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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Papstwahl Der große Bruder des Kardinals

 ·  Georg Ratzinger, der ehemalige Domkapellmeister, telefoniert auch vor dem Konklave mit seinem Bruder, dem Kardinal Joseph Ratzinger. Um Geheimes geht es jedoch nicht.

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An sein erstes Zusammentreffen mit dem kleinen Bruder kann sich Georg Ratzinger nicht erinnern. Er weiß nur noch, daß am Karsamstag des Jahres 1927 in seinem Elternhaus im oberbayerischen Marktl am Inn eine seltsame Unruhe herrschte und daß ihn die Eltern nicht zur rechten Zeit weckten. Nach einiger Zeit des wachen Wartens entschloß sich der Dreijährige schließlich zu fragen. "Vater, darf ich aufstehen?" Mit der Antwort konnte der Junge zunächst nicht viel anfangen: "Nein, du mußt noch weiterschlafen, wir haben ein Büblein bekommen."

Der nächste Gedächtnissplitter zeigt Georg zusammen mit seiner älteren Schwester Maria: Weil es graupelte, mußten sie daheimbleiben, während Mutter und Vater den Säugling noch am Tag seiner Geburt in einer nahen Kirche auf den Namen Joseph taufen ließen. Wer auf die kleinen großen Geschwister des Täuflings aufpaßte, hat Georg Ratzinger vergessen. In Erinnerung ist ihm aber noch, daß das neue Brüderchen so gut wie nichts bei sich behalten konnte - außer Haferschleimsuppe. "Die ißt er noch heute gern.

Der Domkapellmeister

Vor bald elf Jahren hat der 81 Jahre alte Prälat das Amt des Domkapellmeisters der Regensburger Domspatzen, das er seit 1964 ausgeübt hatte, an einen Jüngeren abgegeben. Georg Ratzinger lebt mitten in der Regensburger Innenstadt, wo sich Kapellen mit Bäckereien und Modeketten abwechseln, wo sich japanische Touristen durch Rokokokirchen schleusen lassen und Nonnen auf klapprigen Fahrrädern unterwegs sind. Sechs Ruhestandspriester sind sie im Kollegiatsstift von den beiden Johannes, dem Täufer und dem Evangelisten. Jeden Morgen um sieben feiern sie einen Gottesdienst. Georg Ratzinger kann wegen seiner Sehschwäche nur noch konzelebrieren.

Sein kleiner Bruder, der Kardinal, ist seit dem Tod Johannes Pauls II. und vor Beginn des Konklave am kommenden Montag in aller Munde - als Dekan des Kardinalskollegiums im Vatikan und sogar als Papabile, als möglicher neuer Papst. Maria Ratzinger, die Schwester, führte Joseph Ratzinger den Haushalt, seit er seinen ersten Lehrstuhl als ordentlicher Professor in Bonn hatte, und ging später auch mit ihm nach Rom. Sie ist an Allerseelen 1991 gestorben.

Sonntags wird telefoniert

Die Brüder haben erst vor vier Tagen telefoniert, wie jeden Sonntag nachmittag. Georg Ratzinger fährt dann immer mit dem Bus aus Regensburg hinaus nach Pentling. Aus Josephs Haus in dem Vorort ruft er im Vatikan an und meldet, "daß es noch steht". Sein knapp 78 Jahre alter Bruder, der zwei Tage zuvor die Totenmesse für Papst Johannes Paul II. zelebriert hatte, habe ein bißchen müde geklungen, "aber nicht abgeschafft".

Gilt die Schweigepflicht der Kardinäle vor der Papstwahl auch gegenüber dem eigenen Bruder? "Ich frage ihn nichts, was ihn in Verlegenheit bringen könnte", sagt Georg Ratzinger diplomatisch. Die Brüder sprechen am Telefon viel über Alltägliches, über gemeinsame Bekannte oder Dinge, die sie im Radio gehört haben. "Das lenkt ihn ab und entspannt ihn", erzählt Georg Ratzinger. Viermal im Jahr kommt der Kardinal den Prälaten in Regensburg besuchen und geht zum Grab der Eltern. Die Brüder essen mittags bei Georg in der Stadt und abends in Pentling bei Joseph. Dann spülen sie gemeinsam ab.

So nah sie sich auch sind - Georg Ratzinger sieht doch Unterschiede. "Er ist eben doch sehr rational", sagt der musikalische Prälat über den professoralen Kardinal. "Er war ein Spitzenschüler, sehr konzentriert von Jugend an. Als Älterer war ich aber schon sein Ansporn." Er selbst habe sich schon als Junge stärker zur Musik hingezogen gefühlt.

Der Krieg trennt die Familie

Zwei Jahre nach Josephs Geburt, 1929, zog die Familie nach Tittmoning an der Salzach, 1932 nach Aschau am Inn. In den dreißiger Jahren kaufte der Vater, der bei der Landpolizei arbeitete, von seinen Ersparnissen ein kleines Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein. Auf der Wiese vor dem Haus mit der Scheune spielten die Brüder Ball, im nahen Wald sammelten sie Beeren und Holz zum Heizen.

