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Traunstein Die Kruzifixe durften bleiben

03.05.2005 ·  Die Stadt Traunstein, wo der Papst zur Schule ging, setzt sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Ratzinger war zwar wie alle Mitglied der Hitlerjugend, stand aber als Schüler des Priesterseminars am Pranger

Von Ariane Neumann
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Franz Mitterreiter versteht die Welt nicht mehr. Der 74 Jahre alte Handwerker aus der Umgebung von Traunstein, wo der neue Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, seine Jugendjahre verbracht hat, ist verärgert darüber, wie über den Papst und das Traunsteiner Studienseminar St. Michael in einigen Zeitungen berichtet wurde.

"Das waren keine Nazis", sagt er, "die Seminaristen und Joseph Ratzinger waren zwangsweise in der Hitlerjugend!" Weil seine beiden verstorbenen Brüder Alois und Ludwig zur gleichen Zeit wie die Brüder Joseph und Georg Ratzinger das katholische Knabenseminar oberhalb der Stadt besuchten, weiß er, wie man damals dachte: "Sie wurden unten in der Stadt schikaniert und beschimpft."

NSDAP hatte in Traunstein 1933 keine Mehrheit

Als Sitz der Landkreisverwaltung war Traunstein Ende der dreißiger Jahre, als die Familie Ratzinger sich in Hufschlag vor den Toren der Stadt niederließ, eine mittelständische, katholisch geprägte Behörden- und Schulstadt mit 10000 Einwohnern. Bei den letzten freien Reichstagswahlen von 1933 hatten 34 Prozent der Traunsteiner für die nationalkonservative Bayerische Volkspartei und 31 Prozent für die NSDAP gestimmt.

"Daß die NSDAP hier nicht die Mehrheit hatte, war etwas Besonderes für Bayern", sagt Gerd Evers, der über die Geschichte Traunsteins zwei Bücher veröffentlicht hat. Er schätzt, daß die Partei in den dreißiger Jahren hier tausend Mitglieder hatte.

Parteitreue erhielten wichtige Posten

Schon 1922 war in Traunstein einer der ersten Ortsverbände der NSDAP gegründet worden. Nach der Machtergreifung wurden wichtige Posten in der Stadt mit parteitreuen Leuten besetzt. Das sei aber "kein Traunsteiner Phänomen" gewesen, sagt der Stadtarchivar Franz Haselbeck.

Von 1936 an sei auch die Traunsteiner Presse gleichgeschaltet gewesen: Die städtische Zeitung, das "Traunsteiner Tagblatt", wurde vom nationalsozialistischen "Chiemgauboten" vereinnahmt. Traunstein sei aber "keine braune Stadt gewesen", ergänzt Gerd Evers. Die einzige jüdische Familie der Stadt, die Familie Holzer, sei 1938 in der Reichspogromnacht nach München gebracht worden.

Seminaristen hatten wenig Zeit für Außerschulisches

Oberhalb der Stadt befand sich das katholische Studienseminar St. Michael, das Joseph Ratzinger besuchte. Michael Kardinal Faulhaber hatte es 1929 gegründet, um begabte Knaben aus der Region auf den Priesterberuf vorzubereiten. "Viele Seminaristen waren arme Bauernsöhne aus der Gegend, die bei der Erzdiözese darum bitten mußten, daß ihnen die hundert Reichsmark Gebühren für das Internat erlassen wurden", erzählt Thomas Frauenlob, der heutige Direktor.

Der Stundenplan verlangte nicht wenig von den 140 Knaben, die wie Joseph Ratzinger das Seminar besuchten. Unter der Aufsicht von sechs Priestern und bis zu 15 Schwestern mußten sie morgens um sechs Uhr aufstehen, Sport treiben, die Messe besuchen und in Zweierreihen zusammen zur Schule in die Stadt gehen.

Den Nachmittag bestimmten neben der religiösen Erziehung Studierstunden sowie Musik und Sport. "Joseph Ratzinger war aber, was Sport betrifft, nicht so begabt", erzählt Thomas Frauenlob. "Er hat oft am Rand gestanden." Zeit für Besuche in der Stadt gab es nur wenig.

Am Gymnasium unterrichteten auch Nazis

Das humanistische Gymnasium lag am Ende der Straße, die vom Seminar aus hinunter nach Traunstein führte. Dort wurden die katholisch erzogenen Knaben zusammen mit den anderen Schülern unterrichtet. Nicht wenige Lehrer waren Nazis. Unterricht und Schulalltag waren von der Zeit geprägt.

So mußten im Deutschunterricht Schulaufsätze mit der Aufgabe geschrieben werden: "Wie erklären sich die Erfolge unserer Wehrmacht?" Lehrer, die nicht im Sinne des Regimes unterrichteten, liefen Gefahr, von Schülern aus der Hitlerjugend (HJ) denunziert zu werden und ihre Anstellung zu verlieren.

"Die Seminaristen wußten aber genau, was sie von all dem zu halten hatten", sagt Thomas Frauenlob. "Die Knaben waren von ihrer religiösen Erziehung im Internat geprägt und konnten sehr wohl unterscheiden."

Mit Erlaß vom 9. Dezember 1940 wurde das Seminar aufgelöst. Die Knaben wurden als Notlösung in katholischen Traunsteiner Familien untergebracht. Tagsüber gingen sie weiter zum Gymnasium.

