stunden Training in der Woche noch eine Familie mit drei Kindern zu ernähren habe.
Allzuviel Hoffnung kann der DBS seinen um die Zukunft besorgten Spitzenathleten nicht machen. Er hat zwar große Pläne, aber die betreffen erstens die Sommer-Paralympics 2008 in Peking, und sie stehen zweitens auf einem noch nicht einmal halbfertigen Fundament. Statt sieben sollen in einem Top-Team künftig dreißig bis vierzig Sportler gefördert, statt 80.000 Euro etwa eine Million über die Stiftung Deutsche Sporthilfe, den Verband, Förderer, Sponsoren oder Paten zusammengetragen werden.
Mehr geht nicht
Ein Ziel, von dem der DBS noch weit entfernt ist. Man habe noch keinen Geber gefunden, "der einen nennenswerten Betrag auf den Tisch legt", gibt Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb zu. Und selbst wenn: Die Wintersportler hätten nichts davon. "Wir denken an Peking, nicht aber an Vancouver 2010", sagt Hartleb. Daß dem Verband einige seiner erfolgreichsten Athleten demnächst verlorengehen könnten, glaubt er indes nicht. Sportler hörten nicht auf, nur weil die Förderung nachlasse. Und das Argument, daß dieser russische oder jener ukrainische Konkurrent bessere Bedingungen habe, sei zwar verständlich, aber kein Beleg für eine mangelnde Unterstützung durch den DBS. Mehr gehe eben nicht.
Frank Höfle hat im Langlauf über fünf Kilometer gegen den Kanadier Brian McKeever verloren, der als einer der wenigen Stars der Szene gilt. Der sehbehinderte Deutsche, ein Ausnahmeathlet, ist schwäbischer Meister bei den Nichtbehinderten, und er hat Begleitläufer verschlissen, die im A-Kader des Deutschen Ski-Verbandes und WM-Teilnehmer waren. Wie er den Vollprofi McKeever schlagen will, wenn er künftig nur noch sechzehn oder maximal achtzehn Stunden pro Woche trainieren kann, weiß er nicht. Höfle mahnt: "Wir müssen uns entscheiden, ob wir Medaillen gewinnen oder nur noch mitlaufen wollen."
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christian rohloff (elvisthe)
- 13.03.2006, 22:11 Uhr