26.02.2006 · Die Olympischen Spiele sind auf die Zielgerade eingebogen. Es macht sich Abschiedsstimmung und Müdigkeit breit im Gebirge rund um Turin - und schon bald werden sich die Wintersportler aus dem Bewußtsein verabschieden. Schneetreiben - die FAZ.NET-Kolumne.
Von Achim Dreis, SestriereDie Olympischen Spiele sind auf die Zielgerade eingebogen. Und es macht sich Abschiedsstimmung und Müdigkeit breit im olympischen Gebirge. So langsam kann man den ganzen Schnee und die vielen Sieger nicht mehr sehen. Wieder eine deutsche Medaille im Biathlon? Schön. Wieder ein gedopter Österreicher auf der Flucht? Na und?
Alle Analysen sind geschrieben, es wurde genug gesagt über Stimmung, Verkehr und Gold, Silber, Bronze. Man sitzt auf gepackten Koffern und wartet auf die Schlußfeier. Auch unser improvisiertes Büro im Grand Hotel Sestriere wird abgebaut und seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt - als Abstellraum.
Bar-Musik und Gold-Fieber im Büro
Hier war unsere Not-Gemeinschaft zuletzt zuhause: zwölf Leute von vier Medien, im Schichtbetrieb an sieben Schreibtischen auf 15 Quadratmetern. Hier wurden Texte geschrieben, als nebenan im Foyer ein Dutzend Franzosen (ein Skiausrüster hatte seine Dependance im Keller) und Norweger (der norwegische König Harald V. residierte mit Hofstaat im kompletten vierten Stock) vor dem Großbildfernseher lautstark beim Kampf ihrer Landsleute Vincent Defrasne und Ole Einar Björndalen um Gold im Biathlon-Jagdrennen mitfieberten. Hier wurden Fernsehbeiträge auf Takt geschnitten, auch wenn die Bar-Sängerin am Klavier die eigene Musik im Kopfhörer übertönt.
17 Tage dauerten diese Winterspiele. Genauso lang wie die Sommerspiele, obwohl da viermal so viele Athleten am Start sind. Muß wohl mit der Vermarktung des Produkts zu tun haben. Sei's drum, denn eigentlich ist es ja toll bei Olympia. Am Anfang wollten wir noch zu jedem Wettkampf. Dann zumindest noch alles am Fernseher verfolgen. Am Schluß wurden die freien Stunden zum Ausschlafen oder zum eigenen Skifahren genutzt. Am liebsten in Montgenèvre oder Serre Chevalier, gleich hinter der Grenze in Frankreich. Da ist Olympia-freie Zone.
Abschied aus dem Bewußtsein
Das bevorstehende Ende von Olympia heißt auch, sich vom Ballast der letzten Tage zu verabschieden; von dem ganzen Papierkram der wochenlangen Vorbereitung, den umfangreichen Statistiken und Weltcuplisten, den gewagten Prognosen und klugen Analysen: Alles Schnee von gestern. Es haben doch immer andere gewonnen. Was tun damit? Knicken, lochen, abheften oder gleich wegschmeißen?
Doch nach den Spielen ist vor den Spielen. Und die nächsten Großereignisse werfen ihre Schatten voraus: Winterspiele in Vancouver 2010. Sommerspiele in Peking 2008. Und natürlich die Fußball-WM in diesem Sommer im eigenen Land. Von sofort an wird König Fußball alles überlagern. Die Wintersportler verabschieden sich aus dem Bewußtsein. Einige haben noch ihr Weltcupfinals bis weit in den März hinein, aber die meisten treffen wir erst wieder im Dezember. Bei den Jahresrückblicken. Dann heißt es: „Weißt du noch bei Olympia? Schön war's.“