13.04.2005 · Schon seit sechs Generationen dreht sich bei Familie Gammarelli alles um die Kirche. Die römischen Schneiderei in der Nähe des Pantheon kleidet Priester, Bischöfe und Kardinäle ein - und den Papst.
Von Ariane WirthNur der Zucchetto, das weiße Scheitelkäppchen des Papstes aus Moireseide, liegt in diesen Tagen in dem mit dunkelrotem Tuch ausgeschlagenen Schaufenster von Gammarelli. Vor dem Eingang zum Schneider der Päpste hängt die vatikanische Fahne auf halbmast.
Im kleinen Verkaufsraum selbst wirkt alles gediegen und ein wenig altmodisch: die massive Ladentheke aus dunkelbraunem Holz, die schlichten Regale mit Stoffballen in Schwarz (Priester), Violett (Bischöfe) und Purpurrot (Kardinäle). Dekorativ wirkt allein der flache Kardinalshut aus rotem Filz, der auf einem Berg zahlloser kleiner Seidentroddeln auf einem Tisch in der Ecke des Ladens ruht.
Persönlich signiert
Pakete mit amerikanischer Adresse stapeln sich auf dem Boden. An der Wand hängen neben vergilbten Urkunden, die Familie Gammarelli als päpstliche Schneider seit Pius X. ausweisen, die Porträts der letzten sechs Päpste. Alle sind sie persönlich signiert - bis auf das von Johannes Paul I. Sein Pontifikat, das nur 33 Tage dauerte, war selbst hierfür zu kurz.
Schon in der sechsten Generation schneidert die Familie Gammarelli den Pfarrern, Bischöfen, Kardinälen und eben auch Päpsten schlichte oder auch prächtige Gewänder auf den Leib. Die Vorfahren hätten nicht gleich mit der Ausstattung von Päpsten angefangen, sondern seit 1798 für den römischen Klerus geschneidert. "Wahrscheinlich war es einfach ein Zufall, daß sie einen Pfarrer kannten", erzählt Filippo Gammarelli, der zusammen mit seinem Bruder Annibale und seinem Neffen Massimiliano das Geschäft leitet.
Fotografieren verboten
Seit 150 Jahren hat das Familienunternehmen seinen Sitz an der Piazza della Minerva, einem kleinen Platz gleich hinter dem Pantheon, in einem Palazzo, in dem der Vatikan auch seine Diplomaten ausbildet. Über dem Schaufenster zeigen die Lettern "Sartoria per Ecclesiastici" die höhere Bestimmung des Geschäfts an: "Schneiderei für Geistliche".
Der 63 Jahre alte Filippo Gammarelli ist vor allem auf Diskretion bedacht. Neugierig beäugt er jeden Eintretenden, besonders, wenn er durch seine Kleidung nicht sofort als ein Mann der Kirche zu erkennen ist. Enttäuschte Gesichter gibt es denn auch bei dem Fernsehteam eines italienischen Privatsenders. Die Kamera muß ausgeschaltet bleiben, auch das Fotografieren im Verkaufsraum ist verboten. Nach ein paar Minuten verlassen die Fernsehleute enttäuscht das Geschäft.
Verschwiegen wie ein Beichtvater
Einen O-Ton von Filippo Gammarelli, der nach negativen Erfahrungen mit der Presse verschwiegen ist wie ein Beichtvater, aber immerhin noch eines der gesprächigsten Mitglieder seiner Familie, hätten sie ohnehin nicht bekommen.
Es gebe für ihn und seine fünfzehn Mitarbeiter nicht unbedingt mehr zu tun in diesen für den Vatikan so schwierigen Tagen, berichtet Gammarelli mit leiser Stimme. Nicht so viel jedenfalls, wie wenn der Papst - was Johannes Paul II. gerne tat - gleichzeitig mehrere neue Kardinäle ernannte.
Drei verschiedene Größen
Natürlich müßten aber nun die neuen Papstgewänder angefertigt werden, damit sie noch vor Beginn des neuen Konklave am kommenden Montag in den Vatikan geschickt werden können. Sobald der neugewählte Papst die Wahl annimmt, muß er sofort eingekleidet werden, bevor er sich der Öffentlichkeit zeigt. Da niemand aber wissen kann, von welcher Statur der neue Papst sein wird, werden weiße Soutanen in drei verschiedenen Größen genäht - für einen kleinen, mittelgroßen und großen Kandidaten.
