08.03.2006 · Rasantes Tempo, hoher körperlicher Einsatz, blitzschnelle Aktionen und sehenswerte Paraden: Sledge-Eishockey ist die Attraktion bei paralympischen Winterspielen. Das deutsche Team ist Europameister und hofft in Turin auf die Bronzemedaille.
Von Lucia Lenzen, MellendorfÜber den Dingen zu stehen ist hier zwecklos: Dieser Sport steigert unweigerlich die Lust, sich auch einmal tieferlegen zu lassen, wenige Zentimeter hoch auf einer einzelnen Kufe unter dem Gesäß über das Eis zu jagen, Frost in der Nase und aufgekratzten Eisstaub auf der Haut zu spüren.
Die vergitterten Gesichter der deutschen Nationalmannschaft im Sledge-Eishockey - dem sitzenden Pendant zum Eishockey der Fußgänger - lassen derlei Empfindungen nur erahnen. Nachdem der samstägige Besucherstrom die Eishalle verlassen hat, gehört die blankpolierte Fläche ihnen. "Das sind die Behinderten", entfährt es einem jungen Eisfräulein noch, als es die Mannschaft auf Krücken oder Oberschenkelstumpfe und Fäustlinge gestützt aus der Umkleide steigen sieht.
Schlittenpiloten als leidenschaftliche Puckjäger
Es ist die Geschwindigkeit und nicht das Kalkül, das die Sportler zum Sledge-Eishockey lockt. Auf dem Eis verwandeln sich die Schlittenpiloten in leidenschaftliche Puckjäger, sind ganz nah dran an ihrem Medium und ihrem nahenden Auftritt in Turin. Elf Monate ist es her, daß die Mannschaft in Tschechien Europameister wurde und sich somit für die an diesem Samstag beginnenden Paralympischen Winterspiele qualifizierte. In Turin gelten die internationalen Regeln: Dreimal fünfzehn Minuten werden gespielt, jeweils sechs Spieler befinden sich auf dem Eis, gewechselt wird ebenfalls auf der Fläche. Die zwölf deutschen Spieler, die mitdürfen, sind gezählt.
Um mit den Olympia-Konkurrenten aus Kanada, Schweden und Norwegen mithalten zu können, holte Nationaltrainer Michael Gursinsky die Rasantesten aus den eigenen Reihen. Zu denen zählt auch Sebastian Kessler, ihm fehlen von Geburt an die Beine. Mit seinen langen Armen aber sticht der junge Engelskirchener jeden aus. In Doppelschubmanier bewegt er sich mit den beiden Schlägern vorwärts. Kleine scharfe Metallzacken am Holzende machen das Abstoßen auf dem Eis erst möglich, gleichzeitig dienen die Stöcke der Balance und dem beidseitigen Abspiel des Pucks - bei kurzer Gewichtsverlagerung nach hinten auch unter dem angelupften Schlitten hindurch. Mit drei bis vier Schüben an der langen Seite zieht Kessler im Staffellauf an den Kollegen vorbei.
Quetschungen, Atemnot, Schnittverletzungen
"Wichtig ist, daß der Oberkörper ab Hüfte fit ist", erklärt Gursinsky. Auch sei es von Vorteil, kompakt zu sein. Ein Querschnittsgelähmter zum Beispiel habe international weniger Chancen. Die Beine seien zusätzliches Gewicht und der lange Schlittenbogen bei manchem taktischen Manöver hinderlich. In diesem Leistungssport ist man ehrgeizig, direkt und wenig zimperlich.
Vor allem auf dem Eis. Krachend fliegen die Schlitten immer wieder gegen die Bande. Durch die tief sitzenden Oberkörper kommt es oft zu Quetschungen, Atemnot, hin und wieder auch zu Schnittverletzungen durch die scharfen Zacken des Schlägers. Besonders boshaft und regelwidrig, aber platzschaffend und deshalb gebräuchlich ist der seitliche Hieb in die Schwachstelle, der empfindlichen Zone zwischen Brustpanzer und Hüfte. Ob diese Maßnahme auch in Turin zum Einsatz kommt? Vielleicht zur Notwehr, im Spiel gegen Kanada, den Favoriten. An deren sportliche Stärke kommt man mit deutschen Verhältnissen eben noch nicht heran. "Jedes NHL-Team hat eine eigene Sledge Mannschaft", beschreibt Gursinsky den Motor kanadischen Erfolgs. Zudem habe man dort Eisflächen wie Deutschland Fußballfelder.
Der Trainer spekuliert auf Bronze
Auf die Bedürfnisse im Sledge-Eishockey ausgerichtete Eishallen wie in Übersee findet man hierzulande erst in Köln und Bremen. Trainiert wird aber ebenso in Dresden, Hannover, Heidelberg und Kamen. Seit der Saison 2000/2001 findet ein regelmäßiger Bundesligabetrieb statt, mittlerweile hat fast jeder Verein einen eigenen Fanklub, und die Spiele werden gut besucht. Was der deutschen Sledge-Eishockey-Nationalmannschaft zu einem großen Privileg, einem eigenen Sponsor verhalf - Radisson SAS ist bereits im dritten Jahr Partner. Ohne dessen Unterstützung könnte sich die Mannschaft weder die Eiszeiten in Mellendorf, noch die entsprechende, international gefertigte Ausrüstung leisten. Und auch Reisen zu internationalen Wettkämpfen wären ohne den Sponsor unmöglich. Die finanzielle Rückendeckung machte es auch möglich, daß das deutsche Team mit dem Europameistertitel im Gepäck optimistisch nach Turin fährt. Der Trainer spekuliert auf Bronze.
Gelingt dies nicht, könnte es außerhalb der Bande radikal werden. Zwischen jeder Partie der Mannschaft liegen drei Tage: Zeit, um eine eventuell verlorengegangene Partie auseinanderzunehmen, Schuldige zu suchen und zu finden. "Ich hab' ein wenig Angst, daß sich die Jungs untereinander zerfleischen", sagt Gursinsky. Denn auch wenn der Ton auf dem Eis ein anderer ist - hinter den vergitterten Gesichtern steckten ganz sensible Sportler.