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Johannes Paul II. Im Schatten des Großen

05.04.2005 ·  Johannes Paul II. hat in seiner langen Amtszeit die meisten der Kardinäle ernannt, die nun seinen Nachfolger küren müssen. Aber welches Kriterium ist bei der Suche nach dem nächsten Papst entscheidend?

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Ob die Kardinäle wollen oder nicht: Niemand und nichts beeinflußt ihre Suche nach dem Nachfolger eines Papstes so sehr wie der gerade verstorbene Johannes Paul II. Ihn darf man nach einem Wort des bisherigen Kardinal-Staatssekretärs Angelo Sodano vom Sonntag nun auch „Magnus“, den Großen nennen.

Wenn die Kardinäle jetzt zusammenkommen, zu den offiziellen Kongregationen wie am Montag und zu schnell verabredeten Treffen im kleinen Kreis in den nächsten Tagen, ist die Gestalt des Toten, des nun im Petersdom Aufgebahrten und tausendfach Verehrten, das entscheidende Kriterium bei der Kandidatensuche.

Vakuum der Macht

Das liegt nicht allein daran, daß fast alle wahlberechtigten Kardinäle - Joseph Ratzinger zählt zu den Ausnahmen - während seiner 26 Jahre währenden Amtszeit von Johannes Paul II. in das Kollegium berufen wurden. Die Person dieses Papstes hat die meisten von ihnen genauso wie die Kirche überhaupt geprägt. Seine physische und geistige Erscheinung, Substanz und Stil seiner Amtsführung, sind noch präsent.

Doch wegen des Monokratischen des Papsttums und dieses „Großen“ ist auch das Vakuum nun spürbar. So sprechen die Kardinäle erst jetzt nach Beginn der Sedisvakanz - wenn auch diskret und oft verklausuliert - über einzelne Kollegen, wie jener oder dieser sich wohl in dem höchsten Amt „machen“ würde, stets im Vergleich zum Vorgänger. Wenn ein Fremder hinzutritt, sprechen sie über das schöne römische Frühlingswetter, das jedoch kalte Nächte aufweise.

Ein absoluter Monarch

Auch gegen Ende des Pontifikats redeten Kardinäle ungern über die Nachfolge, nicht einmal als Vorbereitung für den Ernstfall. Für den lebenden Papst schien stets die lateinische Standardformel zu gelten, daß er „feliciter regnans“ sei, glücklich regiere, unangefochten von den „Prinzen“ der Kirche, weil er ein absoluter Monarch ist, und in dieser Stellung noch religiös verankert. Die „Eminentissimi ac Reverendissimi“, die „Hervorragendsten und Hochwürdigsten Herren“, wie die kuriale Formel lautet, sprachen daher selten untereinander über den obersten Pontifex und noch weniger mit Außenstehenden, selbst kaum im vertraulichen Gespräch.

Zur „Kardinal-Tugend“ der Klugheit gehört die Fähigkeit zu schweigen. Wenn doch einmal die Person des Papstes Gegenstand des Diskurses wurde, so kleideten die Eminenzen die Spur einer Kritik, den Anflug von Distanz in Fragen oder in geistvolle Ironie. Da blitzte auf, daß bei den „Kreaturen“ des Papstes wohl von einer besonderen Beziehung, doch nicht von sklavischer Ergebenheit gegenüber ihrem „Schöpfer“ die Rede sein kann.

Eine scherzhafte Regel

Erst der Beginn der Sedisvakanz mit dem Tod des Papstes gibt Raum für nüchterne Gespräche und offene Diskussionen darüber, wer und, davon abhängig, was wie nun kommen müsse. Dabei soll der Vorgänger, seine Person und seine Amtsführung, nicht zur Belastung werden. Eher scherzhaft hat man eine Regel für die Folge der Päpste abgeleitet: Seit 1846/78 folge auf einen Dicken ein Dünner, auf einen mit „r“ im Namen einer ohne: Giovanni Mastai-Ferretti (rundlich), Gioacchino Pecci (hager), und weiter im Wechsel: Giuseppe Sarto, Giacomo della Chiesa, Achille Ratti, Eugenio Pacelli, Angelo Roncalli und Giambattista Montini. Nur Johannes Paul I., Albino Luciani, ein Schmächtiger, unterbrach die Regel, weshalb er auch nur 33 Tage regierte, und von einem kräftigen Karol abgelöst wurde... Demnach müßte man einen Hageren suchen.

Hinter solchen Scherzen verbirgt sich der Wunsch nach Wechsel und Kontinuität, Abwechslung und Vertrautem zugleich. Der Nachfolger soll fortführen, was der Vorgänger gut gemacht hat, darf jedoch in Charakter und Auftreten Neues bringen. Oder er soll verbessern, was vernachlässigt, zurückdrängen, was übertrieben wurde, darf jedoch ähneln im Vorbildlichen.

