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Johannes Paul II. Der Welt-Missionar

03.04.2005 ·  Johannes Paul II. war ein Welt-Missionar. Denn Karol Wojtyla reiste schon immer gern, und nie fiel es ihm schwer, etwas anderes als das schon Vertraute kennenzulernen, sich darauf einzustellen, sich dem zunächst Fremden anzupassen, um es aufzunehmen.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Johannes Paul II. war ein Welt-Missionar. Denn Karol Wojtyla reiste schon immer gern, und nie fiel es ihm schwer, etwas anderes als das schon Vertraute kennenzulernen, sich darauf einzustellen, sich dem zunächst Fremden anzupassen, um es aufzunehmen. Immer war er begierig, Neues zu erfahren. Das bereitete ihm Freude.

Noch wenige Monate vor seiner Wahl zum Papst reiste er mit einer Delegation der Polnischen Bischofskonferenz durch Deutschland, als „zweiter Mann“ hinter dem Primas, Kardinal Wyszynski, dem Erzbischof von Gnesen und Warschau. Wer ihn dabei begleitete, hatte nie den Eindruck, daß ihm die mit dem Reisen verbundenen Umstände lästig fielen. Unermüdlich zeigte er Interesse daran, was man woanders anders machte, in der Kirche oder im alltäglichen Leben. Bis zu seiner letzten Auslandsreise in den französischen Marienwallfahrtsort Lourdes im Sommer 2004 nahm er das Unbequeme, das störend Unbekannte, die nunmehr schmerzvoll erfahrene Fremde auf sich. Das war notwendig für die Person, unabdingbar für sein Amtsverständnis.

Weg vom kommunistischen Regime seit Kriegsende

Dabei spielte für den polnischen Priester Wojtyla (seit 1946), den Auxiliar-Bischof (seit 1958), den Erzbischof von Krakau (seit 1964), den Kardinal (seit 1967) eine Rolle, daß man Polen hin und wieder gerne hinter sich ließ. Weg vom kommunistischen Regime seit Kriegsende, heraus aus der Enge der Krakauer Altstadt - man konnte schließlich nicht immer im Hochgefühl des Wawel, der Königsburg, schweben -, heraus aus dem sozialistischen Grau in die weite, farbige Welt. Was ihm dabei stets die Ausbrüche aus dem vom Kommunismus beherrschten Leben ermöglichte, war die katholische Kirche mit ihren Priestern, Bischöfen und Theologieprofessoren in anderen Ländern, nicht zuletzt in Deutschland, die ihn herzlich willkommen hießen.

Befreiung vom sozialistisch verarmten Alltag verhießen auch die immer häufigeren Reisen nach Rom, ins päpstliche Zentrum der Christenheit. Gerade in den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) mit Vorbereitungen und Nacharbeiten erwies sich die Anbindung der einzelnen Nationalkirchen an Rom und den Papst für den polnischen Kirchenmann im Schatten Wyszynskis als Überlebenshilfe, zugleich nützlich und erfreulich. Ob man mit der vatikanischen Ostpolitik in jenen Jahren unter Paul VI. (1963 bis 1978) in allen Details und diplomatischen Schachzügen einverstanden war, sei dahingestellt. Daß alle Bischöfe und Priester hinter dem Eisernen Vorhang gern nach Rom reisten, zuweilen mit einem Umweg über einen lebhaften Ort, etwa über Wien, daß sie jede Gelegenheit zu einer Unterbrechung des östlichen Lebens wahrnahmen, steht außer Frage.

Karol Wojtylas Lebenselixier

Die Verbindung zwischen dem päpstlichen Rom und den einzelnen Ortskirchen war für Karol Wojtyla Lebenselixier. Kein Wunder also, daß er dies weiter nutzte und vielleicht brauchte, als er plötzlich und unverhofft auf der anderen Seite stand, im riesigen Apostolischen Palast des Vatikans residierte. Es war selbstverständlich, daß er auch als Papst weiterreiste. Und es war notwendig. Weil er die Segnungen des Päpstlichen als positive Auswirkungen auf die Ortskirche in Polen erfahren hatte, fühlte er sich verpflichtet, als „oberster Hirte“ der ganzen katholischen „Herde“ auf die Entwicklungen in den einzelnen Ländern und größeren Erdregionen einzuwirken.

Grund der ersten Reise war nicht eine Großveranstaltung, sondern die programmatisch und kirchenpolitisch äußerst bedeutsame Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates (Celam) in der mexikanischen Stadt Puebla, nach jener entscheidenden Weichenstellung in Medellin mit der vieldeutigen „vorrangigen Option für die Armen“ im Jahr 1968.

