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Bilanz Olympia als optische Täuschung

27.02.2006 ·  Wer auf der Suche nach dem roten Faden von Turin gewesen sein sollte, konnte nicht fündig werden. Es gab liebenswerte Sieger, böse Buben, leere Tribünen und singende Fans - aber kaum etwas wird von diesen Olympischen Spielen haften bleiben. FAZ.NET-Bildergalerie.

Von Roland Zorn, Turin
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Zum guten Schluß das große Feuerwerk, und dann war wieder Alltag in Turin. Wieder? Alltag war eigentlich immer in der Kapitale Piemonts, auch während die olympischen Sonn- und Feiertage der Stadt ein zusätzliches Gepräge und Gepränge gaben.

Turin, die oft etwas kühle königliche Residenz von Anno dazumal und etwas spröde Heimat der Agnelli-Dynastie, hat die XX. Winterspiele gut verkraftet, so wie sich Olympia in der von 900.000 Menschen bewohnten großen Stadt wohl fühlte. In der Zeit der nanosekundenschnell verbreiteten Bilder einer globalen Gesamtinszenierung zerflossen die optischen Unterschiede zwischen dem Eigenleben der Stadt und der Selbstbezogenheit der Spiele.

Kein roter Faden

Kamera an, Show läuft, nach dieser Vorgabe entstand vor Millionen Fernsehzuschauern in aller Welt ein Festival, dessen virtueller Wert sich erst gar nicht an der räumlichen und tatsächlichen Wirklichkeit messen lassen wollte.

Olympia-Bilanz mit Bildergalerie

Olympia ist längst die perfekte optische Täuschung. Das haben auch die am Sonntag mit einem Mannschaftssieg der Deutschen zu Ende gegangenen 16 Wettkampftage der jüngsten Winterausgabe des Weltsportfests gezeigt. Sich in dieser Kunstwelt mit Naturkulisse zurechtzufinden ist indes immer schwerer geworden, mag auch alles transparenter und leichter beherrschbar anmuten. Wer also auf der Suche nach dem roten Faden von Turin gewesen sein sollte, konnte bei diesem Ereignis auf dem Planeten Olympia nicht mehr fündig werden. So wie die vielen bewegten Momentaufnahmen auf den Bildschirmbatterien im Medienzentrum zur geteilten Aufmerksamkeit für dieses und jenes einluden, so gesplittet wurden die athletischen Auftritte der Neben- und Hauptdarsteller wahrgenommen.

Geraubte Illusion von schneeweißen Spielen

Da waren einerseits die oft liebenswerten großen Sieger der Spiele, etwa der dreifach vergoldete neue deutsche Biathlonvorkämpfer Michael Greis, die österreichische Skirennläuferin Michaela Dorfmeister oder die italienische Eisschnellauf-Entdeckung Enrico Fabris - Menschen, die im Supermann- oder Superfraugewand weder an- noch abreisten. Da waren aber auch die bösen Buben und Spielverderber wie der im Blutdoping bewanderte und von Olympia eigentlich ausgeschlossene österreichische Trainer Walter Mayer.

Dessen vom Team Austria zumindest nicht unterbundener Besuch in den Bergen rund um Sestriere wirbelte nicht nur viel Schnee auf, er raubte auch den letzten Phantasten die Illusion von schneeweißen Spielen. Doch das fast schon trottelhaft wirkende österreichische Kolportagebubenstück mit negativen Dopingproben, diversen Fluchtbewegungen, einem Autocrash und dem nicht zu verscheuchenden Verdacht, da warte noch ein postolympisches Großreinemachen auf die olympischen Netzbeschmutzer, war auch nur eine dunkle Facette im Turiner Vielfarbenspektrum.

Täuschend echte Winterimpressionen

Die Welt ist durchschaubar und undurchschaubar zugleich - so auch diese Spiele, die ohne den Coubertinschen Geist gut auskamen. Alles war am Schauplatz Turin und an den montanen Nebenstellen zu haben: täuschend echte Winterimpressionen aus dem Sestrierer Retortenbiotop, wahre Turiner Partystimmung am Herzstück der Spiele, der Medal Plaza, seit heute wieder Piazza Castello, traumverlorene Theateraufführungen auf dem Kunstlaufeis des Palavela oder die diesmal allerdings oft mißglückte Starparade der mit Millionenverträgen ausstaffierten Möchtegern-Heroen. Vielleicht mag es manchen getröstet haben, daß von vornherein ausgedeutete Protagonisten wie Bode Miller, das Team Canada im Eishockey oder Giorgio Rocca auch nach Olympia weiter von Gold, Silber oder Bronze träumen müssen. So weit, daß ein olympischer Starregisseur die international längst renommierten Sportgrößen auf Knopfdruck triumphieren läßt, sind die Spiele noch nicht.

Gut so, da der Sport auch in Turin und seiner ferneren Bergumgebung unter allen nicht manipulierten Umständen immer einen Platz für Überraschungen findet und damit seine originäre Substanz behauptet. Gerade bei diesen Spielen staunten die oft viel zu wenigen Zuschauer bis zum nicht vorhergesagten Finale im Eishockey immer wieder über die Volten der Wettkampfdramaturgie. Sie halfen denjenigen, die dabei waren, über manchen Matschspritzer und manches Transportproblem hinweg. Wer dabei war, hat die Stadt, die auch in Zukunft keine Stadt des Wintersports sein wird, nicht ungern verlassen, ohne auf die Turiner böse zu sein.

Olympia war hier und ist ganz schnell wieder gegangen. Nach seinen Spuren wird man später suchen. Wer nicht fündig werden sollte, muß kaum traurig sein. Die Stadt bleibt auch ohne Spiele eine Reise wert.

Quelle: F.A.Z. vom 27. Februar 2006
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