Denn einmal hatte man sich vertan: Angelo Giuseppe Roncalli, der als Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil einberufen und die Kirche reformieren sollte, war klein und rundlich, ganz anders als sein schmaler und großer Vorgänger Pius XII. Nach der Wahl im Jahr 1958 mußte man - für den ersten Segen auf der Loggia über dem Petersplatz - die Rückennaht des Gewandes auftrennen und mit Sicherheitsnadeln zusammenhalten.
Seidenmoire und Wolle
Nun also werden für den Vatikan drei Pakete für drei verschiedene Größen vorbereitet. Jedes davon enthält zwei Gewänder: eines aus Seidenmoire und eines aus Wolle. Hinzu kommen eine weiße Schärpe, dazu die Mozzetta, ein purpurfarbener Schulterumhang, sowie das weiße Seidenkäppchen.
Rotbraune Kalbslederschuhe, die dem Papst - auch als Gegensatz zu den schwarzen Schuhen der niederen Ränge - vorbehalten sind, liefert Gammarelli in fünf verschiedenen Größen. Die Schuhe allerdings werden bei Danilo Mancini angefordert und in der Werkstatt im Vicolo della Volpe in Handarbeit gefertigt.
Verschwiegenheit ist Pflicht
Im Stockwerk über dem Geschäft der Gammarelli, in das man über eine knarrende düstere Holztreppe gelangt, sitzen vier Näherinnen über ihre Arbeit gebeugt. Ein Papstgewand hängt schon halb fertig über einer Schneiderpuppe in der Ecke des hell erleuchteten Raumes. An einem anderen wird gerade auf einem großen Tisch gearbeitet.
"Für eine Soutane ist, anders als bei einer Anzugjacke, zunächst die vordere und hintere Länge des Gewands von großer Bedeutung", sagt Gammarelli. Dann werden Halsumfang, Ärmellänge, Brust und Taille vermessen. Verschwiegenheit ist Pflicht: Die persönlichen Maße der Päpste werden seit Jahrzehnten in dicke Bücher eingetragen, in die Gammarelli niemals Einblick gewähren würde. Neuerdings verwalten die Mitarbeiter die Maße ihrer Kundschaft auch im Computer.
Die Kleiderordnung der Kardinäle
Nur über die Köpfe der Päpste weiß man, daß sie größer sind als die der Normalsterblichen: Paul VI. hatte Hutgröße 60, Johannes Paul II. sogar 62. Zum Geheimnis des Schneiders gehören übrigens auch die Preise. Die Ausstattung eines Bischofs aber kostet, wie ein intimer Kenner des Vatikans verrät, etwa 5000 Euro.
Kaum ein Schneider richtet sich weniger nach der Mode als Gammarelli. Aber auch die Gewänder des katholischen Klerus haben sich verändert: vereinfacht. Die Kleiderordnung für Kardinäle sieht nicht mehr den breitkrempigen roten Hut mit Goldquasten vor, nicht mehr die Schuhe mit silbernen Schnallen, nicht mehr den zehn Meter langen roten Seidenumhang.
Rote Socken
Heute genügt den Kardinälen ein schwarzer Talar mit roter Borte und roter Schärpe, auf Reisen ein schwarzer Anzug mit Kollar (dem weißem Priesterkragen) und einfachem roten Streifen unter dem Kragen. Für liturgische Anlässe gibt es die rote Soutane mit roter Seidenborte, das weiße Chorhemd (Rochet), die rote Mozzetta, das rote Scheitelkäppchen, die rote Moireschärpe und rote Socken.
Seit dem Pontifikat von Paul VI. verzichtet der Papst auf den Hermelinbesatz auf der Mozzetta, und Johannes Paul II. war ohnehin bekannt dafür, daß er einfache und schlichte Kleidung mochte. Auch kann man in der Praxis nicht immer starr an der Symbolik festhalten: Die vorderen 33 Knöpfe - einer für jedes Lebensjahr Jesu, wie es die Tradition will - reichen bei einem besonders hochaufgeschossenen Kardinal oder Bischof nicht aus, um das Gewand harmonisch zu schließen.