Zwangsweise Aufnahme in die Hitlerjugend

"Joseph Ratzinger hat dann vermutlich wieder bei seiner Familie gewohnt", erzählt der Traunsteiner Joseph Friedrich Schmidt, der zwar die Realschule besuchte, aber den neuen Papst auf dem gemeinsamen Schulhof kennenlernte und auch nach dem Krieg immer wieder traf. Von 1941 an diente das Gebäude den Nationalisozialisten als Lazarett.

Im selben Jahr wurde Joseph Ratzinger mit 14 Jahren - wie alle anderen Seminaristen seit 1939 - zwangsweise in die Pflicht-HJ aufgenommen. Die Pflicht-HJ sei jedoch nicht mit der Stamm-HJ gleichgestellt gewesen, erzählt Joseph Schmidt.

Daher konnten die Anträge auf Schulgeldermäßigung abgelehnt werden, weil die "erzwungene Dienstleistung" in der HJ nicht Gewähr dafür bot, "daß sich die Zöglinge des Seminars nun auch wirklich in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft eingegliedert haben", schreibt Evers. Der damalige Seminardirektor Mayr habe bis zum Schluß versucht, die Anmeldungen hinauszuzögern.

Seminaristen waren für die Partei ein rotes Tuch

Franz Mitterreiter kann sich jedoch nicht erinnern, daß seine beiden Brüder oder Joseph Ratzinger Anfang der vierziger Jahre mehr als ein- oder zweimal zu den Veranstaltungen der HJ hätten gehen müssen. Er wird nicht müde hervorzuheben, daß die Zusammenhänge nach der Wahl des Papstes vor allem in britischen Zeitungen falsch dargestellt worden seien: "Die Seminaristen waren ein rotes Tuch für die Nazis und standen immer unter dem Verdacht, Widerstand gegen das Regime zu leisten."

Schmidt hat Ratzinger als "schmächtigen Burschen" in Erinnerung. Wie alle Seminaristen wurde er 1943 als Flakhelfer in die Nähe von München abkommandiert. Ein Ausweichen habe es damals für sie nicht gegeben.

Auch Joseph Schmidt, der selbst in der "Allgemeinen HJ" war und von 1940 an viermal pro Woche zum Dienst und zum vormilitärischem Training mußte, glaubt, "daß es möglich war, daß die Seminaristen sich in Traunstein dem Dienst entziehen konnten".

Traunsteins Pfarrer wurde in Haft genommen

Die Ausstattung der HJ sei damals so schlecht gewesen, erzählt er, daß die Seminaristen auch keine HJ-Uniform gehabt hätten. Schmidt kann bestätigen, daß die Seminaristen "in der Stadt angefeindet" wurden, weil sie den "Pfarrer-Lehrberuf" ergreifen wollten. Gerd Evers sagt: "Die Nationalsozialisten hatten das Seminar unter Generalverdacht."

Die Kirche war den Nationalsozialisten in Traunstein offenbar ein Dorn im Auge. Die HJ habe nicht nur ihre Treffen zu den Zeiten des Gottesdienstes veranstaltet. Sie habe sich auch "ganz bewußt" auf dem Stadtplatz vor der Pfarrkirche St. Oswald versammelt und durch Pfeifkonzerte und Trommeln versucht, die Predigten des Pfarrers Joseph Stelzle zu stören, berichtet Gerd Evers.

Der Stadtpfarrer war schon 1934 in "Schutzhaft" genommen worden, weil er gegen die Nationalsozialisten gepredigt hatte, aber nach kurzer Zeit wieder entlassen worden.

Widerstand gegen die Entfernung von Kruzifixen

Der 75 Jahre alte Alfred Staller, der damals in Traunstein zur Volksschule ging, erinnert sich, daß die Kinder montags in der Schule gefragt wurden, ob sie am Sonntag in der Kirche gewesen seien. "Man ist beschimpft worden, wenn man ja sagte."

Diejenigen, die gingen, hätten fortan bei der Frage geschwiegen. Als die Nationalsozialisten 1941 jedoch die Kruzifixe aus den Schulen entfernen wollten, regte sich Widerstand in Traunstein: Mehr als 2000 Frauen, sagt Gerd Evers, hätten mit Erfolg auf dem Stadtplatz dagegen protestiert.

Schriftsteller Bernhard stellt die Stadt zu einseitig dar

In seinem autobiographisch geprägten Buch "Ein Kind" läßt der 1931 geborene Schriftsteller Thomas Bernhard, der wie Ratzinger Ende der dreißiger Jahre als Kind in Traunstein aufwuchs, kein gutes Haar an der Stadt. "Lieber Selbstmord als Traunstein" sagt Bernhards Großvater dort sinngemäß und schimpft über die "Niederungen des Kleinbürgertums", wo "der Katholizismus sein stumpfsinniges Zepter" schwinge.

Dem jungen Bernhard fielen die "betenden schwarzen" und die "schreienden braunen Massen" sonntags in der Stadt auf. Beim Kreistag der Nationalsozialisten von 1939 beobachtete er auf dem Stadtplatz "zehntausende sogenannte Braunhemden mit Hunderten von Fahnen nationalsozialistischer Gruppen".

Bernhards Darstellung unterscheidet sich jedoch von dem, was die Traunsteiner von damals über den Kreistag berichten. Die Ereignisse seien nicht wahrheitsgetreu wiedergegeben. "Sicher wußten alle von den Aufmärschen in der Stadt", meint Joseph Schmidt. Es sei aber, das bestätigt Franz Mitterreiter, möglich gewesen, nicht dorthin zu gehen.

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