Daß die ersten drei Apostolischen Visiten in Mexiko, Polen sowie Irland und den Vereinigten Staaten zu Massenaufläufen und zu den persönlichen Triumphen eines neuen Superstars auf Weltebene führen würden, war nicht vorherzusehen gewesen, bestimmte dann freilich die weiteren Reiseplanungen. Der Charme des neuen Papstes sollte für die Mission der Kirche genutzt werden.

Die leisen Reisen in der feindlichen Fremde

Daß Johannes Paul II. jedoch auch die leisen Reisen in der feindlichen Fremde nicht scheute - der Kommunismus hatte ihn Furchtlosigkeit gelehrt -, bewies schon die vierte Reise in die Türkei, zum Ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. in Istanbul. Dort wollte Johannes Paul II. nicht Massen in Bann schlagen, sondern bescheiden im stillen bei den Orthodoxen für die Einheit der Christen werben. War zunächst das innerkirchliche Element der treibende Grund, sollten also zuerst „die Schwestern und Brüder im Glauben gestärkt“ werden, wie es die Bibel von Petrus fordert, waren häufig auch die Einheit der Bischöfe und der Gläubigen innerhalb der Ortskirche und dann ihre Ausrichtung auf Rom zu festigen, so trat bald das Missionarische in den Vordergrund. Johannes Paul II. wurde mit einem Schlag der auffälligste Missionar und Glaubenspropagandist seiner Kirche.

Wohin immer er kam bei den mehr als 100 Reisen in das nichtitalienische Ausland, ins Innerste Afrikas oder in die Weiten des Pazifiks, zu den reservierten Schweizern oder den (postkommunistisch) gleichgültigen Pragern, er war ein öffentliches Thema - er, Kirche, Religion, Moral und ganz allgemein der Sinn des Lebens. Journalisten schrieben sich darüber die Finger wund, Radiosprecher fanden kein Ende, Fernsehsender wurden andächtig. Ob die breite Präsenz in der Öffentlichkeit auch in die Tiefe der Herzen ging, wurde von Zweiflern stets angemerkt. Johannes Paul II. begriff seine Reisen als Chance und nutzte die Gelegenheiten, die sich ihm boten - zumal er seine Mission nicht in Konkurrenz zu den engagierten Katholiken in den Nationalkirchen begriff, zu Bischöfen, Priestern und einsatzfreudigen Laien, sondern als Ergänzung, zuweilen als Ausgangspunkt politischer Veränderungen.

Ein neuer Papst beim Weltjugendtag in Deutschland

Mit den Jahren schoben sich freilich auch die Mühen nach vorn. Ein Abnutzungseffekt wurde sichtbar, wie für das gesamte Pontifikat, so auch für die Reisen. Aber der Papst führte seine Pflicht, wie er sie verstand, gewissenhaft fort. Nichts beweist diese Auffassung besser als die viel weniger beachteten Reisen innerhalb Italiens und die Besuche in den römischen Pfarreien, die kaum jemand gezählt hat und die auch unter zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden fortgeführt wurden. Als „Primas von Italien“ und „Bischof von Rom“ müsse er das tun, wehrte Johannes Paul II. stets alle Einwände ab oder gar die Einladung, sich zu schonen. Daß Reisen auch etwas kostet, daß großartige Altäre, geräumige Stadien, Videoleinwände, Dienstleistungen und Organisationen ihren Preis haben, interessierte den Papst wenig.

Die Zahlenbilanz nach mehr als 26 Jahren des Pontifikats ist eindrucksvoll. Mehr als zweieinhalb Jahre seiner Amtszeit verbrachte Johannes Paul II. nach Angaben von Radio Vatikan auf Reisen in Italien und im Ausland. Dabei legte er mehr als 1,1 Millionen Kilometer zurück und hielt Tausende Predigten und Ansprachen an unzähligen Orten der Erde, in den Metropolen wie in entlegensten Regionen. All das sollte der Einheit und der Stärke „seiner“ Kirche in schwierigen Zeiten dienen, sollten Kirche, Gott und Religion ins Gespräch bringen, den katholischen Vorstellungen von der Zukunft der Menschheit, von Frieden und Gerechtigkeit auf Erden Gehör verschaffen. Um dieser Ziele willen schleppte sich Johannes Paul II. bis zum vergangenen Sommer vom Vatikan fort, krank, gebrechlich, voll Schmerzen. Zum XX. Weltjugendtag, der vom 11. bis 21. August 2005 in Deutschland stattfinden wird, hatte er sich längst angemeldet. Nun wird im Sommer ein anderer Papst von Rom an den Rhein kommen.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2005, Nr. 77 / Seite 2
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