Mit der Andeutung eines Lächelns
Für seine Maßarbeit würden nur beste Stoffe aus Italien verwendet, sagt Filippo Gammarelli. Die meisten Stoffe kauft er im norditalienischen Stoffdistrikt Biella in den Bergen zwischen Mailand und Turin. Bis zu zwanzig verschiedene schwarze Stoffe, vom leichten "fresco di lana" für den Sommer bis hin zur schweren Winterwolle, sind immer vorrätig. Von rotem oder violettem Tuch braucht er jeweils zehn Sorten.
Doch der Stoff für Bischöfe und Kardinäle ist nicht so weit verbreitet. "Wir legen uns davon ausreichend Vorräte an, natürlich auch vom Material für die weißen Papstgewänder", sagt Gammarelli. Bei der Auswahl der Stoffe werden auch persönliche Vorlieben der Kunden berücksichtigt. "Papst Johannes Paul II. bevorzugte leichte Stoffqualitäten", berichtet Gammarelli mit der Andeutung eines Lächelns. Für einen Italiener ist das die typische Wahl eines Nordeuropäers, der sich in Rom aufhält. Bei Johannes Paul II. kam hinzu, daß er viele Reisen in südliche Länder unternahm.
Wie bei einer Modenschau
Für gewöhnlich unterscheidet sich das Tagesgeschäft bei Gammarelli kaum von dem der üblichen Modeläden in der Ewigen Stadt. Ein Angestellter wickelt ein paar lilafarbene Socken in braunes Paketpapier und reicht es zwei Frauen über die Ladentheke, während gleichzeitig ein Priester in schlichtem schwarzen Anzug sein Jackett auseinanderhält, damit ihm der Verkäufer eine Schärpe um die Taille drapieren kann.
Ein beleibter afrikanischer Bischof mit vier Frauen im Gefolge betritt das Geschäft. Da wird es eng und laut in dem Laden. Eine der Frauen spricht ständig in ihr Handy, der Bischof hat ein golddurchwirktes Meßgewand über seine schwarze Soutane gestreift und dreht sich wie bei einer Modenschau mit hocherhobenen Armen um sich selbst.
Das normalsterbliche Publikum
Spiegel gibt es nicht in dem Verkaufsraum, so daß er allein auf das Urteil seiner Begleiterinnen angewiesen ist. Zum Schluß setzt der Geistliche noch eine Mitra auf. Da ruft ein Angestellter "Eccellenza" und begrüßt mit leichter Verbeugung einen weiteren afrikanischen Bischof, der in Begleitung eines blassen jungen Priesters in langem schwarzen Gewand über die Schwelle tritt. Plötzlich kniet der junge Mann vor dem Bischof nieder, der ihm neben dem Stoffballen-Regal seinen Segen erteilt, indem er das Kreuz über ihm schlägt. Dann eilt der Priester davon.
Vor dem Laden drängeln sich unterdessen Touristen und Schaulustige mit Fotoapparaten, die in den Laden hineinfotografieren wollen. Auf das normalsterbliche Publikum machen die Gammarellis ohnehin großen Eindruck: So kaufte der französische Premier Edouard Balladur zu seinen Anzügen rote - kardinalsrote - Seidensocken von Gammarelli.
Zur Anprobe in den Vatikan
Nun aber macht der Andrang Signor Gammarelli nervös. Er muß sich buchstäblich schützend vor seine auserwählte Kundschaft stellen. Er hat eine Tradition und seinen Ruf zu verteidigen. Die gefährdete Diskretion, der prallvolle Terminkalender und überhaupt die Würde des Papstes mögen die Gründe dafür sein, daß kein Papst persönlich in das Geschäft käme: Zur Anprobe geht Gammarelli schon selbst in den Vatikan.
Doch auch für Kardinäle und Bischöfe lohnt es sich, auf Diskretion zu achten. Gammarelli weiß, daß es nicht selbstverständlich ist, wieder für den nächsten Papst zu arbeiten. So hatte zum Beispiel Pius XII. - als einziger in einer Reihe vieler Oberhirten seit 1793 - seinen eigenen Schneider. "Wenn der zukünftige Heilige Vater es möchte, werden wir wieder seine Gewänder nähen", sagt Gammarelli. "Denn bis zum Ausgang des Konklave sind immer zwei Dinge ungewiß: der Name des neuen Papstes und der seines Schneiders!"