16.03.2006 · Gegen Ende der Paralympics stellt sich die Frage: War's das wieder für die nächsten vier Jahre? Werden die besten Behindertensportler an den äußersten Rand der großen Bühne Sport weitergereicht, wo man kaum noch Notiz nimmt? Vermutlich ja. Ein Kommentar mit Bilderstrecke.
Von Uwe Marx, SestriereEs gibt wohl kaum eine bedeutende Veranstaltung im Sport, deren Spannungsbogen bis weit nach ihrem Ende reicht. Bei den Paralympics ist das so. Sind die letzten Langläufer im Ziel, die letzten Skifahrer den Hang heruntergerast, die letzten Eishockeyspiele gespielt, dann stellt sich die Frage: War's das wieder für die nächsten vier Jahre?
Werden die besten Behindertensportler nach einem Moment allgemeiner Aufmerksamkeit umgehend an den äußersten Rand der großen Bühne Sport weitergereicht, wo man von ihren Weltmeisterschaften oder Weltcuprennen kaum noch Notiz nimmt? Erleiden also nach Turin auch die vielen Sieger ihre abschließende, ihre immer wiederkehrende Niederlage? Ja, vermutlich.
Alleinstellungsmerkmal: das Anderssein
Alle vier Jahre keimt trotzdem die Hoffnung, weil die Paralympics, dieser Abschluß der olympischen Saison, eine großartige Plattform sind. Daß Sir Phil Craven, der englische Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), diese Plattform kraftvoll nutzen läßt, ist unstrittig. An der anschließenden Zeit des Vergessens aber konnte auch das IPC noch nicht rütteln. Nun teilt der Behindertensport dieses kurze Aufblühen und lange Verschwinden mit anderen: Auch olympische Sportarten wie Judo, Hockey oder Gewichtheben kennen sich damit aus. Allen stellt sich die Frage, wie sie im Verdrängungswettbewerb des Sports bestehen können. Für den Behindertensport funktioniert das wohl nur über ein Alleinstellungsmerkmal: das Anderssein.
Womöglich wäre es ideal, wenn die Behinderung der Athleten überhaupt keine Rolle mehr spielte, wenn es nur um deren sportliche Leistung ginge. Allerdings ist das in einer Branche, in der jeder Bänderriß zur Lebensgeschichte eines Sportlers zu gehören scheint, wirklichkeitsfremd. Es sollte allerdings so sein, daß die Behinderungen ihren Platz nicht vor, sondern hinter den wesentlichen Fragen haben: Sind die Wettkämpfe spannend? Die Leistungen bemerkenswert? Die Sportler interessant? Wer sich auf Behindertensport einläßt, wird keine dieser Fragen verneinen.
Wenig Geld, viel Idealismus und Zeitaufwand
Das Anderssein betrifft aber auch gewisse Gepflogenheiten. In Zeiten des Jugendwahns gibt es hier eben auch Teilnehmer und sogar Sieger jenseits der Vierzig. Und anders als bei den Nichtbehinderten, wo die Spezialisierung immer weiter voranschreitet, gibt es Langläufer, die auch Biathleten sind, und jede Menge Skifahrer, die in allen vier alpinen Disziplinen starten. Das mag ungewohnt sein, ist aber eben nur anders und nicht weniger respektabel.
All diese ganz speziellen Stärken aber sind wirkungslos, wenn es keine deutschen Erfolge gibt und keine Gesichter, die für den Behindertensport hierzulande stehen - dieses Grundgesetz gilt auch hier. Die deutsche Mannschaft wird im Medaillenspiegel wieder einen vorderen Platz einnehmen. Aber ob sie ihre Spitzenposition von Salt Lake City 2002 verteidigt, ist noch nicht ausgemacht, denn die internationale Konkurrenz ist größer geworden. Zusätzlich wird sich nach Turin die Frage stellen, ob Weltklasseleistungen mit vergleichsweise wenig Geld, dafür aber viel Idealismus und Zeitaufwand noch möglich sein werden. Es bleibt also spannend. Fragt sich nur, wer davon noch etwas mitbekommt. In Zeiten, in denen deutsche Sender live Fußballduelle zwischen dem Fünfzehnten der englischen und dem Fünften der italienischen Liga übertragen und die Paralympics ignorieren, ist das Schlimmste zu befürchten.