Der Kurs des Kirchenschiffs

Erst jetzt, in den Vorgesprächen, wird die Kirchenpolitik des verstorbenen Papstes einer kühlen Beurteilung, oft einer kalten Analyse unterzogen - auch wenn die Kardinäle zumeist gerade dieser kirchenpolitischen Linie ihre Erhebung in den Purpurstand verdanken. Doch bevor man sich verzwickten Fragen der eigentlichen Kirchenpolitik widmet, stehen fast oberflächliche persöliche Kriterien im Vordergrund. Deshalb gelangt man von Konklave zu Konklave zu gänzlich anderen Einschätzungen, mag sich ein Papst auch noch so große Mühe gegeben haben, den Kurs des Kirchenschiffs festzulegen. Wenig ist total umkehrbar. Doch auch kleine Korrekturen können ein Schiff anders ausrichten.

Nach diesem langen Pontifikat etwa meint man, daß junge Päpste auf Dauer nicht nur Vorteile bieten, daß ein dynamischer Endfünfziger wie Karol Wojtyla, als er 1978 dem plötzlich gestorbenen Johannes Paul I. nachfolgte, viele frische Impulse geben kann, daß die vorwärtsstürmende Kraft jedoch nicht immer vonnöten sei. Man erinnert sich, daß Johannes XXIII. im gesegneten Alter von knapp 77 Jahren wahrlich genügend Anstöße gab und bei seinem Tod alle traurig waren. Jede Planung ist freilich schwer. Nach dem längsten Pontifikat der Kirchengeschichte, dem 32 Jahre (1846 bis 1878) währenden von Pius IX. - vom 54. bis zum 86. Lebensjahr - wählte man den 68 Jahre alten Leo XIII., und der wurde 93 Jahre alt.

Die Sprache Dantes

Die Wahrscheinlichkeit, daß auf einen Italiener ein Italiener folgte, war im letzten halben Jahrtausend hoch, doch auch begrenzt, wie der Pole Karol Wojtyla bewies. Die Möglichkeit, daß nach einem Polen wieder ein Pole gewählt wird, ist nicht auszuschließen, wird jedoch als unwahrscheinlich angesehen. Für einen Italiener spricht stets das Argument, daß ein „Bischof von Rom“ und „Primas von Italien“ zu wählen sei. Also muß ein aussichtsreicher Kandidat entweder römische oder italienische Erfahrungen vorweisen können oder wenigstens die Sprache Dantes beherrschen, was Karol Wojtyla konnte, sogar mit Charme, wie schon seine ersten Sätze zeigten.

Für einen Europäer wäre ins Feld zu führen, daß einer der päpstlichen Titel lautet: „Patriarch des Abendlands“. Bei dem Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla wurde berücksichtigt, daß der europäische Okzident nicht vor Osteuropa aufhört, sondern erst an der Grenze zum nicht-lateinischen, orthodoxen Orient. Aber da bei Gott kein Ding unmöglich ist und im 21. Jahrhundert keine Kreuzzüge zur Rettung des Abendlands geführt werden müssen, kann sich die Phantasie auch für einen Schwarz-Afrikaner öffnen.

Äußere Kriterien

Da schlägt schnell die Debatte von vermeintlich äußeren Kriterien wie der Nationalität oder der Hautfarbe um in geopolitische Eröterungen. Irgendein Kardinal wird mit Sicherheit darauf hinweisen, daß man es mit dem Abendland im dritten Jahrtausend nicht zu leicht nehmen sollte. Doch ein anderer könnte erwidern, Europa habe Christentum und Kirche in ihrer Pubertätszeit von zwei Jahrtausenden beigestanden; nun müßten beide erwachsen werden; deshalb sei die Zeit reif für einen Mann aus dem Süden der Welt.

Das vergangene Pontifikat kann noch so großartig und vorbildlich gewesen sein. Fast unmerklich, fast automatisch rückt ins Bewußtsein, wo Wünsche unerfüllt blieben oder in letzter Zeit geweckt wurden. Da wird in der Bilanz aus der Festigkeit des Vorgängers Starrsinn, gar Sturheit, und man sucht jemanden, der in der Substanz ebenfalls ein Fels sein kann, aber im Stil nicht so wirkt, der Charme und Freundlichkeit kommunikativ in ihr Recht setzt, der „nicht mit dem Kopf durch die Wand will“, wie man es im Vatikan zuweilen über Johannes Paul II. hören konnte. Man werde nach einem spüren, heißt es „ohne Kritik“, dem die Liebe zu den Menschen im Gesicht steht und nicht nur die Sorge. Nach einem, der nicht wie ein Atlas auf seinen Schultern die Last der Welt trägt und vielleicht meint, wenn es ihm zu schwer werde, dann gehe alles zugrunde. So solle jemand her, meinte ein Kardinal aus dem „Süden“ freundlich lächelnd, der dem lieben Gott die Verantwortung für die Welt und, Jesus, dem Gründer des Christentums, die für seine Kirche zurückgibt.

Johannes Paul I. und Johannes XXIII. bildeten einen Kontrast zu ihren Vorgängern und ließen Heiteres Grämlichem, Gütiges Strengem folgen. Wo aber will ein Nachfolger Johannes Paul den Großen ergänzen oder kontrastieren? Der Nachfolger eines großen Papstes hat es schwer, diesmal wohl besonders. Und die Kardinäle jetzt, erst einmal einen zu finden.

Quelle: F.A.Z., 05.04.2005, Nr. 78 / Seite 3
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