Als Katholik sah der Vater in den Nationalsozialisten nicht nur Feinde des Glaubens und der Kirche, sondern das Böse schlechthin. Trotzdem gingen die Söhne zum Jungvolk und Maria zum Bund Deutscher Mädel. "Das Landleben in Hufschlag ging weiter, ihm wurde nur ein anderes Wapperl aufgesetzt", erinnert sich Ratzinger. "Meine Mutter hat bei der NS-Frauenschaft sogar Rosenkränze gebetet."

Mit dem Krieg änderte sich auch das Landleben. Georg mußte ins Wehrertüchtigungslager der SS in Bad Tölz und zum Arbeitsdienst, Joseph wurde Luftwaffenhelfer. Georg war in Frankreich, Holland und der Tschechoslowakei an der Front; in Italien, am Vesuv, kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Joseph wurde in seinem Elternhaus gefangengenommen. Im Sommer 1945 sah sich die Familie dort wieder.

Kinderträume werden wahr

Im Jahr darauf begannen die Brüder zusammen in Freising mit dem Studium der Theologie. Joseph, der ein Jahr später an das Herzogliche Georgianum nach München wechselte, hatte schon als fünf Jahre alter Junge beim Anblick des Kardinals Faulhaber - er war in einer Limousine zur Firmung nach Tittmoning gekommen - angekündigt, er wolle Kardinal werden, wenn er groß sei. Zuvor war Maurer sein Berufsziel gewesen.

Georg wußte von klein auf, daß er Geistlicher werden wollte. Als Zehnjähriger betete er zum lieben Gott, er möge einen Beruf finden, in dem er Musik und Priesteramt würde verbinden können. Den Vater fragte er, wie derjenige heiße, der im Dom den Chor leitet. "Domkapellmeister!" Den Grundstein zur Verwirklichung beider Kinderträume legte 1951 derselbe Kardinal Faulhaber, der Josephs kindliche Berufsplanung inspiriert hatte: Er weihte die Brüder am selben Tag zum Priester. Die Zeremonie raubte einem Radrennen die Zuschauer.

Musiker und Professor

Dann begann die Karriere des einen als Musikerpriester und des anderen als Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie. Georg, der nach der Theologie noch Kirchenmusik studiert hatte, wohnte seit 1964 mit den Domspatzen im Internat und reiste mit ihnen durch Deutschland, Europa und die Welt bis nach Taiwan. Joseph erhielt Rufe an die Universitäten Bonn, Münster und Tübingen, 1962 begleitete er als "Sachverständiger" den Kölner Kardinal Frings zum Zweiten Vatikanischen Konzil.

Ende der sechziger Jahre ging er nach Regensburg, wo die Studentenunruhen schwächer tobten als an anderen Universitäten. Die Brüder waren für einige Zeit wieder vereint. Im März 1977 berief Papst Paul VI. Joseph Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising und wenig später in den Kardinalsstand; 1981 machte ihn Johannes Paul II. zum Präfekten der Glaubenskongregation.

Nicht die erste Papstwahl

Papstwahlen haben die Ratzingers schon einige erlebt. Als Pius XI. 1939 starb und Pius XII. gewählt wurde, baute der Präfekt des Traunsteiner Gymnasiums Lautsprecher in allen Klassenzimmern ein, so daß die Schüler Radio hören konnten. Beim Tod Pius' XII. 1958 war Georg Ratzinger Chordirektor der Kirche St.Oswald in Traunstein. "Ich hatte ein Konzertabonnement in München", erinnert sich der Prälat. "Auf der Heimfahrt habe ich erfahren, daß Johannes XXIII. gewählt worden war." An die Wahl Pauls VI. 1963 kann er sich nur undeutlich erinnern.

Die Krönung Johannes Pauls I. 1978 hat er selbst in Rom miterlebt. Von Johannes Paul II. hängt ein Bild in Georg Ratzinges Empfangszimmer: "Für Herrn Domkapellmeister Prälat Georg Ratzinger in Anerkennung seiner Verdienste um die Kirchenmusik mit meinem besonderen apostolischen Segen", darunter das Datum, 15. Januar 1994, und die Unterschrift des Papstes. "Das hat mein Bruder ihm für meinen Geburtstag abgebettelt." Als neuen Papst wünscht sich Georg Ratzinger einen, "der glaubensmäßig auf der richtigen Linie ist, mit einer Ausstrahlung, wie sie der jetzige Papst hatte und Johannes XXIII., mit der gleichen unmittelbaren Menschlichkeit und der gleichen Resonanz".

Quelle: F.A.Z., 14.04.2005, Nr. 86 / Seite 9
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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