24.02.2006 · Die Dopingtests von zehn österreichischen Olympiateilnehmern haben negative Ergebnisse gebracht, trotzdem gibt es keine Entwarnung für die Mannschaft. Die italienischen Ermittler glauben, genügend Beweise zu haben, um gegen die Athleten vorgehen zu können.
Die Dopingtests von zehn österreichischen Olympiateilnehmern haben negative Ergebnisse gebracht, trotzdem gibt es keine Entwarnung für die rot-weiß-rote Mannschaft.
Am Freitag abend gab das Internationale Olympische Komitee (IOC) sechs Tage nach der Razzia der italienischen Polizei in den österreichischen Privatquartieren in San Sicario und Pragelato bekannt, daß keine verbotenen Stoffe in den Urinproben der zehn Athleten gefunden wurden. Sechs Skilangläufer und vier Biathleten der Olympia-Mannschaft waren von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) getestet worden.
Ermittlungen gegen Biathleten Perner aufgenommen?
Trotz der negativen Resultate müssen die Österreicher Sanktionen seitens des IOC befürchten. Laut IOC-Doping-Reglement ist auch der Versuch des Einsatzes von unerlaubten Substanzen oder Methoden untersagt. Gleiches gelte für den Besitz von verbotenen Substanzen oder Methoden. Die Disziplinarkommission des IOC wird sich in Kürze mit dem Fall befassen. Das Ergebnis der Dopingproben verkündete IOC-Sprecherin Giselle Davies auf einer Pressekonferenz. Der österreichische Skiverband (ÖSV) hatte auf einer Pressekonferenz unter der Woche zugegeben, daß die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann „möglicherweise verbotene Methoden angewendet“ hätten. Beide hatten sich wie auch Cheftrainer Emil Hoch nach der Razzia abgesetzt und dem Zugriff der Carabinieri durch Flucht entzogen.
Die italienischen Ermittlungsbehörden glauben, genügend Beweismaterial zusammengetragen zu haben, um gegen österreichische Olympia-Starter vorgehen zu können. Das erklärte Staatsanwalt Ciro Santoriello. Seiner Meinung nach kann das IOC Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Nach Informationen des österreichischen Fernsehens ORF hat die Turiner Staatsanwaltschaft bereits Ermittlungen gegen Perner aufgenommen. Er soll angeblich derjenige österreichische Sportler gewesen sein, der bei der Razzia der italienischen Dopingfahnder am vergangenen Samstag im Quartier in San Sicario einen Beutel mit Utensilien aus dem Fenster geworfen hat. Perner droht eine Anklage wegen Dopingverdachts. Von dem Athleten selbst gibt es keine Bestätigung, daß die Staatsanwaltschaft in Italien gegen ihn ermittelt.
„Sie haben nonstop getrunken“
Die Ermittlungsbehörden sind überzeugt, daß bei den Österreichern nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. „Teile der Zeugenaussagen, die uns vorliegen, haben bestätigt, daß das IOC Sanktionen gegen die Athleten ergreifen kann. Aber solange die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, können wir diese Beweise nicht dem IOC übergeben“, sagte Staatsanwalt Santoriello. Am Freitag hatte die Turiner Staatsanwaltschaft außerdem den Sportdirektor des österreichischen Skiverbandes (ÖSV), Markus Gandler, in Sestriere vernommen. Laut Santoriello sei auch das Verhalten der österreichischen Athleten verdächtig gewesen, nachdem die rund 100 Carabinieri am vergangenen Samstag die Durchsuchungen in den Quartieren in San Sicario und Pragelato begonnen hatten.
„Als die Polizei eintraf, haben die Athleten schon geschlafen. Stellen sie sich vor: Die Polizei kam rein, machte das Licht an, die Athleten haben ins Licht geblinzelt. Und als erstes haben sie zu Flaschen gegriffen und angefangen, Wasser zu trinken. Die Flaschen waren am Ende des Betts deponiert. Sie haben nonstop getrunken, einen Liter, anderthalb Liter. Glauben sie mir, sie haben nicht getrunken wie sie und ich. Es schien für sie dringend, ja lebenswichtig zu sein“, so Santoriello.
95 Prozent Asthmatiker
Außerdem habe ein Österreicher versucht, von der Polizei beschlagnahmte Produkte wieder an sich zu nehmen. Santoriello: „Die österreichischen Athleten haben sich nicht korrekt verhalten. Einer griff nach den Materialien, die wir beschlagnahmt haben, ein anderer hat einen Beutel mit Gegenständen aus dem Fenster geworfen. Dieses Verhalten hat keinen guten Eindruck hinterlassen.“
Laut Angaben des Ermittlers seien 95 Prozent der kontrollierten österreichischen Athleten aus dem nordischen Bereich Asthmatiker, dies sei sonderbar bei Hochleistungssportlern: „Das Dossier beinhaltet viele sonderbare Verhaltensmuster.“ Es wurde Salbutamol, ein Mittel für Asthmatiker, in großen Mengen gefunden. Alle hätten auf ihre medizinischen Indikationen verwiesen. Santoriello: „Wir werden das überprüfen.“ Er erklärte weiter, daß es noch fünf bis sechs Monate dauern werde, bis die Ermittlungen in Italien abgeschlossen seien. Erst dann könnten die Resultate dem IOC zur Verfügung gestellt werden.
Auch das Nationale Olympische Komitee von Österreich (ÖOC) hat einen Untersuchungsausschuß unter Vorsitz von Dieter Kalt und unter Einbeziehung von Abfahrts-Olympiasieger Franz Klammer eingesetzt.
Unterdessen will der ehemalige österreichische Biathlon-Trainer Walter Mayer IOC-Präsident Jacques Rogge wegen Rufschädigung verklagen. „Für mich ist Mayer jener Mann, der Doping organisiert“, hatte Rogge erklärt. Der Rechtsbeistand des vom ÖSV inzwischen entlassenen Mayer, Herwig Hasslacher, möchte eine Zurücknahme der Aussagen von Rogge erreichen.